Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Netzentwicklung im europäischen Hochgeschwindigkeitsschienenverkehr

Erstellt am: 16.09.2002 | Stand des Wissens: 17.12.2023
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Das Hochgeschwindigkeitszeitalter begann im Jahr 1964 mit den ersten Shinkansen-Zügen in Japan. Sie weckten auch in Europa - wenn auch zunächst nur auf nationaler Ebene - Interesse an einem Hochgeschwindigkeitsverkehr (HGV) auf der Schiene. Im Jahr 1981 wurde in Frankreich der erste Abschnitt der Hochgeschwindigkeitsstrecke Paris - Lyon (Train à grande vitesse, kurz TGV) in Betrieb genommen. Die Strecke war zwei Jahre später durchgehend befahrbar. In der Bundesrepublik Deutschland verkehren die ersten HGV-Züge (InterCityExpress, kurz ICE) seit 1991. [Jani05a, S. 620 ff.]
Der Gedanke an ein grenzüberschreitendes Hochgeschwindigkeitsnetz wurde in besonderer Weise von der Union Internationale des Chemins de fer (UIC, deutsch Internationaler Eisenbahnverband) getragen. Einem der zentralen Ziele - der Förderung des internationalen Eisenbahnverkehrs - dient der 1988 von der UIC vorgelegte Vorschlag für ein gesamteuropäisches HGV-Netz. Die Lobbyarbeit der UIC und die damaligen Fachdiskussionen über den HGV führten dazu, dass der Rat der europäischen Verkehrsminister beschloss, die Frage des HGV intensiver zu untersuchen. Eine von der Kommission des Europäischen Parlamentes aus Vertretern der Länder, der Bahnen und der Bahnindustrie einberufene "Hochrangige Arbeitsgruppe" präsentierte innerhalb eines Jahres ihren ersten Bericht, welcher bereits im Dezember 1990 vom Rat der Verkehrsminister positiv beschieden wurde [FrMü04, S. 478 f.; Jäns94, S: 269 ff.; Jäns12, S. 46 ff.].
Noch im selben Jahr wurden von der Kommission 15 sogenannte Schlüsselverbindungen definiert, welche grenzüberschreitende HGV-Verbindungen der nationalen Netze darstellten. Für sie wurde nur geringeres Verkehrsaufkommen und damit verbunden geringe Erträge prognostiziert. Auf der anderen Seite sind die Kosten für den Bau solcher Schlüsselverbindungen besonders hoch, da in sehr vielen Fällen natürliche Hindernisse in Form von Gebirgszügen (Alpen, Pyrenäen) oder Meerengen (Ärmelkanal, Großer Belt, Fehmarnbelt) überwunden werden müssen. Alle Schlüsselverbindungen zusammen wurden mit etwa 70 Milliarden European Currency Unit (127 Milliarden Deutsche Mark = circa 105 Milliarden Euro, inflationsbereinigt) veranschlagt. Dies entspricht rund 35 Prozent aller damals für das Hochgeschwindigkeitsnetz Westeuropas veranschlagten Investitionen. Für die Finanzierung dieser Schlüsselverbindungen sagte die Europäische Union Beteiligungen in besonderem Umfang zu. Im Jahr 1992 wurde seitens der UIC ein neues Leitschema vorgelegt, in welchem erstmalig auch eine Ausdehnung des HGV-Netzes in Richtung Osteuropa enthalten war [Berg96, S. 47; Jäns94, S. 269 ff.].
9695_Abb_1_al.pngAbbildung 1: Entwicklung HGV-Netzlänge, Europa 1985 - 2020 (eigene Darstellung nach [EUKO22a, S. 81]

Weitergehende Informationen und einen Überblick über den Aufbau des HGV-Netzes im Zeitraum zwischen 1981 und 2003 in Europa kann "High speed rail in France: a success story" entnommen werden [Loub07, S 3 ff.]. Den derzeitigen Entwicklungsstand des europäischen Hochgeschwindigkeitsnetzes gibt Abbildung 2 wieder:
9695_Abb_2_ml.pngAbbildung 2: Das europäische Hochgeschwindigkeitsschienennetz im Jahr 2020 [UIDC20, S. 58] 
Weitere Neu- und Ausbauprojekte befinden sich gegenwärtig in der Umsetzung beziehungsweise sind in jüngster Vergangenheit fertig gestellt worden. Im Einzelnen handelt es sich hierbei um folgende Streckenabschnitte (Abbildung 3):
9695_Abb_3_ml.pngAbbildung 3: HGV-Strecken im Bau, Europa 2019 (auf Grundlage von [EUKO22a, S. 81])
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Hochgeschwindigkeitsschienenverkehr (Stand des Wissens: 19.09.2022)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?403089
Literatur
[Berg96] Bergemann, Bela Magnetschnellbahn Transrapid: die Fakten und ihre Bewertung, Bonn, 1996, ISBN/ISSN 3-86077-500-6
[EUKO22a] Europäische Kommission (Hrsg.) EU Transport in Figures - Statistical Pocketbook 2022, Publications Office of the European Union / Luxembourg, 2022
[EUKOM17] Europäische Kommission (Hrsg.) EU Transport in Figures - Statistical Pocketbook 2017, Publications Office of the European Union / Luxembourg, 2017, ISBN/ISSN ISBN 978-92-79-62311-0
[FrMü04] Frerich, Johannes, Müller, Gernot Europäische Verkehrspolitik: Politisch-ökonomische Rahmenbedingungen, Verkehrsinfrastrukturpolitik, Ausgabe/Auflage 1. Auflage, Oldenbourg Verlag, München / Wien, 2004/06, ISBN/ISSN 3-486-57567-8
[Jani05a] Janicki, Jürgen Hochgeschwindigkeitsverkehr, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 10, 2005
[Jäns12] Jänsch, Eberhard UIC High Speed Rail Congress in Philadelphia, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau, Ausgabe/Auflage 5/2012, DVV Media Group GmbH, Hamburg, 2012/05, ISBN/ISSN 0013-2845
[Jäns94] Jänsch, Eberhard Hochgeschwindigkeitsverkehr, in Europa wächst zügig, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau, Ausgabe/Auflage 5/1994, DVV Media Group GmbH, Hamburg, 1994/05, ISBN/ISSN 0013-2845
[Loub07] Loubinoux, Jean-Pierre High speed rail in France: a success story, Moskau, 2007
[UIC15] o. A. High speed rail - Fast track to sustainable mobility 2015, Ausgabe/Auflage 2015, Paris, 2015/06, ISBN/ISSN 978-2-7461-1887-4
[UIDC20] Union Internationale des Chemins de fer (Hrsg.) Atlas - High-speed Rail 2021, 2020/12
Weiterführende Literatur
[Danc07] Dancoisne, Jean-Michel Cross border high speed lines: lessons to be learned from a success, Moskau, 2007/06/20
[Ster07a] Sterba, Roman, Dr.-Ing. Initiation of High Speed Railways in Europe, Prag, 2007
Glossar
Hochgeschwindigkeitsverkehr Als Hochgeschwindigkeitsverkehr (HGV) werden Zugfahrten von Trieb[wagen]zügen (sog. Hochgeschwindigkeitszüge) bzw. dafür geeigneten lokbespannten Zügen mit mehr als 200 km/h Spitzengeschwindigkeit auf extra dafür [um]gebauten HGV-Strecken bezeichnet.
Train à grande vitesse Train à grande vitesse (TGV, dt. Zug mit hoher Geschwindigkeit, Hochgeschwindigkeitszug), ist sowohl Markenname als auch Bezeichnung mehrerer Baureihen französischer Hochgeschwindigkeitszüge. Die TGV sowie deren Geschwisterzüge Thalys und Eurostar verkehren außer in Frankreich auch in bzw. nach Deutschland, in der Schweiz, in Italien, Belgien, den Niederlanden, Großbritannien, Luxemburg und Spanien.
Verkehrsaufkommen Das Verkehrsaufkommen beschreibt die Anzahl der zurückgelegten Wege, beförderten Personen oder Güter pro Zeiteinheit. Im Unterschied dazu bezieht sich das spezifische Verkehrsaufkommen auf zurückgelegte Wege und beschreibt die mittlere Anzahl der Ortsveränderungen pro Person und Zeiteinheit.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?9695

Gedruckt am Montag, 22. Juli 2024 21:46:06