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Stärkung des multimodalen Verkehrssystems

Erstellt am: 18.05.2015 | Stand des Wissens: 06.06.2018
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Mit dem Motorisierten Individualverkehr (MIV) geht Ressourcenverbrauch einher und die Emission von Abgasen, die der Umwelt und der Gesundheit schaden. Von der Fahrleistung im MIV geht dabei eine besonders starke Belastung aus. Diese nimmt, wie in Abbildung 1 deutlich wird, seit Jahren zu.

446824_Fahrleistung im MIV.pngAbb. 1: Fahrleistungen im MIV (Pkw, Mopeds, Krafträder) in Mrd. km für die Jahre 2004 bis 2016 [vgl. BMVI17q, S. 152 f.]
Maßnahmen, die günstige Bedingungen für die Kombination mehrerer Verkehrsmittel schaffen, und Angebote, die dem Verkehrsteilnehmer einen Zugewinn an Autonomie und Flexibilität bieten, werden vor diesem Hintergrund dringend benötigt. Sie können einen wertvollen Beitrag zur Einhaltung der zunehmend strengen europäischen Emissionsgrenzwerte leisten [vgl. Fran04, S. 105].
Empfehlungen zur Förderung multi- und intermodaler Verkehre stellen unter anderem [vgl. BMP03 , S. 127] und [vgl. Interde10, S. 62] vor. Die folgende Liste zeigt ausgewählte Beispiele:

  • Erhalt respektive Bereitstellung eines attraktiven und bedarfsgerechten ÖPNV-Angebotes
  • Förderung differenzierter Angebotsformen des MIV (Carsharing, Pendlernetzwerke)
  • Maßnahmen zur Sicherung der Möglichkeiten einer Teilnahme (Realisierung) und Teilhabe (Potenzial) an (nicht-individualmotorisierter) Mobilität
  • Schaffung von Anreizen zum häufigen Wechsel vom Pkw auf den ÖPNV (unter anderem Vermarktung von ÖPNV-Angeboten)
  • Verkehrsmanagement und Mobilitätsmanagement
  • Optimierung der intermodalen Verknüpfung im Berufsverkehr
  • Förderung integrierter Standortentscheidungen (zum Beispiel Wohnstandorte)
  • Aufklärung über die wahren Kosten der Verkehrsmittel und deren Internalisierung
Die Stärkung des multimodalen Verkehrssystems wird in Deutschland in mehreren politischen Programmen als Ziel formuliert. Beispiele dafür sind die "Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie 2017" (MKS) , der "IVS-Aktionsplan Straße" [Bmvb12a] und das "Forschungsprogramm Stadtverkehr" (FoPS). Die Ergebnisse von zwei im Rahmen des FoPS durchgeführten Studien sollen im Folgenden kurz erläutert werden.
Die Studie "Bewertung von Multimodalitätsstrategien für Verkehrsunternehmen, -verbünde und Kommunen" [BMVI17s] hat Multimodalitätsstrategien von Kommunen sowie die Integration von Sharing-Dienstleistungen in den kommunal gesteuerten öffentlichen Personennahverkehr untersucht. Folgende Schlüsse werden in der Studie gezogen: Sharing-Dienstleistungen können durch infrastrukturelle Maßnahmen wie die Reservierung öffentlichen Parkraums und die Einrichtung von Mobilitätsstationen sowie durch regulierende Maßnahmen (zum Beispiel Parkraumbewirtschaftung) unterstützt werden [vgl. BMVI17s, S.240]. Weil Sharing-Angebote eine Konkurrenz für den ÖPNV darstellen können, "wird die Handlungsfähigkeit einer Kommune auf mittlere Sicht erhöht, wenn sie eine eigene Multimodalitätsstrategie entwickelt und in der Öffentlichkeit absichert" [BMVI17s, S.243]. Der kommunalen Öffentlichkeitsarbeit kommt eine besondere Bedeutung zu, weil sie Gelegenheiten zum Ausprobieren schaffen und ständige Nutzungsimpulse setzen kann [BMVI17s, S.245].
Die Studie "Smart Station Die Haltestelle als Einstieg in die multimodale Mobilität" identifiziert neue Anforderungen an Haltestellen im ÖPNV. In der Studie wird das Konzept einer "Smart Station" vorgestellt. Durch eine Optimierung der Schnittstellen zwischen den einzelnen Komponenten (Mobilität, Services, Infrastruktur) bietet die "Smart Station" Zugang zu mehreren Mobilitätsoptionen und ermöglicht die Kombination von Modi auf einem Weg. Dabei werden Mobilitätsinformationen intelligent verknüpft und aufbereitet [vgl. FoPS15a, S. 15]. Das erfolgt über die Erfassung einer Vielzahl von Echtzeitdaten und einer durch standardisierte Protokolle erleichterten Kommunikation zwischen den Akteuren [vgl. FoPS15a, S. 45]. Es treten jedoch in Bezug auf die Datenverarbeitung mehrere Probleme auf. Von Kundenseite aus beeinflusst der Schutz persönlicher Daten die Nutzerakzeptanz. Von Anbieterseite aus stellen Daten und Kundeninformationen einen wichtigen Wettbewerbsvorteil dar. Somit verringert sich bei den beteiligten Unternehmen die Bereitschaft zur Kooperation. Darüber hinaus erschwert das Fehlen einheitlicher technischen Standards ganz entscheidend die Datenübermittlung [vgl. FoPS15a, S. 49.f]. Die Autoren weisen abschließend darauf hin, dass die Digitalisierung im Mobilitätssektor Grundvoraussetzung für die Umsetzung der "Smart Station"-Idee sind. Als Beispiele dafür werden ein leistungsfähiges Mobilfunknetz und eine funktionierende Technologie für das E-Ticketing genannt [vgl. FoPS15a, S. 54].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Vernetzte Mobilität im Personenverkehr (Stand des Wissens: 07.06.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?447113
Literatur
[Beck06] Beckmann, Klaus, Chlond, Bastian, Kuhnimhof, Tobias, et al. Multimodale Verkehrsmittelnutzer im Alltagsverkehr - Zukunftsperspektive für den ÖV?, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage 4, 2006
[BMBF14a] Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.) Die neue Hightech-Strategie
Innovationen für Deutschland, Berlin, 2014/08
[BMP03] Von der Ruhren, S., Rindsfüser, G., Beckmann, K.J., Kuhimhof, T., Chlond, B., Zumkeller, D. Bestimmung multimodaler Personengruppen, Aachen/Karlsruhe, 2003
[BMVI14h] Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Verkehr in Zahlen 2014/15, Ausgabe/Auflage 43. Jahrgang, DVV Media Group GmbH / Hamburg, 2014, ISBN/ISSN 978-3-87154-493-4
[BMVI17q] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Verkehr in Zahlen 2017/2018, Ausgabe/Auflage 46. Jahrgang, 2017, ISBN/ISSN ISBN 978-3-87154-617-4
[BMVI17s] KCW GmbH, Öko-Institut e.V. Institut für angewandte Ökologie Bewertung von Multimodalitätsstrategien für Verkehrsunternehmen, -verbünde und Kommunen, 2017/09
[BMVI18q] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) MKS 2018: Energie auf Neuen Wegen - Aktuelles zur Weiterentwicklung der Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie der Bundesregierung, 2018/04
[ChlKuh09] Chlond, B., Kuhnimhof, T. Fahrrad und ÖPNV versus MIV? Analysen zur Konkurrenz und Synergie von Verkehrsmitteln auf Grundlagen der Daten des Mobilitätspanels, Ausgabe/Auflage Tagungsband "Integrierte Nahmobilität", 12. SRL ÖPNV-Tagung 2009/2. MeetBike Konferenz, 12.-13. März 2009 in Dresden, 2009
[FoPS15/16] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Referat G 11, Grundsatzfragen der Forschung, Entwicklung, Forschungsförderung Aufstellung des Forschungsprogramms zur Verbesserung der Verkehrsverhältnisse in den Gemeinden (FoPS 2015/2016), Bonn, 2014/06/12
[FoPS15a] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Referat G 11, Grundsatzfragen der Forschung, Entwicklung, Forschungsförderung "Smart Station" - Die Haltestelle als Einstieg in die multimodale Mobilität, 2015
[Fran04] Franke, S. Die "neuen Multimodalen" - Bedingungen eines multimodalen Verkehrsverhaltens, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage Heft-Nr. 3, 2004/03
[Interde10] TU Dresden, Lehrstuhl Verkehrs- und Infrastrukturplanung, Prof. Dr.-Ing. G.-A. Ahrens, Ahrens, Gerd-Axel, Aurich, Tanja, Böhmer, Thomas, Klotzsch, Jeannette, Pitrone, Anne Interdependenzen zwischen Fahrrad- und ÖPNV-Nutzung. Analysen, Strategien und Maßnahmen einer integrierten Förderung in Städten, 2010
[IV08] Bamberg, S., Heller, J., Heipp, G., Nallinger, S. Multimodales Marketing für Münchner Neubürger, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage Heft 03/2008, Deutscher Verkehrs-Verlag GmbH/ Hamburg, 2008
Weiterführende Literatur
[VCÖ15] VCÖ - Verkehrsclub Österreich Multimodale Mobilität erfolgreich umsetzen, veröffentlicht in Mobilität mit Zukunft, VCÖ, Wien, 2015, ISBN/ISSN 3-901204-84-9
[EuCo14] European Commisson (Hrsg.) Towards a roadmap for delivering EU-wide multimodal travel information, planning and ticketing services, 2014/06/13
Glossar
Pkw
Personenkraftwagen (Pkw): Pkw sind nach der Richtlinie 70/156/EWG Fahrzeuge mit mindestens vier Rädern und dienen der Beförderung von maximal 9 Personen (inklusive Fahrzeugführer). Pkw dürfen nur auf den dafür vorgesehenen Verkehrsflächen geführt werden.
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
ITS Intelligent Transportation Systems (ITS) ist der Oberbegriff für Transportsysteme, die Informations- und Kommunikationstechnologie zur Unterstützung des Betriebes einsetzen. ITS-Funktionen unterstützen den Fahrer eines Transportmittels, sie sind damit deutlich von automatischen Transportsystemen zu differenzieren, die auf einen fahrerlosen Betrieb abstellen. Die wichtigsten neuen und zum Teil noch in Entwicklung befindlichen Anwendungsfelder zielen auf (1) Verkehrs- und Transportmanagement (Verkehrsinformationen, Verkehrslenkung, Verkehrs- und Parkleitsysteme, automatische Unfallmeldungen, Meldesysteme zum Gefahrgutmonitoring); (2) Elektronische Systeme zur Gebührenerhebung; (3) Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel (dynamische Fahrgastinformationen, Reservierung, spezifische Informationssysteme für Fahrradfahrer und Fußgänger, Steuerung individueller öffentlicher Verkehrsmittel); (4) Systeme zur Unterstützung der Fahrzeugsicherheit (Kollisionsdetektoren, Sektorisierung von Verkehrswegen).
Carsharing
Der Begriff CarSharing stammt aus dem Englischen (car= Auto, to share= teilen) und kann sinngemäß mit der Bedeutung "Auto teilen" übersetzt werden. Er beschreibt die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Kraftfahrzeugen, die meist von Unternehmen gegen Gebühr bereitgestellt werden.
Durch einen Rahmenvertrag oder eine Vereinsmitgliedschaft erhalten Kunden flexiblen Zugriff auf alle Kfz eines Anbieters. Die Fahrzeuge können über eine Webseite oder über eine Smartphone-App gebucht werden. Geöffnet werden sie in der Regel mit Hilfe von Chipkarten oder durch ein Zugangscode vermittelt über die Smartphone-App.
Bei dem System des stationsbasierten CarSharing stehen die Fahrzeuge auf reservierten Stellplätzen und werden nach der Nutzung auch wieder dorthin zurückgebracht. Ein anderes Modell ist das free-floating CarSharing. Hier stehen die Fahrzeuge in einem definierten Operationsgebiert verteilt. Sie können per Smartphone geortet werden und nach der Nutzung auf einem beliebigen Stellplatz innerhalb des Operationsgebiets zurückgegeben werden.
ÖPNV Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV): Nach § 2 des Regionalisierungsgesetzes (RegG) wird ÖPNV definiert als die "allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Verkehrsmitteln im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen." Das ist im Zweifel der Fall, wenn eine Mehrzahl der Beförderungsfälle eines Verkehrsmittels die gesamte Reiseweite von 50 Kilometer oder die gesamte Reisezeit von einer Stunde nicht übersteigt. Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten "Multimodalität" wird der ÖPNV zunehmend breiter definiert, indem auch "alternative Bedienformen", Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖPNV gesehen werden.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?446824

Gedruckt am Freitag, 20. September 2019 06:01:43