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Verknüpfung öffentlicher Fahrradverleihsysteme mit dem ÖPNV

Erstellt am: 15.12.2010 | Stand des Wissens: 20.01.2017
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Folgende Idee steckt hinter dem öffentlichen Fahrradverleihsystem: öffentliche Fahrräder werden ergänzend für die kurzen Wege zu Zielen eingesetzt, die vom öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nicht so schnell oder flexibel bedient werden (können). Sie sollen keine Konkurrenz zum ÖPNV darstellen, sondern vielmehr ein ergänzendes Angebot zur Verbesserung der öffentlichen Nahmobilität sein [LeitfInterde10]. Sie helfen auch, Fahrradmitnahme und die Notwendigkeit von Bike and Ride-Angeboten zu begrenzen [LeitfInterde10, S.32].

Für die Kommunen als Aufgabenträger sowie für die Verkehrsunternehmen und -verbünde ist es vorteilhaft, wenn die dynamischen Entwicklungen bei öffentlichen Fahrradverleihsystemen nicht isoliert, sondern im Verbund stattfinden. Öffentliche Fahrräder sollten als ein natürlicher Bestandteil des ÖPNV zur Erweiterung der öffentlichen Mobilitätsdienstleistungen in Städten gesehen werden. Sie tragen in Verbindung mit Bussen und Bahnen sowie CarSharing zur Stärkung des Mobilitätsverbundes bei. Die Notwendigkeit der Autonutzung im Stadtverkehr wird dadurch verringert [Interde10].

Da moderne öffentliche Fahrradverleihsysteme kaum kostendeckend arbeiten (können), erscheint angesichts des möglichen Beitrags zur Umwelt- und Verkehrsentlastung eine Mitfinanzierung durch öffentliche Gelder sachgerecht. Durch Einbeziehung weiterer Finanzierungsquellen, wie zum Beispiel Werbeeinnahmen, kann der Finanzierungsbedarf minimiert werden [Interde10].

Zur Ausgestaltung eines integrierten öffentlichen Fahrradverleihsystems wurden folgende Empfehlungen für einen koordinierten Betrieb abgeleitet [Interde10, S.149]:


a) Gemeinsame Werbung mit ÖPNV-Unternehmen erzeugt Synergieeffekte für den Umweltverbund (ähnlich wie CarSharing machen öffentliche Fahrräder unabhängiger von der Autonutzung und generieren damit ÖPNV-Kunden):
  • Nutzung der etablierten Werbe- und Vertriebsstrukturen des ÖPNV (vergleiche "Call a Bike").
  • Integration der öffentlichen Fahrräder in Werbeflyer, Broschüren, verknüpfende Spezialangebote etc.
  • Gegebenenfalls Nutzung der Fahrräder als Image- und Werbeträger für den ÖPNV.
  • Visuelle Präsenz der Fahrräder in der Umgebung von ÖPNV-Haltestellen, möglichst auch als Fahrzeuge des ÖPNV-Unternehmen beziehungsweise als Teil des Verbundes.
b) Verknüpfte Tarife und Design betonen die Einheit von ÖPNV und öffentlichen Fahrradverleihsystemen als neues öffentliches Angebot der Nahmobilität:
  • Nutzung von ÖPNV-Kundenkarten als Zugangsmedium für die Fahrradausleihe.
  • Progressive Tarifstaffelung bei der Radausleihe, sodass längere Fahrten relativ teuer werden. Dies führt zu hoher Verfügbarkeit der Räder mit einer hohen Nutzungsfrequenz von zirka 5 - 15 Ausleihen pro Tag und Rad und bewirkt, dass ein Großteil der Fahrten für kurze Wege und wenig in Konkurrenz zu ÖPNV-Fahrten absolviert wird.
  • Nutzervorteile für ÖPNV-Kunden, zum Beispiel Einbeziehung der Verleihsystemnutzung in Zeitkarten oder Touristenkarten (zum Beispiel die ersten 30 - 60 Minuten frei).
  • Empfohlen wird ein einheitliches Design (ÖPNV und öffentliches Fahrradverleihsystem), um die Einheit des Verbundes von ÖPNV und öffentlichen Fahrrädern zu verdeutlichen.
c) Standortoptimierung der Ausleihstationen/Verknüpfung mit dem ÖPNV:
  • Festlegung von Fahrradverleihstationen an ÖPNV-Haltestellen, dass die Ergänzungen der Systeme deutlich werden (Relationen mit Zusatznutzen zum sonstigen ÖPNV, umsteigefreundliche Standorte in ÖPNV-Haltestellennähe, Ergänzungsfunktion in Gebieten mit geringer ÖPNV-Erschließung).
  • Gemeinsame Nutzung notwendiger Infrastruktur (zum Beispiel Bike and Ride-Anlagen, Informationsstellen) und Medien (Infopoint, gemeinsame Kommunikationsplattformen, zum Beispiel im Internet, aber auch technische Ausstattungen wie Elektro- und Telekommunikationsanschlüsse).
d) Planungs-/Betriebsdetails als wichtige Komponenten für ein funktionierendes Fahrradverleihsystem:
  • Stationen sollten 300 Meter (bis 600 Meter) voneinander entfernt stehen (Anzustreben ist direkte Sichtbarkeit zwischen zwei benachbarten Stationen, um hohe Nutzerfrequenz für kurze Wege zu erzielen).
  • Empfohlen werden stationsgebundene Systeme. Das System sollte ohne die Nutzung von Mobilfunkgeräten nutzbar sein (Nutzerhemmschwelle, Verfügbarkeit von Handys nicht immer vorrausetzbar).
  • Nutzung der öffentlichen Fahrradverleihsysteme via Chipkartensystem (Ankopplungsoption an die Karten vieler Träger).
  • Öffentliche Fahrradverleihsysteme sollten möglichst direkt finanziert werden (möglichst hoher Nutzerbeitrag, aber niedrig genug, sodass die Systeme ausreichend Nutzer anzieht; des Weiteren Zuwendungen durch Aufgabenträger und der an der Nahmobilität beteiligten Unternehmen).
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Öffentliche Fahrradverleihsysteme (Stand des Wissens: 14.02.2017)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?336909
Literatur
[Difu12] Tilmann Bracher Innovative Öffentliche Fahrradverleihsysteme in Deutschland - Schlussfolgerungen und Zwischenbericht, 2012/11/08
[Interde10] TU Dresden, Lehrstuhl Verkehrs- und Infrastrukturplanung, Prof. Dr.-Ing. G.-A. Ahrens, Ahrens, Gerd-Axel, Aurich, Tanja, Böhmer, Thomas, Klotzsch, Jeannette, Pitrone, Anne Interdependenzen zwischen Fahrrad- und ÖPNV-Nutzung. Analysen, Strategien und Maßnahmen einer integrierten Förderung in Städten, 2010
[LeitfInterde10] TU Dresden, Lehrstuhl Verkehrs- und Infrastrukturplanung, Prof. Dr.-Ing. G.-A. Ahrens, Ahrens, G.-A., Aurich, T., Böhmer, T., Klotzsch, J. Leitfaden Interdependenzen zwischen Fahrrad- und ÖPNV-Nutzung , 2010/01
Weiterführende Literatur
[BMVBS10j] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur Innovative Mobilität in Städten - Integration öffentlicher Fahrradverleihsysteme in den ÖPNV: Rechtliche und finanzielle Aspekte, 2010
[Hand09] Jens Handrick Öffentliche Fahrradverleihsysteme und ÖPNV, 2009
[Obis11] Janett Büttner, Hendrik Mlasowsky, Tim Birkholz, et. al. Optimising Bike Sharing in European Cities. Ein Handbuch., 2011/06
Glossar
Aufgabenträger
Die Aufgabenträger des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) sind nach dem Regionalisierungsgesetz des Bundes und den Nahverkehrsgesetzen der Länder kreisfreien Städten, Kreisen, Zweckverbänden, Verkehrsverbünden und Bundesländern, die für die Planung, Organisierung und Finanzierung des ÖPNV verantwortlich sind.
Aufgabenträger für den schienengebundenen Personennahverkehr (SPNV) sind die Länder, die diese Aufgaben an Gesellschaften oder Zweckverbände delegieren können.
Umweltverbund Unter dem Begriff Umweltverbund wird die Kooperation der umweltfreundlichen Verkehrsmittel verstanden. Hierzu zählen der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV - Bahn+Bus), Fahrrad und zu Fuß gehen. Carsharing eignet sich als ÖPNV-ergänzendes Verkehrsmittel und ist ein wichtiger Baustein des Umweltverbundes (4. Säule des Umwelt-/Mobilitätsverbundes). In neueren Publikationen (ab etwa 2010) wird zunehmend vom Mobilitätsverbund gesprochen.
ÖPNV Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV): Nach § 2 des Regionalisierungsgesetzes (RegG) wird ÖPNV definiert als die "allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Verkehrsmitteln im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen." Das ist im Zweifel der Fall, wenn eine Mehrzahl der Beförderungsfälle eines Verkehrsmittels die gesamte Reiseweite von 50 Kilometer oder die gesamte Reisezeit von einer Stunde nicht übersteigt. Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten "Multimodalität" wird der ÖPNV zunehmend breiter definiert, indem auch "alternative Bedienformen", Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖPNV gesehen werden.
Economies of Scope
Economies of Scope sind Verbundeffekte beziehungsweise Synergieeffekte, die entstehen, wenn die Kosten für die gemeinsame Betreuung zweier zusammengeführter Segmente in einem Unternehmen niedriger ist als die zweier voneinander isolierter Segmente.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?336883

Gedruckt am Dienstag, 12. November 2019 00:17:51