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Erscheinungs- und Entwicklungsformen von Multi- und Intermodalität

Erstellt am: 19.05.2015 | Stand des Wissens: 04.06.2018
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Die Begriffe Multi- und Intermodalität haben im letzten Jahrzehnt im Personenverkehr stark an Bedeutung gewonnen [vgl. Nobis14, S. 17]. Sie stehen im Kontrast zu einer eher monomodalen, autogerechten Entwicklung der anpassungsorientierten Verkehrsplanung, welche durch das Leitbild einer integrierten Verkehrsentwicklungsplanung - Verkehrsvermeidung, Verkehrsverlagerung und Verkehrsoptimierung - zunehmend ersetzt wird [vgl. Fran04; Nobis14]. Dies spiegelt sich auch im Verkehrsverhalten wider: Nach Auswertung des MOP - Deutsches Mobilitätspanel werden immer weniger Wege mit dem Motorisierten Individualverkehr (MIV) zurückgelegt (siehe Abbildung 1). Diese kontinuierliche Entwicklung wurde durch Mobilität in Deutschland - (MiD) 2002/2008 [infas10a] und stärker noch durch Mobilität in Städten -  SrV 2003/2008/2013 [SrV08] für Städte bestätigt. Mögliche Erklärungen hierfür können dem Synthesebericht "Entwicklungsdynamik des multimodalen Verkehrsverhaltens " entnommen werden.

Veränderung des Verkehrsaufkommens bei MIV und ÖV seit dem Jahr 1996Abb. 1: Veränderung der zurückgelegten Wege im MIV und im Öffentlichen Verkehr (ÖV) seit dem Jahr 1996 vgl. [KIT11, S. 19] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)

Grundsätzlich kann multi- und intermodaler Verkehr aus drei Blickwickeln betrachtet werden: aus einer System- oder Dienstleisterperspektive, aus Sicht der Verkehrsteilnehmer oder auch durch eine Betrachtung der Wege [vgl. BMP03]. Bei der Betrachtung des Verkehrssystems wird die Frage gestellt, ob die Variation und/oder Kombination von Verkehrsmitteln durch das System oder die Verkehrsdienstleister ermöglicht werden (Verkehrsangebot). Der Schwerpunkt einer Betrachtung von Verkehrsteilnehmern liegt in der Beschreibung des Verkehrsverhaltens von Personengruppen (Verkehrsnachfrage). Durch eine Betrachtung der Wege können die Wegezwecke oder Wegeketten ermittelt werden, bei denen Variation und/oder Kombination von Verkehrsmitteln auftreten [vgl. Nobis14]. Das multimodale Verkehrsverhalten von Verkehrsteilnehmern kann politisch durch den Ausbau des Systems unterstützt werden [vgl. Pet03].

Bei der Kombination von Verkehrsmitteln ist zwischen inter- und multimodalem Verkehrsverhalten zu unterscheiden (vgl. Abbildung 2):
  • Multimodale Verkehrsteilnehmer: Innerhalb eines bestimmten Zeitraumes (Woche, Monat) werden verschiedene Verkehrsmittel genutzt. Längsschnitterhebungen, wie zum Beispiel das MOP - Deutsches Mobilitätspanel, bieten eine Datengrundlage für die Analyse der Eigenschaften multimodaler Verkehrsteilnehmer (vgl. [Interde10; BMP03, Nobis14]).
  • Intermodale Verkehrsteilnehmer: Innerhalb eines Weges werden von dem Verkehrsteilnehmer verschiedene Verkehrsmittel genutzt (miteinander verkettet). Dies ist eine Sonderform der Multimodalität. Datengrundlagen für die Untersuchung des intermodalen Verkehrsverhaltens bieten neben Längsschnitterhebungen auch Stichtagerhebungen (zum Beispiel Mobilität in Städten - SrV [SrV13], Mobilität in Deutschland (MiD) [infas10a].

Verdeutlichung von inter- und multimodalem VerkehrsverhaltenAbb. 2: Verdeutlichung von inter- und multimodalem Verkehrsverhalten [vgl. Interde10, S. 23 nach BMP03] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
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TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Vernetzte Mobilität im Personenverkehr (Stand des Wissens: 07.06.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?447113
Literatur
[BMP03] Von der Ruhren, S., Rindsfüser, G., Beckmann, K.J., Kuhimhof, T., Chlond, B., Zumkeller, D. Bestimmung multimodaler Personengruppen, Aachen/Karlsruhe, 2003
[Fran04] Franke, S. Die "neuen Multimodalen" - Bedingungen eines multimodalen Verkehrsverhaltens, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage Heft-Nr. 3, 2004/03
[infas10a] DLR - Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Institut für Verkehrsforschung, infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft , Follmer, R., Gruschwitz, D., Jesske, B., Quandt, S., Lenz, B., Nobis, C., Köhler, K., Mehlin, M. Mobilität in Deutschland 2008 (MiD 2008) - Ergebnisbericht Struktur - Aufkommen - Emissionen - Trends, 2010/02
[Interde10] TU Dresden, Lehrstuhl Verkehrs- und Infrastrukturplanung, Prof. Dr.-Ing. G.-A. Ahrens, Ahrens, Gerd-Axel, Aurich, Tanja, Böhmer, Thomas, Klotzsch, Jeannette, Pitrone, Anne Interdependenzen zwischen Fahrrad- und ÖPNV-Nutzung. Analysen, Strategien und Maßnahmen einer integrierten Förderung in Städten, 2010
[KIT11] Institut für Verkehrswesen, Karlsruhe Institute for Technology (KIT), Zumkeller, Prof. Dr.-Ing. Dirk, Chlond, Dr.-Ing. Bastian, Kagerbauer, Dr.-Ing. Martin, Kuhnimhof, Dr.-Ing. Tobias, Wirtz, Dipl.-Ing. Matthias Deutsches Mobilitätspanel (MOP) - wissenschaftliche Begleitung und erste Auswertungen, 2011/01/18
[Nobis14] Nobis, C. Multimodale Vielfalt - Quantitative Analyse multimodalen Verkehrshandelns, Berlin, 2014
[Pet03] Petersen, M. Multimodale Mobilutions und Privat-Pkw. Ein Vergleich auf Basis von Transaktions- und monetären Kosten, Berlin, 2003
[SrV08] TU Dresden, Lehrstuhl Verkehrs- und Infrastrukturplanung, Prof. Dr.-Ing. G.-A. Ahrens, Ließke, F., Wittwer, S., Hubrich, S. (Hrsg.) Endbericht zur Verkehrserhebung "Mobilität in Städten - SrV 2008" und Auswertungen zum SrV-Städtepegel, Dresden, 2009/12
[SrV13] Wittwer, R., Hubrich, S., Wittig, S., Ließke, F. Sonderauswertung zum Forschungsprojekt "Mobilität in Städten - SrV 2013". Städtevergleich, Dresden, 2015/05
Weiterführende Literatur
[AhKlWi14] Ahrens, G.-A., Klotzsch, J., Wittwer, R. Autos nutzen statt besitzen. Treiber des multimodalen Verkehrsverbundes, veröffentlicht in ZfAW - Zeitschrift für die gesamte Wertschöpfungskette Automobilwirtschaft, Ausgabe/Auflage 2/2014, 17. Jahrgang, FAW-Verlag, Bamberg, 2014, ISBN/ISSN 1434-1808
[SoKri12] Sommer, C., Krichel, P. Wer nutzt welche Verkehrsmittel? Verkehrsmittelwahl unterschiedlicher Potenzialgruppen - Gewinnung von Zeitkartenkunden ist Schlüssel zum Erfolg, veröffentlicht in Der Nahverkehr. Öffentlicher Personenverkehr in Stadt und Region, Ausgabe/Auflage 3/2012, 30. Jahrgang, Alba Fachverlag, Düsseldorf, 2012/03, ISBN/ISSN 0722-8287
Glossar
Mobilität in Städten - SrV
Aktuelle Entwicklungen des werktäglichen Verkehrsverhaltens der städtischen Wohnbevölkerung werden regelmäßig im Projekt "Mobilität in Städten - SrV" untersucht. Folgende Zielstellungen stehen im Mittelpunkt:
  • Analyse aktueller Trends des Verkehrsverhaltens zum Beispiel vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und veränderter Wertevorstellungen
  • Bereitstellung vergleichbarer Ergebnisse unter anderem für das Benchmarking der teilnehmenden Kommunen, Aufgabenträger, Verkehrsunternehmen und –verbünde.
  • Ableitung stadtübergreifender Entwicklungstendenzen und modellierungsrelevanter Kennziffern auf der Basis von Stadtgruppen
Der SrV-Erhebungsstandard wird kontinuierlich an aktuelle Anforderungen unter Wahrung der Vergleichbarkeit innerhalb der SrV-Zeitreihe angepasst.
Das SrV-Konzept ist inhaltlich und methodisch mit der Erhebung "Mobilität in Deutschland (MiD)" des Bundes abgestimmt und für vergleichende Untersuchungen geeignet, sofern die Stichproben und Ergebnisse unter anderem bezüglich Wochentagen und Reiseweiten angepasst werden.
Das SrV wurde 1972 als "System repräsentativer Verkehrsbefragungen" an der Technischen Universität Dresden (TU Dresden) begründet und seitdem in der Regel alle fünf Jahre wiederholt. Im Jahr 2013 erfolgte die zehnte Fortschreibung der SrV-Zeitreihe seit 1972. Es wurden insgesamt circa 130.000 Personen in über 100 Untersuchungsräumen befragt. Gegenüber der Vorgängererhebung SrV 2008 erweiterten sich Stichprobe, Teilnehmerkreis und Zahl der örtlichen Kooperationen erneut.
ÖV
Der Öffentliche Verkehr (ÖV) ist sowohl im Personen-, Güter- sowie Nachrichtenverkehr für jeden Nutzer der Volkswirtschaft öffentlich zugänglich. Dazu zählen die öffentliche Personenbeförderung, der öffentliche Gütertransport als auch öffentliche Telekommunikations- und Postdienste. Der ÖV wird dabei von Verkehrsunternehmen, nach festgelegten Routen, Preisen und Zeiten durchgeführt. Der ÖV ist somit im Gegensatz zum Individualverkehr (IV) örtlich und zeitlich gebunden.
Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten "Multimodalität" wird der ÖV zunehmend breiter definiert, indem auch "Alternative Bedienformen", Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖV gesehen werden.
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
MOP - Deutsches Mobilitätspanel
ist eine im Auftrag des BMVBS jährlich durchgeführte Befragung von Haushalten in Deutschalnd zum Mobilitätsverhalten im Alltag. Die Haushaltsmitglieder dokumentieren alle durchgeführten Wege im Verlauf einer Woche. Das MOP ist eine Längsschnittuntersuchung.
Intermodaler Verkehr Transport von Gütern in ein und derselben Ladeeinheit oder demselben Straßenfahrzeug mit zwei oder mehreren Verkehrsträgern, wobei ein Wechsel der Ladeeinheit, aber kein Umschlag der transportierten Güter selbst erfolgt.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?447047

Gedruckt am Dienstag, 19. November 2019 01:00:11