Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Fahrradverleihsystem in Barcelona

Erstellt am: 15.12.2010 | Stand des Wissens: 25.01.2017
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Barcelona hat etwa 1,6 Millionen Einwohner. Im Stadtverkehr spielt das Fahrrad mit einem Modal Split Anteil von 1-2 Prozent eine untergeordnete Rolle [BMVBS09u].

Zur Steigerung der Fahrradnutzung wurde im März 2007 das System Bicing eingeführt. Betrieben wird es von dem Unternehmen Clear Channel, das einen Vertrag für eine Laufzeit von 10 Jahren mit der Stadt Barcelona geschlossen hat. Es besteht auch die Option, diesen um weitere 5 Jahre zu verlängern [vonS09]. Clear Channel ist verantwortlich für Fahrradverleihsysteme an 13 verschiedenen Standorten [Monh09]. Finanziert wird das System zu einem Drittel durch Nutzereinnahmen und zu zwei Drittel aus Überschüssen des Parkraumbewirtschaftungsprogramms "Area Verde" [vonS09]. Auch im Rahmen der Parkraumbewirtschaftung eingenommene Mittel sind teilweise für das Fahrradverleihsystem vorgesehen. Die Infrastruktur für Bicing wurde jedoch von der Stadt aufgebaut und mit 15 Millionen Euro finanziert. Dies hatte den Vorteil, dass das System schneller als Vergleichbare realisiert werden konnten [Obis11, S. 50].


Für die Entnahme des Fahrrads muss der Nutzer die Kundenkarte an das Terminal halten, woraufhin die Nummer des Stellplatzes angezeigt wird, an der das Fahrrad entnommen werden kann. Dies wird auch mit einer grünen Lampe signalisiert. Bei der Rückgabe an einem freien Stellplatz zeigt eine rote Lampe an, dass die Rückgabe registriert wurde [Bicing10]. In Barcelona werden nur Jahresabonnements angeboten, für deren Registrierung auch eine spanische Wohnanschrift nötig ist. So wird zum Schutz der konventionellen Fahrradfirmen verhindert, dass Touristen das System nutzen können. Eine ursprünglich angedachte Wochenkarte, die auch von Touristen nutzbar wäre, scheiterte, da Wettbewerbsverzerrung und Nachteile für die private Fahrradverleihe befürchtet wurden [vonS09]. Zudem gibt es unter anderem eine Strafgebühr für Zeitüberschreitung, wobei nach drei maligem Auftreten der Strafe das Nutzerkonto automatisch aufgelöst wird.

Tarifuebersicht_Barcelona.png

Tabelle 1: Tarifübersicht für Fahrradnutzung [Bicing10]

Zwischen den Stationen besteht ein Abstand von durchschnittlich 350 Metern, womit etwa 70 Prozent des Stadtgebietes von Barcelona abgedeckt sind. Da Bicing zum Angebot des kommunalen Eigenbetriebs B:MS gehört, ist ein wichtiges Ziel die sinnvolle Ergänzung des Angebotes des öffentlichen Verkehrs. Aus diesem Grund befindet sich an nahezu jeder Metro-Station eine Bicing-Station. Laut einer Umfrage werden in 30 Prozent aller Fahrten die Fahrräder mit anderen Verkehrsmitteln kombiniert. [vonS09]. Langfristig sind 9.520 Fahrräder und 850 Stationen geplant [Interde10].


Nutzerzahlen Barcelona.png

Tabelle 2: Entwicklung von Bicing [AdB16]

Das System ist ganzjährig in Betrieb, wobei stundenhaft Einschränkungen für einzelne Tage bestehen. An Samstagen, Sonntagen und Feiertagen kann 24 Stunden lang Fahrräder ausgeliehen werden. Von Montag bis Donnerstag kann zwischen 2-5 Uhr, und an Freitagen zwischen 3-5 Uhr keine Fahrräder ausgeliehen werden [Bicing10].

Nach der Einführung von Bicing wurde die Ausdehnung des Radwegenetzes beschleunigt, da mit der Nutzung des Fahrradverleihsystems auch die Nachfrage entsprechender Infrastruktur stieg [Obis11, S. 41].

In 2016 wurden 14,25 Millionen Fahrten pro Jahr beziehungsweise etwa 34.000 Fahrten pro Tag durchgeführt. Es gibt 102.000 Dauerkunden, deren durchschnittliche Fahrzeit 12,5 Minuten beträgt. Durchschnittlich wird jedes Fahrrad 5,5 mal pro Tag entliehen [vonS09]. Das Fahrradverleihsystem schließt jedoch auch die Nutzung durch Touristen aus [Obis11, S. 42].

Das System wird ungefähr genauso häufig von Männern wie von Frauen genutzt. Etwa die Hälfte der Fahrradfahrer ist älter als 35 Jahre. Der häufigste Grund für die Nutzung des Systems ist die (individuelle) Schnelligkeit des Verkehrsmittels. Danach folgen sportliche Betätigung, Bequemlichkeit und Umweltbewusstsein [vonS09].

Probleme ergeben sich vor allem aufgrund einseitiger Auslastungen, sodass einige Stationen überlastet und andere leer sind. Auch mit Fahrzeugen zur Fahrradverteilung konnte dieses Problem noch nicht völlig gelöst werden [vonS09]. Ein Anforderungskatalog für neue Stationsstandorte wurde entwickelt, der gleichzeitig die Zugänglichkeit für Redistributionsfahrzeuge sicherstellt [Obis11, S. 55].

Über ein Monitoring-Programm, welches 2009 im Zuge einer Vertragsrevision eingeführt wurde, können die detailgenaue Stationsauslastung sowie die Kundenzufriedenheit analysiert werden. Auch ergaben Kundenbefragungen, dass entscheidende Faktoren für die Kundenzufriedenheit die Verfügbarkeit von Fahrrädern als auch Abstellmöglichkeiten zur Rückgabe der Räder waren. Künftig wird die Zahl der Fahrräder konstant bei etwa 6.000 Fahrzeugen gehalten werden. Strategien zur Verbesserung sind dabei [Obis11, S. 65]:
  • Die detaillierte Auswertung von der Nutzung der Stationen
  • Erweiterung von Stationskapazitäten und neue Stationen
  • Planung neuer Stationen in angemessener Größe.
Eine Lösung für Bereiche mit hoher Nachfrage und engen Straßen bieten in Barcelona "Drehkreuz-Stationen". Diese liegen in der Nähe von der Stationen mit beengten Verhältnissen, haben die doppelte Kapazität und können direkt durch ein Fahrzeug mit Anhänger (30 Räder) erreicht werden [Obis11].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Öffentliche Fahrradverleihsysteme (Stand des Wissens: 14.02.2017)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?336909
Literatur
[AdB16] Safety and Mobility Department of Barcelona City Council (Hrsg.) Dades bàsiques de mobilitat (2008-2015), 2016
[Bicing10] BARCELONA DE SERVEIS MUNICIPALS Bicing - Fahrradverleihsystem in Barcelona, 2010
[BMVBS09u] Dipl.-Ing. Matthias Franz, Dipl.-Ing. Gernot Steinberg Nationaler Radverkehrskongress 2009 7.-8. Mai 2009 in Berlin, 2010/09
[Interde10] TU Dresden, Lehrstuhl Verkehrs- und Infrastrukturplanung, Prof. Dr.-Ing. G.-A. Ahrens, Ahrens, Gerd-Axel, Aurich, Tanja, Böhmer, Thomas, Klotzsch, Jeannette, Pitrone, Anne Interdependenzen zwischen Fahrrad- und ÖPNV-Nutzung. Analysen, Strategien und Maßnahmen einer integrierten Förderung in Städten, 2010
[Monh09] Heiner Monheim, Christian Muschwitz, Wigand von Sassen, Markus Streng Intelligent mobil - aktuelle Trends bei Fahrradverleihsystemen, veröffentlicht in Verkehrszeichen, Ausgabe/Auflage Nr.2, 2009
[Obis11] Janett Büttner, Hendrik Mlasowsky, Tim Birkholz, et. al. Optimising Bike Sharing in European Cities. Ein Handbuch., 2011/06
[vonS09] Wigand von Sassen Öffentliche Fahrradverleihsysteme im Vergleich - Analyse, Bewertung und Entwicklungsperspektiven, 2009/01
Glossar
Modal Split Modal Split wird in der Verkehrsstatistik die prozentuale Verteilung des Personen- und Güterverkehrs auf verschiedene Verkehrsmittel (Modi) genannt. Der Modal Split ist Folge des Mobilitätsverhaltens der Menschen und der wirtschaftlichen Entscheidungen von Unternehmen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?336899

Gedruckt am Dienstag, 19. November 2019 00:38:27