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Zukünftige Entwicklung des automatisierten und vernetzten Fahrens in Güterverkehr und Logistik

Erstellt am: 12.08.2019 | Stand des Wissens: 26.04.2022
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Mit der Legalisierung des teilautomatisierten Fahrens durch die Änderung des Wiener Übereinkommens über den Straßenverkehr im Jahr 2014 ist es erlaubt, Fahrerassistenzsysteme so einzusetzen, dass jederzeit eine Übernahme des Fahrzeugs durch den Fahrer möglich ist. Durch eine Änderung im Straßenverkehrsgesetz wurde die Übernahme der Fahraufgabe durch hoch- oder vollautomatisierte Fahrsysteme Anfang des Jahres 2017 durch das Bundeskabinett darüber hinaus legitimiert [DeuB16; StVGa]. Diese Änderung bildet die Ausgangsbasis für weitere Innovationen und die fortschreitende Automatisierung im Güterverkehr.

Elektronische Fahrstabilitätsregelsysteme, erweiterte Notbremssysteme und Spurhaltewarnsysteme sind seit 2014 und 2015 verpflichtende Fahrerassistenzsysteme in Nutzfahrzeugen über 3,5 Tonnen zulässiges Gesamtgewicht. Auch Systeme wie Spurhalteassistenten oder Adaptive-Cruise-Control (ACC) sind serienmäßig in Lkw-Neuwagen verbaut [VDA18]. Die Einführung dieser Assistenzsysteme dient der Verbesserung der Straßenverkehrssicherheit insbesondere auf Autobahnen. Bis zu einem fahrerlosen Fahrzeug sind jedoch weitere technologische, ethische und rechtliche Hürden zu überwinden.

Das International Transport Forum geht in seinem Bericht "Automated and autonomous driving; Regulation under uncertainty" davon aus, dass die Entwicklung zum automatisierten Lkw bis 2030 voranschreiten wird. Zwischen 2015 und 2030 soll Platooning sowie serienmäßig vollautomatisierte Lkw und das automatisierte Parken an Terminals realisiert werden. Eine konkrete Jahreszahl für die Implementierung des fahrerlosen Fahrens im Schwerlastverkehr nennt das International Transport Forum jedoch nicht. Richtwert ist das Jahr 2030 [ITF15a]. Ein breiter Konsens herrscht allerdings darüber, dass das automatisierte und vernetzte Fahren in der Zukunft realisiert wird. Es soll den Gütertransport effizienter und sicherer machen. Durch vorrausschauendes Fahren und Kommunikation der Fahrzeuge untereinander können überflüssige Brems- und Beschleunigungsvorgänge vermieden und so Treibstoff einspart werden [LiMJ14; Lamm14].

Laut Unfallstatistik des Statistischen Bundesamtes war menschliches Fehlverhalten mit rund 88,5 Prozent die mit Abstand häufigste Unfallursache bei Unfällen mit Personenschaden im Jahr 2020 [StBa21]. Bei den 22.420 Verkehrsunfällen mit Personenschaden in Deutschland, an denen Fahrer von Güterkraftfahrzeugen beteiligt waren, ist die Unfallursache bei 17.444 Unfällen auf ein Fehlverhalten der Fahrer der Güterkraftfahrzeuge zurückzuführen [Dest22b]. Durch das vollautomatisierte und fahrerlose Fahren kann diese Zahl verringert werden. Bereits eine Flottendurchdringung mit fahrerlosen Fahrzeugen von 10 Prozent könnte die allgemeinen Unfallzahlen im Straßenverkehr um 50 Prozent senken [FaKo15]. Die genauere Entwicklung des Güterverkehrssektors vor dem Hintergrund der Automatisierung ist schwierig vorauszusagen. Verschiedene Studien haben Szenarien dafür entworfen, wie sich die (Straßen-)Transportbranche in Deutschland verändern wird. So nimmt beispielsweise die Studie Automatisiertes Fahren im Personen- und Güterverkehr des DLR an, dass es drei mögliche Entwicklungsrichtungen für den Güterverkehr gibt. Alle haben gemeinsam, dass der Straßengüterverkehr, aufgrund der gesunkenen Kosten durch Wegfall des Fahrers, große Anteile der Transportleistung des Schienenverkehrs übernimmt. Wie stark diese Veränderung des Modal-Splits sein könnte, hängt laut der Studie davon ab, wie kurz- oder langfristig die Reaktionen auf die Automatisierung des Straßenverkehrs sind. [Frae17].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Verkehrs- und Umweltwirkungen des automatisierten und vernetzten Fahrens im Straßenverkehr (Stand des Wissens: 15.08.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?503150
Literatur
[Dest22b] Statistisches Bundesamt (Destatis) (Hrsg.) Verkehrsunfälle - Unfälle von Güterkraftfahrzeugen im Straßenverkehr 2020, 2022/01/07
[DeuB16] Wissenschaftliche Dienste Kurzinformation. Änderung des Wiener Übereinkommens vom 8. November 1968 über den Straßenverkehr , 2016
[FaKo15] Fagnant, Daniel J., Kockelman, Kara Preparing a nation for autonomous vehicles: Opportunities, barriers and policy recommendations., veröffentlicht in Transportation Research Part A: Policy and Practice, Ausgabe/Auflage 77, 2015
[Frae17] Eva Fraedrich, Lars Kröger, Francisco Bahamonde-Birke, Ina Frenzel, Gernot Liedtke, Stefan Trommer, Barbara Lenz, Dirk Heinrichs Automatisiertes Fahren im Personen- und Güterverkehr
Auswirkungen auf den Modal-Split, das Verkehrssystem und die Siedlungsstrukturen, Stuttgart, 2017
[ITF15a] International Transport Forum (Hrsg.) Automated and Autonomous Driving. Regulation under Uncertainty., 2015/04/01, Online-Referenz doi:10.1787/5jlwvzdfk640-en
[Lamm14] Michael P. Lammert, Adam Duran, Jeremy Diez, Kevin Burton, Alex Nicholson Effect of Platooning on Fuel Consumption of Class 8 Vehicles Over a Range of Speeds, Following Distances, and Mass, veröffentlicht in SAE International Journal Commercial Vehicle, Ausgabe/Auflage Vlo. 7, Iss. 2, 2014/9/30
[LiMJ14] Kuo-Yun Liang, Jonas Martensson, Karl H. Johansson Fuel-Saving Potentials of Platooning Evaluated through Sparse Heavy-Duty Vehicle Position Data, veröffentlicht in 2014 IEEE Intelligent Vehicles Symposium Proceedings, 2014/06, Online-Referenz doi:10.1109/IVS.2014.6856540, ISBN/ISSN 1931-0587
[StBa21] Statistisches Bundesamt (Hrsg.) Fachserie 8 Reihe 7 Verkehrsunfälle, 2021/07/07
[VDA18] Verband der Automobilindustrie e.V. (Hrsg.) Automatisiertes Fahren, 2018
Rechtsvorschriften
[StVGa] Straßenverkehrsgesetz (StVG)
Glossar
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
Platooning
Der Begriff Platooning beschreibt die Organisationform von mehreren fahrerlosen Fahrzeugen als Konvoi. Dabei befindet sich lediglich im führenden Vehikel ein Fahrer. Die Fahrzeuge sind mittels digitaler Datenverbindung miteinander verknüpft. Mit Hilfe verschiedenster Softwaresysteme wird versucht, das Betreten und Verlassen dieser Konvois so flexibel wie möglich zu gestalten.
Szenarien Ein Szenario ist ein Bild der Zukunft, das sich aus einer bestimmten Kombination von relevanten Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen entwickelt. Das grundsätzliche Anliegen von Szenarien besteht darin, verschiedene Handlungsoptionen zu verdeutlichen und ihre Folgewirkungen transparent zu machen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?502890

Gedruckt am Dienstag, 4. Oktober 2022 18:19:14