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Bestehende Kritik am gegenwärtigen Organisationsmodell und der Marktsituation des Schienenpersonenfernverkehrs

Erstellt am: 03.05.2013 | Stand des Wissens: 26.10.2018
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Die aktuelle Situation und Entwicklung des Schienenpersonenfernverkehrs (SPFV) stehen in der Kritik zahlreicher Interessenverbände, Bundesländer, politischer Parteien und Wissenschaftler [Sieg04]. Die Argumente zielen dabei vor allem auf den schwach ausgeprägten Wettbewerb und die damit einhergehende Quasi-Monopolstellung des Deutsche Bahn AG Konzern (DB AG). Sie verhindere eine dynamische Entwicklung, wie teilweise beim Schienenpersonennah- (SPNV) und Schienengüterverkehr (SGV) geschehen [SGKV01, S. 19 ff.].

Die DB AG betreibt, nach Meinung der Kritiker, den Fernverkehr einseitig. Sie sei dabei ausschließlich auf die Bedienung und den einseitigen Ausbau des Hochgeschwindigkeitsverkehrs fixiert und vernachlässige das Zusammenspiel des Gesamtsystems [Vosk01]. Untermauert wird die Position der Kritiker durch die seit 2001 sinkenden absoluten Fahrgastzahlen der DB Fernverkehr AG, welche 2004 mit 115 Millionen einen Tiefpunkt erreichten und erst 2016 mit 138 Millionen Fahrgästen wieder das Niveau von 2001 überschritten [BMVI17q, S. 216 f.). Verantwortlich dafür war die Einstellung des InterRegio (IR) sowie zahlreiche Streckenreduzierungen [BDDI06, S. 88 ff.]. Die Bundesländer mussten durch die Einschränkungen des Fernverkehrsangebots in den Regionen zusätzliche finanzielle Belastungen in Kauf nehmen. Ersatzverkehre für entfallene und fehlende SPFV-Angebote mussten im Rahmen der länderfinanzierten SPNV-Finanzierungen teilweise länderübergreifend organisiert werden. Das bedeutete zusätzliche Kosten bei gleichbleibender Höhe der Regionalisierungsmittel. Im Ergebnis kam es in einigen Regionen zu Einschnitten im bestehenden SPNV [Bung11, S. 34 f.].

Zur Lösung der Problematik wurden verschiedene Konzepte vorgeschlagen und diskutiert. Auf Initiative mehrerer Bundesländer hin, wurde der Entwurf eines "Gesetzes zur Sicherstellung von Eisenbahninfrastrukturqualität und Fernverkehrsangebot" eingebracht, welcher das direkte Eingreifen des Bundes (Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat) vorsieht.  Damit soll er dazu verpflichtet werden - so die Intetion der Bundesländer - durch die Entwicklung eines Schienenpersonenfernverkehrsplans sowie den Abschluss von sogenannten Verkehrsdurchführungsverträgen für eine angemessene SPFV-Anbindung in Regionen zu sorgen [DeBu08, S. 13 f.]. Auf diesem ersten Entwurf aufbauend liegt aktuell der Gesetzesentwurf zur Gestaltung des Schienenpersonenfernverkehrs (Schienenpersonenfernverkehrsgesetz - SPFVG) vor, welcher den entsprechenden Gewährleistungsauftrag des Bundes für den SPFV konkretisiert [DeBu18]. Ein weiteres Konzept ergab sich 2008 mit der Gründung der Initiative Deutschland-Takt. Deren Ziel ist es, in der Bundesrepublik Deutschland einen integralen Taktfahrplan zu etablieren. Dabei soll der SPFV und SPNV zeitlich miteinander verzahnt und somit ebenfalls die regionale Erschließung im Fernverkehr verbessert und sichergestellt werden [Prie12].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Regionale Erschließungsqualität des Schienenpersonenfernverkehrs (Stand des Wissens: 27.02.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?409784
Literatur
[BDDI06] KCW GmbH, Steer Davies Gleave, UNICONSULT Universal Transport Consulting GmbH Privatisierung der integrierten Deutschen Bahn AG - Auswirkungen und Alternativen, 2006/01
[BMVI17q] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Verkehr in Zahlen 2017/2018, Ausgabe/Auflage 46. Jahrgang, 2017, ISBN/ISSN ISBN 978-3-87154-617-4
[Bung11] Bunge, Stephan Analyse und Bewertung der regionalen Erschließungsqualität im Schienenpersonenfernverkehr, veröffentlicht in Schienenverkehrsforschung an der Technischen Universität Berlin, Ausgabe/Auflage 3/2011, Eurailpress in DVV Media Group, Hamburg, 2011
[DeBu08] Deutscher Bundestag (Hrsg.) Entwurf eines Gesetzes zur Sicherstellung von Eisenbahninfrastrukturqualität und Fernverkehrsangebot, Ausgabe/Auflage 16/9797, 2008/06/25
[DeBu18] Deutscher Bundestag (Hrsg.) Entwurf eines Gesetzes zur Gestaltung des Schienenpersonenfernverkehrs , Ausgabe/Auflage 19/2074, 2018/05/09
[Prie12] Pries, Hannes Der Deutschland-Takt in der Praxis, veröffentlicht in Deutschland-Takt Rendevous im Bahnhof, 2012/11/08
[SGKV01] Studiengesellschaft für den kombinierten Verkehr e.V. (Hrsg.) Unter Zugzwang gesetzt - Conney will Interregio retten, veröffentlicht in Pro Bahn Zeitung, Ausgabe/Auflage 4/2001, Pro Bahn e.V. Bundesverband, München , 2001
[Sieg04] Sieg, Gernot, Prof. Dr. Strategisches Angebot von Eisenbahnpersonenfernverkehr bei freiem Marktzutritt - Warum steht der InterRegio auf dem Abstellgleis?, veröffentlicht in Zeitschrift für Verkehrswissenschaft, Ausgabe/Auflage 02/04, Verkehrsverlag Fischer / Köln, 2004
[Vosk01] Voskamp, Rainer Disparitäten in der Anbindung der deutschen Großstädte an
das Eisenbahnnetz
, veröffentlicht in Wirtschaftswissenschaftliche Diskussionsbeitrage der TU Chemnitz, Ausgabe/Auflage 42/2001, Chemnitz, 2001
Glossar
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Deutschland-Takt Der Deutschland-Takt ist ein Ansatz zur netzweiten Optimierung des Schienenpersonenverkehrs in Deutschland. Den Kernpunkt bildet hierbei die Einführung eines Integralen Taktfahrplans (ITF), die notwendigerweise mit koordinierten Infrastrukturverbesserungen verbunden ist. Das Ziel soll eine Steigerung der Fahrgastzahlen durch ein attraktiveres, vertaktetes und gut verknüpftes Verkehrsangebot sowohl im Schienenpersonenfernverkehr als auch Schienenpersonennahverkehr sein.
Hochgeschwindigkeitsverkehr Als Hochgeschwindigkeitsverkehr (HGV) werden Zugfahrten von Trieb[wagen]zügen (sog. Hochgeschwindigkeitszüge) bzw. dafür geeigneten lokbespannten Zügen mit mehr als 200 km/h Spitzengeschwindigkeit auf extra dafür [um]gebauten HGV-Strecken bezeichnet.
Schienenpersonennahverkehr Gemäß Regionalisierungsgesetz (RegG) § 2 handelt es sich bei einer auf der Schiene erbrachten Beförderungsdienstleistung um ein Angebot des Nahverkehrs, "wenn in der Mehrzahl der Beförderungsfälle [...] die gesamte Reiseweite 50 Kilometer oder die gesamte Reisezeit eine Stunde nicht übersteigt" [RegG, § 2]. Zur Erfüllung der Daseinsvorsorge wird der SPNV von den Ländern bestellt und unterstützt. Der SPNV kann Teil des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) sein.
Schienenpersonenfernverkehr
Der Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) ist die Beförderung von Reisenden mit Eisenbahnzügen über längere Strecken mit mehr als einer Stunde Fahrzeit oder 50 km Entfernung. Im Gegenzug zum Schienenpersonennahverkehr (SPNV) bzw. dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) wird der SPFV eigenwirtschaftlich betrieben und muss sich betriebsökonomisch selbst tragen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?409632

Gedruckt am Sonntag, 19. Mai 2019 14:47:49