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Kapazitätsengpässe der Schienenwege als Hindernis für den Kombinierten Verkehr

Erstellt am: 30.03.2010 | Stand des Wissens: 19.08.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Die Bundesverkehrswegeplanung weist im Integrationsszenario bei einer Steigerung des gesamten Güterverkehrs um 164 Prozent, eine Steigerung der Güterverkehrsleistung auf der Schiene um etwa 58 Prozent zwischen 1997 (73 Milliarden Tonnenkilometer) und 2015 (115 Milliarden Tonnenkilometer) auf. Allerdings geht die Prognose ohne weitere Prüfung davon aus, dass das Schienennetz die notwendigen Kapazitäten zur Verfügung stellen kann [BMBF03].

Darüber hinaus ist, auch unter Berücksichtigung der bis 2015 geplanten Infrastrukturmaßnahmen, auf den wichtigsten europäischen Eisenbahn-Korridoren mit Kapazitätsengpässen zu rechnen [UIC04; GéTe08; PLANCO07a]. Die vom Welteisenbahnverband UIC initiierten Studien identifizieren selbst bei Realisierung aller derzeit geplanten Infrastrukturmaßnahmen Einschränkungen auf den wichtigsten europäischen und deutschen Transportachsen. Diese Infrastrukturknappheit ist unter anderem auf das prognostizierte Wachstum im Containerverkehr zurückzuführen.

Neben der Beseitigung der vorhandenen Infrastrukturengpässe werden folgende Maßnahmen zur Steigerung der Streckenkapazität empfohlen [UIC04; BMBF03; BMVBS08d]:
  • Harmonisierung der Geschwindigkeiten von Güter- und Personenzügen,
  • Entmischung von Güter- und Personenverkehr auf hoch belasteten Abschnitten,
  • Ausweitung der möglichen Zuglänge für Güterzüge,
  • Einführung der Leit- und Sicherungstechnik ETCS Level 3 ("Moving Block"),
  • Ausweitung des Lichtraumprofils auf den wichtigsten Europäischen Strecken, so dass der Transport von intermodalen Ladeeinheiten ohne Höheneinschränkungen durchgängig möglich wird.
Laut einer Studie im Auftrag des BMVI können nach Winkler et al. [BMVI16s, S. 46f.] hauptsächlich folgende Schienenkorridore mit Engpässen identifiziert werden, die somit Einfluss auf die Durchführung des Kombinierten Verkehrs haben können:
  • Nord-Süd-Strecke zwischen Bebra und Würzburg sowie die Verlängerungsstrecken nach Ansbach und über Nürnberg und Passau nach Österreich (Zuordnung zum Skandinavien-Mittelmeer-Korridor)
  • Mittelrheinachse-Rhein/Main-Rhein/Neckar mit dem bereits inbegriffenen Mittelrhein-Korridor als Entlastungsstrecke (Zuordnung zum Rhein-Alpen-Korridor)
  • Korridor Braunschweig-Magdeburg-Falkenberg (Elster) (Zuordnung zum Nord-Ostsee-Korridor)
  • Verbindungskorridor zwischen dem Rhein-Alpen-Korridor und dem Skandinavien-Mittelmeer-Korridor im Bereich Hanau/Fulda/Mottgers/Aschaffenburg/Gemünden

Aufbauend auf der Studie zu Kapazitätsrestriktionen wurde in dem 2006 begonnenen Vorhaben "Developing Infrastructure and Operating Models for Intermodal Shift" (DIOMIS) ein Masterplan für die optimierte Infrastrukturnutzung und Entwicklung von Betriebsmodellen des Kombinierten Verkehrs geschaffen. Die Verschlechterung der Kapazitäten im Schienengüterverkehr würde sonst maßgeblich zum Sinken der Angebotsqualität dieses Verkehrsträgers und damit seiner Bedeutung für den Kombinierten Verkehr führen [GéTe08].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Wachstumsrestriktionen für den Kombinierten Verkehr (Stand des Wissens: 06.03.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?321706
Literatur
[BMBF03] Fraunhofer Arbeitsgruppe für Technologien der Logistik-Dienstleistungswirtschaft ATL, HaCon Ingenieurgesellschaft mbH, Rail Management Consultants GmbH, Technische Universität Berlin, Institut für Land- und Seeverkehr, Fachgebiet Schienenfahrwege und Bahnbetrieb, Prof. Dr.-Ing. habil. J. Siegmann Verbundvorhaben "Die moderne europäische Güterbahn der Zukunft", Studie zur Leitvision "Europäischer Schienengüterverkehr 2010" Schlußbericht, 2003/01
[BMVBS08d] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur Masterplan Güterverkehr und Logistik, Berlin, 2008/09
[BMVI16s] Winkler, C., Kröger, L., Nordenholz, F., Lobig, A. Verkehrsverlagerungspotenzial auf den Schienenverkehr in Deutschland unter Beachtung infrastruktureller Restriktionen, 2016/12/01
[GéTe08] Géhénot, Sandra, Tessèdre, Daniel Agenda 2015 for Combined Transport in Europe, 2008/01
[PLANCO07a] Bundesanstalt für Gewässerkunde, PLANCO Consulting GmbH Verkehrswirtschaftlicher und ökologischer Vergleich der Verkehrsträger Schiff, Straße, Schiene, o.O., 2007/11
[UIC04] Kessel + Partner Transport Consultants, KombiConsult GmbH Study on Infrastructure Capacity Reserves for Combined Transport by 2015, 2004/05
Glossar
DIOMIS Bei "Developing Infrastructure Use and Operation Models for Intermodal Shift (DIOMIS)" handelt es sich um eine Studienreihe des Internationalen Eisenbahnverbandes UIC, die sich mit der Förderung der Kooperation zwischen allen Akteuren im Kombinierten Ladungsverkehr, der Optimierung des Kapazitätsmanagements der Terminals und der Verbesserung in der Verkehrsplanung zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des Kombinierten Verkehrs befasst.
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
tkm tkm = Tonnenkilometer Die Einheit Tonnenkilometer [tkm] beschreibt die im Rahmen einer Güterbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Gütermenge (Summe der beförderten Güter in Tonnen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km. Verkehrsarbeit [tkm] = Gütermenge [t] * Wegstrecke [km]
ETCS
Standard eines EU-weit harmonisierten Zugbeeinflussungssystems, welches im Falle einer entsprechenden Streckeninfrastrukturausstattung und Fahrzeugertüchtigung die unterbrechungsfreie Durchführung grenzüberschreitender Schienenverkehre ermöglicht, ohne zu diesem Zweck das triebfahrzeugseitige Mitführen unterschiedlicher, auf nationaler Ebene verwendeter Systemkomponenten vorauszusetzen.

Mit Hilfe von Zugbeeinflussungssystemen lassen sich auf dem Streckennetz stattfindende Fahrten beispielsweise hinsichtlich einer Einhaltung erlaubter Höchstgeschwindigkeiten oder der Befolgung signalisierter Befehle überwachen, um gegebenenfalls automatische Schutzreaktionen auszulösen. So können etwa Triebfahrzeuge, welche ein Halt zeigendes Signal überfahren, selbsttätig zum Stillstand gebracht werden.

In Zukunft wird der automatische Zugbetrieb (Automatic Train Operation, ATO) auf Grundlage des ECTS gebaut.
BMVI Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (bis 10/2005 auch BMVBW und bis 12/2013 BMVBS)
Leit- und Sicherungstechnik
Unter dem Begriff der Leit- und Sicherungstechnik (LST) werden technische Maßnahmen zusammengefasst, die getroffen werden, um einen sicheren, meist signalgeführten Eisenbahnbetrieb durchzuführen. Sie regelt die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den Anlagen, den Signalen und den Fahrzeugen, die zur sicheren Durchführung von Zug- und anderen Fahrten notwendig sind. Wichtigster Bestandteil der LST ist die Stellwerkstechnik, mit Hilfe derer das Stellen von Weichen und Signalen sowie die Sicherung von Fahrstraßen erfolgt. Zur LST gehört auch die Zugbeeinflussung (z. B. PZB, LZB, ETCS).
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Lichtraumprofil Lichtraumprofil bezeichnet eine definierte Umgrenzungslinie meist für die senkrechte Querebene eines Fahrweges. Damit werden der "lichte Raum", der auf dem Fahrweg von Gegenständen freizuhalten ist, und die äußeren Maße der vorgesehenen Fahrzeuge vorgeschrieben.
Verkehrsleistung Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter, Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] bzw. Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?306415

Gedruckt am Samstag, 8. August 2020 08:00:09