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Intramodaler Wettbewerb im Schienenpersonenfernverkehr

Erstellt am: 01.04.2010 | Stand des Wissens: 04.07.2018
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TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike


Mit der Verabschiedung der Richtlinie 95/19/EG im Jahr 1995 wurden die Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft (EG) verpflichtet, einen diskriminierungsfreien Zugang zur Eisenbahninfrastruktur zu schaffen. Von dieser Marktöffnung versprach man sich einen stärkeren Wettbewerb unter anderem im Schienenpersonenfernverkehr (SPFV).

Während die Öffnung der Infrastruktur von der Europäischen Union gefordert wurde, konnten die Mitgliedsstaaten über die Form des Wettbewerbs selbst entscheiden. In der Bundesrepublik Deutschland wird ein als "Open Access" bezeichneter Ansatz verfolgt. Dabei vergibt das Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) jeweils die Trassen für das kommende Fahrplanjahr auf Basis von im Laufe des Frühjahrs eingereichten Trassenanmeldungen [DBAG17, S. 47]. Die interessierten Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) können Trassen beantragen, wobei bei einem Interessenkonflikt die Entscheidung für den Zuschlag zunächst beim EIU liegt. Kritiker befürchten daher, dass es bei einer Verquickung des EIU und eines EVU nicht zu einer gleichberechtigten Zugangsmöglichkeit für alle EVU kommt [BlSe03, S. 5 ff.]. Um dieser Gefahr entgegen zu wirken, hat der Gesetzgeber die "Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen" (kurz: Bundesnetzagentur) seit dem 1. Januar 2006, zusätzlich zu ihren bestehenden Aufgaben als Regulierungsbehörde, mit der Überwachung des Zugangs zur Eisenbahninfrastruktur betraut. Sie überwacht seitdem die diskriminierungsfreie Vergabe der Trassen und steht den EVU als Beschwerde- und Letztentscheidungsinstanz zur Verfügung [Hein10b, S. 4 f.].

Im europäischen Ausland gestaltet sich die Situation unterschiedlich. In Großbritannien werden bspw. - ähnlich wie im deutschen Nahverkehr - staatliche Konzessionen für den Fernverkehr vergeben und den EVU gleichzeitig die Möglichkeit des Markteintritts durch "Open Access" gewährleistet. Schweden wiederum will einen eigenwirtschaftlich betriebenen SPFV, bezuschusst jedoch unrentable, aber politisch gewollte Strecken. Einige Länder haben den SPFV-Markt noch nicht oder nur sehr eingeschränkt liberalisiert (die Marktöffnung verzögert sich z. B. in Irland, Spanien oder Griechenland). [IBM11a, S. 10 und 22]

Die Diversität in der Umsetzung der Richtlinie 95/19/EG führte zu unterschiedlich hohen Markteintrittsbarrieren für private EVU. Als Ablösung wurde daher die Richtlinie 2001/14/EG erlassen. Abbildung 1 zeigt den von IBM Business Consulting Services entwickelten Liberalisierungsindex für den Schienenpersonenverkehr (LIB-Index). Während der deutsche Markt trotz oben genannter Kritik einen hohen Liberalisierungsstand aufweist, gibt es in den meisten anderen EU-Mitgliedsstaaten noch deutlichen Aufholbedarf.

liberalisierungsindex_2011.jpgAbb. 1: Liberalisierungsindex im Schienenpersonenverkehr 2011 [IBM11a, S. 6] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)

Die Wettbewerbssituation im deutschen und europäischen SPFV ist zurzeit noch nicht weit entwickelt. Bisherige Mitbewerber des Deutsche Bahn AG Konzern haben derzeit zu einem Marktanteil von ca. 1 Prozent geführt [MoNeVe17, S. 84]. In europäischen Ländern mit liberalisiertem SPFV-Markt beschränkt sich das Angebot von alternativen Anbietern in der Regel auf einzelne Strecken (zum Beispiel Österreich: WESTbahn auf der Strecke Wien Salzburg oder Tschechien: RegioJet und LEO Express auf der Strecke Prag - Ostrava) [MoNe15, S. 60 ff.]. Einer Studie zufolge erhofft sich ein Großteil der europäischen Bevölkerung eine Verbesserung des Angebotes durch mehr Wettbewerb auf der Schiene. Dies bezieht sich auf alle untersuchten Bereiche, welche neben dem Fahrpreisniveau auch die Qualität der Fahrzeuge und des Betriebes umschlossen. Dabei ist die Unterstützung der Marktöffnung unabhängig von der Zufriedenheit mit dem heutigen System oder der Nutzungshäufigkeit des Befragten. [TNS12, S. 64]

Durch die schleppende Implementierung von EU-Richtlinien zur Öffnung des Marktes hat sich daher in Europa für grenzüberschreitende Transportrelationen eine Politik der Kooperation zwischen den jeweiligen nationalen EVU etabliert. So führt beispielsweise die DB Fernverkehr AG alle ihre internationalen Verkehre in Zusammenarbeit mit einem ausländischen Kooperationspartner durch. [Zöll11, S. 7 ff.]
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Intramodaler Wettbewerb im Schienenpersonenfernverkehr (Stand des Wissens: 12.07.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?403096
Literatur
[BlSe03] Blöchliger, Hansjörg, Seckler, Dorothea Wettbewerb auf Europas Schienen: Der Zug kommt ins Rollen, veröffentlicht in Die Volkswirtschaft, Ausgabe/Auflage 12/2003, Swissprinters St. Gallen AG, St. Gallen, 2003/12, ISBN/ISSN 1011-386X
[DBAG17] Deutsche Bahn AG Konzern (Hrsg.) Schienennetz-Benutzungsbedingungen der DB Netz AG 2018 (SNB 2018), Berlin, 2017/12/10
[Hein10b] Heinrichs, Horst-Peter Auftrag und Aktivitäten der Bundesnetzagentur, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 6/2010, Bahn Fachverlag GmbH, Berlin, 2010/06, ISBN/ISSN 0948-7263
[IBM11a] IBM Business Consulting Services, Kirchner, Christian, Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Kurzfassung der Studie Liberalisierungsindex Bahn 2011 - Marktöffnung: Eisenbahnmärkte der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, der Schweiz und Norwegens im Vergleich, Ausgabe/Auflage 4. Auflage, 2011/04/20
[MoNe15] mofair e.V., Netzwerk Europäischer Eisenbahnen e.V. (Hrsg.) Wettbewerber-Report
Eisenbahn 2015/2016, 2015/10/20
[MoNeVe17] mofair e.V., Netzwerk Europäischer Eisenbahnen e.V., Verband der Güterwagenhalter (Hrsg.) Wettbewerber-Report Eisenbahn 2017/2018, 2017/10
[TNS12] TNS Opinion & Social Special Eurobarometer 388: Rail Competition Report, 2012/09
[Zöll11] Zöll, Dieter Grenzüberschreitender Betrieb der Fernverkehrszüge, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 10/2011, Bahn Fachverlag GmbH, Berlin, 2011/10, ISBN/ISSN 0948-7263
Rechtsvorschriften
[2001/14/EG] Richtlinie 2001/14/EG über die Zuweisung von Fahrwegkapazität der Eisenbahn, die Erhebung von Entgelten für die [...] Eisenbahninfrastruktur und die Sicherheitsbescheinigung
[95/19/EG] Richtlinie 95/19/EG des Rates vom 19. Juni 1995 über die Zuweisung von Fahrwegkapazität der Eisenbahn und die Berechnung von Wegeentgelten (95/19/EG)
Glossar
Eisenbahninfrastrukturunternehmen Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) ist ein Rechtsbegriff des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG). Gemäß § 2 Abs. 1 AEG sind Eisenbahninfrastrukturunternehmen öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen die eine Eisenbahninfrastruktur betreiben.
LEO Low Earth Orbit (200 bis 2000 km Höhe)
Transportrelationen
Eine Transportrelation beschreibt die Transportbeziehung zweier Orte zwischen denen ein regelmäßiger Beförderungsbedarf besteht.
EVU Eisenbahnverkehrsunternehmen
Schienenpersonenfernverkehr
Der Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) ist die Beförderung von Reisenden mit Eisenbahnzügen über längere Strecken mit mehr als einer Stunde Fahrzeit oder 50 km Entfernung. Im Gegenzug zum Schienenpersonennahverkehr (SPNV) bzw. dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) wird der SPFV eigenwirtschaftlich betrieben und muss sich betriebsökonomisch selbst tragen.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?308147

Gedruckt am Montag, 19. August 2019 22:23:13