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Kapazitätsengpässe der Schienenwege als Hindernis für den Kombinierten Verkehr

Erstellt am: 30.03.2010 | Stand des Wissens: 18.03.2022
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Der Bundesverkehrswegeplanung 2030 weist im Prognoseszenario eine Steigerung des Transportaufkommens um 18 Prozent und der Transportleistung um 38 Prozent des Güterverkehrs auf. Bei der Betrachtung des Transportaufkommens auf der Schiene wird eine Steigerung von etwa 24 Prozent zwischen 2010 und 2030 erwartet. Hingegen wird prognostiziert, dass die Transportleistung durch die wachsenden Transportentfernungen auf der Schiene um 43 Prozent steigen wird [ITP14b, S. 9]. Allerdings geht die Prognose ohne weitere Prüfung davon aus, dass das Schienennetz die notwendigen Kapazitäten zur Verfügung stellen kann [BMBF03].

Darüber hinaus ist auch unter Berücksichtigung der bis 2015 geplanten Infrastrukturmaßnahmen auf den wichtigsten europäischen Eisenbahn-Korridoren mit Kapazitätsengpässen zu rechnen [UIC04; GéTe08; PLANCO07a]. Die vom Welteisenbahnverband UIC initiierten Studien identifizieren selbst bei Realisierung aller derzeit geplanten Infrastrukturmaßnahmen Einschränkungen auf den wichtigsten europäischen und deutschen Transportachsen. Diese Infrastrukturknappheit ist unter anderem auf das prognostizierte Wachstum im Containerverkehr zurückzuführen.

Neben der Beseitigung der vorhandenen Infrastrukturengpässe werden folgende Maßnahmen zur Steigerung der Streckenkapazität empfohlen [UIC04; BMBF03; BMVBS08d]:
  • Harmonisierung der Geschwindigkeiten von Güter- und Personenzügen,
  • Entmischung von Güter- und Personenverkehr auf hoch belasteten Abschnitten,
  • Ausweitung der möglichen Zuglänge für Güterzüge,
  • Einführung der Leit- und Sicherungstechnik ETCS Level 3 ("Moving Block"),
  • Ausweitung des Lichtraumprofils auf den wichtigsten Europäischen Strecken, so dass der Transport von intermodalen Ladeeinheiten ohne Höheneinschränkungen durchgängig möglich wird.
Laut einer Studie im Auftrag des BMVI können nach Winkler et al. [BMVI16s, S. 46f.] hauptsächlich folgende Schienenkorridore mit Engpässen identifiziert werden, die somit Einfluss auf die Durchführung des Kombinierten Verkehrs haben können:
  • Nord-Süd-Strecke zwischen Bebra und Würzburg sowie die Verlängerungsstrecken nach Ansbach und über Nürnberg und Passau nach Österreich (Zuordnung zum Skandinavien-Mittelmeer-Korridor)
  • Mittelrheinachse-Rhein/Main-Rhein/Neckar mit dem bereits inbegriffenen Mittelrhein-Korridor als Entlastungsstrecke (Zuordnung zum Rhein-Alpen-Korridor)
  • Korridor Braunschweig-Magdeburg-Falkenberg (Elster) (Zuordnung zum Nord-Ostsee-Korridor)
  • Verbindungskorridor zwischen dem Rhein-Alpen-Korridor und dem Skandinavien-Mittelmeer-Korridor im Bereich Hanau/Fulda/Mottgers/Aschaffenburg/Gemünden
Aufbauend auf der Studie zu Kapazitätsrestriktionen wurde in dem 2006 begonnenen Vorhaben "Developing Infrastructure and Operating Models for Intermodal Shift" (DIOMIS) ein Masterplan für die optimierte Infrastrukturnutzung und Entwicklung von Betriebsmodellen des Kombinierten Verkehrs geschaffen. Die Verschlechterung der Kapazitäten im Schienengüterverkehr würde sonst maßgeblich zum Sinken der Angebotsqualität dieses Verkehrsträgers und damit seiner Bedeutung für den Kombinierten Verkehr führen [GéTe08].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Wachstumsrestriktionen für den Kombinierten Verkehr (Stand des Wissens: 18.03.2022)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?321706
Literatur
[BMBF03] Fraunhofer Arbeitsgruppe für Technologien der Logistik-Dienstleistungswirtschaft ATL, HaCon Ingenieurgesellschaft mbH, Rail Management Consultants GmbH, Technische Universität Berlin, Institut für Land- und Seeverkehr, Fachgebiet Schienenfahrwege und Bahnbetrieb, Prof. Dr.-Ing. habil. J. Siegmann Verbundvorhaben "Die moderne europäische Güterbahn der Zukunft", Studie zur Leitvision "Europäischer Schienengüterverkehr 2010" Schlußbericht, 2003/01
[BMVBS08d] Bundesministerium für Digitales und Verkehr Masterplan Güterverkehr und Logistik, Berlin, 2008/09
[BMVI16s] Winkler, C., Kröger, L., Nordenholz, F., Lobig, A. Verkehrsverlagerungspotenzial auf den Schienenverkehr in Deutschland unter Beachtung infrastruktureller Restriktionen, 2016/12/01
[GéTe08] Géhénot, Sandra, Tessèdre, Daniel Agenda 2015 for Combined Transport in Europe, 2008/01
[ITP14b] BVU Beratergruppe Verkehr+Umwelt GmbH, Intraplan Consult GmbH, IVV-Ingenieurgruppe für Verkehrswesen und Verfahrensentwicklung, PLANCO Consulting GmbH, Schubert, Markus, Kluth, Tobias, Nebauer, Gregor, Ratzenberger, Ralf, Kotzagiorgis, Stefanos, Butz, Bernd, Schneider, Walter, Leible, Markus Verkehrsverflechtungsprognose 2030 - Zusammenfassung der Ergebnisse, 2014
[PLANCO07a] Bundesanstalt für Gewässerkunde, PLANCO Consulting GmbH Verkehrswirtschaftlicher und ökologischer Vergleich der Verkehrsträger Schiff, Straße, Schiene, o.O., 2007/11
[UIC04] Kessel + Partner Transport Consultants, KombiConsult GmbH Study on Infrastructure Capacity Reserves for Combined Transport by 2015, 2004/05
Glossar
DIOMIS Bei "Developing Infrastructure Use and Operation Models for Intermodal Shift (DIOMIS)" handelt es sich um eine Studienreihe des Internationalen Eisenbahnverbandes UIC, die sich mit der Förderung der Kooperation zwischen allen Akteuren im Kombinierten Ladungsverkehr, der Optimierung des Kapazitätsmanagements der Terminals und der Verbesserung in der Verkehrsplanung zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des Kombinierten Verkehrs befasst.
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
ETCS
Standard eines EU-weit harmonisierten Zugbeeinflussungssystems, welches im Falle einer entsprechenden Streckeninfrastrukturausstattung und Fahrzeugertüchtigung die unterbrechungsfreie Durchführung grenzüberschreitender Schienenverkehre ermöglicht, ohne zu diesem Zweck das triebfahrzeugseitige Mitführen unterschiedlicher, auf nationaler Ebene verwendeter Systemkomponenten vorauszusetzen.

Mit Hilfe von Zugbeeinflussungssystemen lassen sich auf dem Streckennetz stattfindende Fahrten beispielsweise hinsichtlich einer Einhaltung erlaubter Höchstgeschwindigkeiten oder der Befolgung signalisierter Befehle überwachen, um gegebenenfalls automatische Schutzreaktionen auszulösen. So können etwa Triebfahrzeuge, welche ein Halt zeigendes Signal überfahren, selbsttätig zum Stillstand gebracht werden.

In Zukunft wird der automatische Zugbetrieb (Automatic Train Operation, ATO) auf Grundlage des ECTS gebaut.
BMDV
Bundesministerium für Digitales und Verkehr (bis 10/2005 BMVBW, bis 12/2013 BMVBS und bis 11/2021 BMVI)
Leit- und Sicherungstechnik
Unter dem Begriff der Leit- und Sicherungstechnik (LST) werden technische Maßnahmen zusammengefasst, die getroffen werden, um einen sicheren, meist signalgeführten Eisenbahnbetrieb durchzuführen. Sie regelt die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den Anlagen, den Signalen und den Fahrzeugen, die zur sicheren Durchführung von Zug- und anderen Fahrten notwendig sind. Wichtigster Bestandteil der LST ist die Stellwerkstechnik, mit Hilfe derer das Stellen von Weichen und Signalen sowie die Sicherung von Fahrstraßen erfolgt. Zur LST gehört auch die Zugbeeinflussung (z. B. PZB, LZB, ETCS).
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Lichtraumprofil Lichtraumprofil bezeichnet eine definierte Umgrenzungslinie meist für die senkrechte Querebene eines Fahrweges. Damit werden der "lichte Raum", der auf dem Fahrweg von Gegenständen freizuhalten ist, und die äußeren Maße der vorgesehenen Fahrzeuge vorgeschrieben.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?306415

Gedruckt am Freitag, 27. Mai 2022 23:56:26