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Intramodaler Wettbewerb im Schienenpersonenfernverkehr übriger europäischer Staaten

Erstellt am: 02.08.2012 | Stand des Wissens: 04.07.2018
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TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Die jeweilige Wettbewerbsform im Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) unterscheidet sich zwischen den europäischen Staaten. Während zum Beispiel in der Bundesrepublik Deutschland ausschließlich auf "Open Access", also die freie Trassenvergabe an beantragende Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU), gesetzt wird, werden in Großbritannien auch im Fernverkehr Konzessionen vergeben. Parallel dazu ist auch eine Trassenvergabe über Open Access möglich, welche allerdings nur auf zwei Verbindungen genutzt wurde (London - Hull und London - Bradford/Sunderland). Ferner sperren sich einige Länder (zum Beispiel Spanien) weiterhin, den Markt des SPFV für Dritte zu öffnen. Die Wettbewerbssituation im Personenverkehr wird in [IBM11, S. 74-217] explizit für jeden EU-Mitgliedsstaat in so genannten Länderberichten geschildert. Tabelle 1 gibt einen Überblick über den heutigen Liberalisierungsstand in ausgewählten europäischen Ländern [Puls14].

Tab. 1: Organisationsmodelle des SPFV in ausgewählten europäischen LändernTab. 1: Organisationsmodelle des SPFV in ausgewählten europäischen Ländern (eigene Darstellung nach [Puls14, S. 55, 79, 85, 90 und 95])

Während sich in Großbritannien ein lebhafter Markt um die zu vergebenden Streckenkonzessionen entwickelt hat, verläuft die Entwicklung eines durch mehrere Anbieter gekennzeichneten Marktes mithilfe des Open Access-Ansatzes bis heute schleppend. Tabelle 2 zeigt eine Übersicht über sämtliche bis 2012 durchgeführten oder geplanten Markteintritte in Europa.
Tabelle Open Access.PNG
Tab. 2: Übersicht über "Open Access"-Intercity-Verbindungen neuer Marktteilnehmer (Stand 2018, eigene Darstellung nach [MoNe15], aktualisiert)
Nachfolgend werden ausgewählte Verkehre (siehe Tabelle 2) in einem länderspezifischen Kontext ausgeführt. Bei den dabei betrachteten Produkten handelt es sich um eigenwirtschaftliche Angebote.
In Österreich werden SPFV-Leistungen generell eigenwirtschaftlich erbracht. Mit der WESTbahn Management GmbH, welche seit Ende 2011 dreizehnmal täglich auf der Strecke Wien - Salzburg verkehrt, versucht erstmals ein SPFV-Unternehmen, mit der ÖBB-Personenverkehr AG in Konkurrenz zu treten [Wehi12, S. 188 ff.].

Der erste Eintritt eines privat geführten EVU in den Hochgeschwindigkeitsverkehrsmarkt wurde durch Nuovo Trasporto Viaggiatori S. p. A. (NTV) auf der Strecke Mailand - Neapel vollzogen. Die Société Nationale des Chemins de fer Francais (SNCF) hält 20 Prozent an dem Unternehmen, welches die Relationen Turin - Salerno und Venedig Rom - Salerno bedient [Mini12, S. 74 ff.; MoNe15, S. 60].

In Schweden werden nicht rentable, aber politisch gewollte Fernverkehrsstrecken ausgeschrieben. Grundsätzlich soll der SPFV jedoch eigenwirtschaftlich betrieben werden. Neben Transdev Sverige AB hat sich 2011 mit der Skandinaviska Jernbanor AB (SKJB) ein zweiter privater Anbieter am Markt platziert und im Jahr 2015 folgte mit der MTR Corporation ein weiterer Wettbewerber auf der Strecke Göteborg - Stockholm [MoNe15, S. 63].

In Tschechien werden große Teile des SPFV direkt vergeben, in der Vergangenheit nahezu ausschließlich an die Ceske drahy (Tschechische Bahnen, CD). Daneben hat sich jedoch auf der Strecke Prag - Ostrava (- Zilina/Slowakei) mit RegioJet ein eigenwirtschaftlicher Konkurrent der staatlichen CD etabliert. Seit Ende 2012 verkehren auf dem betreffenden Korridor auch Züge eines weiteren Anbieters, des LEO Express. In Tschechien wurde 2013 auch ein Versuch gestartet, den Wettbewerb im Segment des bestellten SPFV einzuführen. Eine entsprechende Ausschreibung für den Betrieb von Schnellzügen in Relation Olomouc - Ostrava wurde veröffentlicht, wobei sie nach dem Teilnahmeverzicht mehrerer Bieter aufgehoben werden musste und stattdessen eine Direktvergabe an RegioJet erfolgte. [Hugh12, S. 32 ff.; Müll13a, S. 9]
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Intramodaler Wettbewerb im Schienenpersonenfernverkehr (Stand des Wissens: 12.07.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?403096
Literatur
[Hugh12] Hughes, Murray Inter-city rivals break cover, veröffentlicht in Railway Gazette International, Ausgabe/Auflage 01/2012, Reed Business Publ., Sutton Surrey (UK), 2012/01, ISBN/ISSN 0373-5346
[IBM11] IBM Business Consulting Services, Kirchner, Christian, Prof. Dr. iur. Dr. rer. pol. Liberalisierungsindex Bahn 2011 - Marktöffnung: Eisenbahnmärkte der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, der Schweiz und Norwegens im Vergleich, 2011/04/20
[Mini12] o. A. NTV zeigt den "Italo" erstmals von innen, veröffentlicht in Eisenbahn-Revue International, Ausgabe/Auflage 02/2012, Minirex AG, Luzern (Schweiz), 2012/02, ISBN/ISSN 1421-2811
[MoNe15] mofair e.V., Netzwerk Europäischer Eisenbahnen e.V. (Hrsg.) Wettbewerber-Report
Eisenbahn 2015/2016, 2015/10/20
[Müll13a] Müller, Christoph Erste SPNV-Ausschreibung gescheitert, veröffentlicht in RailBusiness, Ausgabe/Auflage 09/2013, DVV Media Group GmbH, Hamburg, 2013/02/25, ISBN/ISSN 1867-2728
[Puls14] Puls, Thomas Markt und Staat im Schienenverkehr, Institut der deutschen Wirtschaft Köln, Köln, 2014/02/06
[Wehi12] Wehinger, Stefan Westbahn - geglückter Start in eine neue Eisenbahnära, veröffentlicht in Eisenbahn Revue International, Ausgabe/Auflage 4/2012, Minirex AG, Luzern (Schweiz), 2012, ISBN/ISSN 1421-2811
Rechtsvorschriften
[95/19/EG] Richtlinie 95/19/EG des Rates vom 19. Juni 1995 über die Zuweisung von Fahrwegkapazität der Eisenbahn und die Berechnung von Wegeentgelten (95/19/EG)
Glossar
EVU Eisenbahnverkehrsunternehmen
Schienenpersonenfernverkehr
Der Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) ist die Beförderung von Reisenden mit Eisenbahnzügen über längere Strecken mit mehr als einer Stunde Fahrzeit oder 50 km Entfernung. Im Gegenzug zum Schienenpersonennahverkehr (SPNV) bzw. dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) wird der SPFV eigenwirtschaftlich betrieben und muss sich betriebsökonomisch selbst tragen.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?395770

Gedruckt am Montag, 21. September 2020 04:32:27