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Erscheinungs- und Entwicklungsformen von Multi- und Intermodalität

Erstellt am: 19.05.2015 | Stand des Wissens: 15.03.2021
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Die Begriffe Multi- und Intermodalität haben im letzten Jahrzehnt im Personenverkehr stark an Bedeutung gewonnen [vgl. Nobis14, S. 17]. Sie stehen im Kontrast zu einer eher monomodalen, autogerechten Entwicklung der anpassungsorientierten Verkehrsplanung, welche durch das Leitbild einer integrierten Verkehrsentwicklungsplanung - Verkehrsvermeidung, Verkehrsverlagerung und Verkehrsoptimierung - zunehmend ersetzt wird [vgl. Fran04; Nobis14]. Dies spiegelt sich, abhängig vom Raumtyp, auch leicht im Verkehrsverhalten wider. Während in den ländlichen Regionen mit 70 Prozent der zurückgelegten Wege das Auto mangels Alternativen überwiegt, dominieren in den Metropolen die Verkehrsmittel des Umweltverbundes mit einem Anteil von 62 Prozent [NoKu18, S. 47]. Diese kontinuierliche Entwicklung wurde noch stärker durch Mobilität in Städten - SrV 2003/2008/2013/2018 [ESrV18] für Städte bestätigt.

Laut Abbildung 1 nimmt der Modal Split des MIV (Fahrer und Mitfahrer) zwar von 2002 bis 2017 in Deutschland prozentual ab. Vor dem Hintergrund der seit 2002 allerdings kontiniuerlich steigenden absoluten Verkehrsleistung [BMVI20t, S. 218f] kann aber noch nicht von einer "echten" Mobilitätswende gesprochen werden. Mögliche Erklärungen für multimodales Verkehrsverhalten können dem Synthesebericht "Entwicklungsdynamik des multimodalen Verkehrsverhaltens" entnommen werden.
447047.pngAbbildung 1: Entwicklung des Modal Split in Deutschland im Jahr 2002 (Innenkreis), im Jahr 2008 (Mittlerer Kreis) und im Jahr 2017 (Außenkreis)
Grundsätzlich kann multi- und intermodaler Verkehr aus drei Blickwickeln betrachtet werden: aus einer System- oder Dienstleisterperspektive, aus Sicht der Verkehrsteilnehmer oder auch durch eine Betrachtung der Wege [vgl. BMP03]. Bei der Betrachtung des Verkehrssystems wird die Frage gestellt, ob die Variation und/oder Kombination von Verkehrsmitteln durch das System oder die Verkehrsdienstleister ermöglicht werden (Verkehrsangebot). Der Schwerpunkt einer Betrachtung von Verkehrsteilnehmern liegt in der Beschreibung des Verkehrsverhaltens von Personengruppen (Verkehrsnachfrage). Durch eine Betrachtung der Wege können die Wegezwecke oder Wegeketten ermittelt werden, bei denen Variation und/oder Kombination von Verkehrsmitteln auftreten [vgl. Nobis14]. Das multimodale Verkehrsverhalten von Verkehrsteilnehmern kann politisch durch den Ausbau des Systems unterstützt werden [vgl. Pet03].

Bei der Kombination von Verkehrsmitteln ist zwischen inter- und multimodalem Verkehrsverhalten zu unterscheiden (vgl. Abbildung 2):
  • Multimodale Verkehrsteilnehmer: Innerhalb eines bestimmten Zeitraumes (Woche, Monat) werden verschiedene Verkehrsmittel genutzt. Längsschnitterhebungen, wie zum Beispiel das MOP - Deutsches Mobilitätspanel, bieten eine Datengrundlage für die Analyse der Eigenschaften multimodaler Verkehrsteilnehmer (vgl. [Interde10; BMP03, Nobis14]).
  • Intermodale Verkehrsteilnehmer: Innerhalb eines Weges werden von dem Verkehrsteilnehmer verschiedene Verkehrsmittel genutzt (miteinander verkettet). Dies ist eine Sonderform der Multimodalität. Die Datengrundlagen für die Untersuchung des intermodalen Verkehrsverhaltens bieten neben Längsschnitterhebungen auch Stichtagerhebungen (zum Beispiel Mobilität in Städten - SrV [ESrV18], Mobilität in Deutschland (MiD) [NoKu18]).

Verdeutlichung von inter- und multimodalem VerkehrsverhaltenAbbildung 2: Verdeutlichung von inter- und multimodalem Verkehrsverhalten [vgl. Interde10, S. 23 nach BMP03]
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Vernetzte Mobilität im Personenverkehr (Stand des Wissens: 07.06.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?447113
Literatur
[BMP03] Von der Ruhren, S., Rindsfüser, G., Beckmann, K.J., Kuhimhof, T., Chlond, B., Zumkeller, D. Bestimmung multimodaler Personengruppen, Aachen/Karlsruhe, 2003
[BMVI20t] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Verkehr in Zahlen 2020/2021, 2020/09
[ESrV18] TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike, Gerike, Regine, Hubrich, Stefan, Ließke, Frank, Wittig, Sebastian, Wittwer, Rico Was sich zeigt.
Präsentation und Diskussion der Ergebnisse des SrV 2018, 2020/03/13
[Fran04] Franke, S. Die "neuen Multimodalen" - Bedingungen eines multimodalen Verkehrsverhaltens, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage Heft-Nr. 3, 2004/03
[Interde10] TU Dresden, Lehrstuhl Verkehrs- und Infrastrukturplanung, Prof. Dr.-Ing. G.-A. Ahrens, Ahrens, Gerd-Axel, Aurich, Tanja, Böhmer, Thomas, Klotzsch, Jeannette, Pitrone, Anne Interdependenzen zwischen Fahrrad- und ÖPNV-Nutzung. Analysen, Strategien und Maßnahmen einer integrierten Förderung in Städten, 2010
[KIT11] Institut für Verkehrswesen, Karlsruhe Institute for Technology (KIT), Zumkeller, Prof. Dr.-Ing. Dirk, Chlond, Dr.-Ing. Bastian, Kagerbauer, Dr.-Ing. Martin, Kuhnimhof, Dr.-Ing. Tobias, Wirtz, Dipl.-Ing. Matthias Deutsches Mobilitätspanel (MOP) - wissenschaftliche Begleitung und erste Auswertungen, 2011/01/18
[Nobis14] Nobis, C. Multimodale Vielfalt - Quantitative Analyse multimodalen Verkehrshandelns, Berlin, 2014
[NoKu18] infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft , Nobis, Claudia, Kuhnimhof, Tobias Mobilität in Deutschland - MiD Ergebnisbericht, 2019/02
[Pet03] Petersen, M. Multimodale Mobilutions und Privat-Pkw. Ein Vergleich auf Basis von Transaktions- und monetären Kosten, Berlin, 2003
Weiterführende Literatur
[AhKlWi14] Ahrens, G.-A., Klotzsch, J., Wittwer, R. Autos nutzen statt besitzen. Treiber des multimodalen Verkehrsverbundes, veröffentlicht in ZfAW - Zeitschrift für die gesamte Wertschöpfungskette Automobilwirtschaft, Ausgabe/Auflage 2/2014, 17. Jahrgang, FAW-Verlag, Bamberg, 2014, ISBN/ISSN 1434-1808
[SrV08] TU Dresden, Lehrstuhl Verkehrs- und Infrastrukturplanung, Prof. Dr.-Ing. G.-A. Ahrens, Ließke, F., Wittwer, S., Hubrich, S. (Hrsg.) Endbericht zur Verkehrserhebung "Mobilität in Städten - SrV 2008" und Auswertungen zum SrV-Städtepegel, Dresden, 2009/12
[SoKri12] Sommer, C., Krichel, P. Wer nutzt welche Verkehrsmittel? Verkehrsmittelwahl unterschiedlicher Potenzialgruppen - Gewinnung von Zeitkartenkunden ist Schlüssel zum Erfolg, veröffentlicht in Der Nahverkehr. Öffentlicher Personenverkehr in Stadt und Region, Ausgabe/Auflage 3/2012, 30. Jahrgang, Alba Fachverlag, Düsseldorf, 2012/03, ISBN/ISSN 0722-8287
Glossar
Umweltverbund
Unter dem Begriff Umweltverbund wird die Kooperation der umweltfreundlichen Verkehrsmittel verstanden. Hierzu zählen der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV: Bahnen und Busse), Fahrrad und zu Fuß gehen. Carsharing eignet sich als ÖPNV-ergänzendes Verkehrsmittel und ist ein wichtiger Baustein des Umweltverbundes (4. Säule des Umwelt-/Mobilitätsverbundes).
In neueren Publikationen (ab etwa 2010) wird zunehmend vom Mobilitätsverbund gesprochen.
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
MOP - Deutsches Mobilitätspanel
ist eine im Auftrag des BMVBS jährlich durchgeführte Befragung von Haushalten in Deutschalnd zum Mobilitätsverhalten im Alltag. Die Haushaltsmitglieder dokumentieren alle durchgeführten Wege im Verlauf einer Woche. Das MOP ist eine Längsschnittuntersuchung.
Intermodaler Verkehr Transport von Gütern in ein und derselben Ladeeinheit oder demselben Straßenfahrzeug mit zwei oder mehreren Verkehrsträgern, wobei ein Wechsel der Ladeeinheit, aber kein Umschlag der transportierten Güter selbst erfolgt.
Modal Split
Modal Split wird in der Verkehrsstatistik die prozentuale Verteilung des Personen- und Güterverkehrs auf verschiedene Verkehrsmittel (Modi) genannt. Der Modal Split ist Folge des Mobilitätsverhaltens der Menschen und der wirtschaftlichen, insbesondere der verkehrlichen Entscheidungen von Unternehmen.
Verkehrsleistung Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter, Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] bzw. Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?447047

Gedruckt am Mittwoch, 16. Juni 2021 12:05:01