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Szenarien der Mobilitätsentwicklung unter Berücksichtigung von Siedlungsstrukturen bis 2050

Erstellt am: 05.04.2007 | Stand des Wissens: 30.04.2018
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

In Deutschland wird in den kommenden Jahrzehnten mit einer alternden Gesellschaft und einer sinkenden Einwohnerzahl gerechnet. Durch eine verstärkte Zuwanderung kann der Prozess der Bevölkerungsabnahme ggf. abgebremst werden [BMVBS06o, S. 11].
Anhand von zwei Szenarien ("Dynamische Anpassung" und "Gleitender Übergang") wird ermittelt, wie sich diese Entwicklungen auf die Siedlungsstruktur und die Mobilität bis zum Jahre 2050 auswirken könnten. Deutschland wurde auf der Basis bereits abgeschlossener Studien in wachsende, schrumpfende und mittlere Raumordnungsregionen unterteilt. Zu den Fragen Demografie, Wirtschaft und Siedlungsstruktur wurde ein konsistentes Gesamtbild entwickelt. Als Ergebnis werden Mobilitätskennziffern (Verkehrsaufkommen, Modal Split, Verkehrsleistung) für den Personenverkehr der privaten Haushalte bis zum Jahr 2050 differenziert nach Regionstyp und Szenario vorausgeschätzt.
Die Klassifizierung der 97 Raumordnungsregionen Deutschlands ergab 18 schrumpfende Regionen mit geringem Wirtschaftswachstum bevorzugt in Ostdeutschland, 35 wachstumsstarke Regionen in Süddeutschland und um Hamburg sowie 44 Regionen, die sich nicht eindeutig den beiden Gruppen zuordnen lassen und über eine große Heterogenität bezüglich ihrer Daten verfügen [BMVBS06o, S. 12].
Die Kennziffern zum Verkehrsverhalten (tägliche Reisezeit, Wegehäufigkeit u. a.) haben sich über Jahrzehnte hinweg als weitgehend konstant erwiesen. Diese Stabilität wird auch für die Zukunft unterstellt, so dass die Daten auf Basis der für 2002 bekannten Werte für die Zukunft modelliert wurden [BMVBS06o, S. 12].
Die Szenarien wurden durch die Auswertung umfassender Quellen der für die künftige Siedlungs- und Verkehrsentwicklung relevanten Themenkomplexe im Rahmen von Befragungen und zweier Expertenworkshops mit einem 28-köpfigen Expertenkreis aus Wissenschaftlern und Praktikern verschiedener Disziplinen konzipiert [BMVBS06o, S. 11].
Die Szenarien unterscheiden sich in Bezug auf die Annahmen zur Verteilung der Wohnstandorte innerhalb der Raumordnungsregionen sowie der angenommen Preisentwicklung im Verkehr. Beide Szenarien gehen von einer zunehmenden Altersmobilität aus. Das Szenario "Dynamische Anpassung" nimmt Überlegungen stark steigender Verkehrspreise, eines deutlichen Subventionsabbaus sowie Gedanken der Reurbanisierung auf. Dies führt in der Konsequenz zu einer zügigen Konzentration der Wohnstandorte auf dichte Lagen und Städte mit mehr als 20.000 Einwohnern. Das Szenario "Gleitender Übergang" hingegen geht von moderat steigenden Preisen bei einem moderaten Subventionsabbau und einer langsameren Veränderung der räumlichen Lagen der Wohnstandorte aus. Es ergibt sich ein Prozess der räumlichen Konzentration in wachsenden und stagnierenden Regionen und eine beschleunigte Abwanderung aus raumaufwändigen Standorten in schrumpfenden Gebieten. Somit erfolgt in wachsenden Regionen weiterhin Zersiedlung.
Abbildung 1 zeigt die Entwicklung der Verkehrsleistung der privaten Haushalte in Personenkilometer pro Jahr auf.
Entwicklung der Verkehrsleistung der privaten Haushalte in Personenkilometer (Pkm) pro JahrAbb. 1: Entwicklung der Verkehrsleistung der privaten Haushalte in Personenkilometer (Pkm) pro Jahr (Szenarien der Mobilitätsentwicklung unter Berücksichtigung von Siedlungsstrukturen bis 2050) [BMVBS06o, S. 114] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Die schrumpfenden Regionen liegen überwiegend in Ostdeutschland. In Fällen schrumpfender Bevölkerung wird sich der ländliche Raum gegenüber den größeren Gemeinden ab 20.000 Einwohnern deutlich stärker entleeren. Zu den wachsenden Räumen gehören insbesondere die Räume um München, Stuttgart und Hamburg sowie weitere ausgewählte Regionen in Westdeutschland. In den schrumpfenden Regionen kommt es in beiden Szenarien zu einem abnehmenden Pkw-Bestand und zu Rückgängen der Verkehrsleistung des Öffentlichen Verkehrs (ÖV) und des Motorisierten Individualverkehrs (MIV). In den wachsenden Regionen wird es Steigerungen der Verkehrsleistungen geben.
Der Anteil älterer Menschen mit Führerscheinbesitz und Pkw- Verfügbarkeit wird steigen, ebenso der Anteil Hochbetagter innerhalb dieser Gruppe. Die modale Teilung der Verkehrsträger wird sich nicht wesentlich ändern, der MIV behält seine Dominanz. Kfz-Verkehr und Motorisierung werden im Bundesdurchschnitt je nach Szenario noch moderat wachsen und sich dann auf einem stabilen Wert einpendeln. Beim Eintritt starker Preissteigerungen kommt es zu einem Sinken der Verkehrsleistung.
Prägend werden sich bezüglich Richtung und Geschwindigkeit der Wanderungen und der Wohnstandortwahl die steigende Attraktivität urbaner Lebensformen, die Verteuerung der Lebenshaltung an peripheren Standorten und die Knappheit preiswerter Flächen in den Kernorten "wachsender" Regionen auswirken.
Diese stark divergierende Entwicklung zwischen Wachstums- und Schrumpfungsregionen stellt die Infrastruktur- und Verkehrsplanung von Bund, Ländern und Gemeinden vor neue Herausforderungen. Es muss ein Umgang mit der Bewältigung wachsender Verkehrsströme in Wachstumsregionen und einem Nachfragerückgang in den schrumpfenden Regionen gefunden werden. In ländlichen, schrumpfenden Regionen wird der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) bei rückläufigen Schülerzahlen immer schwieriger seine Aufgabe der Daseinsvorsorge erfüllen können. Dies erfordert Änderungen des bisherigen Rechts- und Finanzierungsrahmens zur Mobilisierung effizienter Bedienungskonzepte und das Aufbrechen der bisher durch Gewerbe- und Personenbeförderungsrecht blockierten Möglichkeiten zur Etablierung bedarfsorientierter öffentlicher, halböffentlicher und privater Angebote.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Langfristszenarien der Mobilitätsentwicklung (Stand des Wissens: 20.04.2016)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?237783
Literatur
[BMVBS06o] Deutsches Institut für Urbanistik, Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Technische Universität Dresden, verschiedene Szenarien der Mobilitätsentwicklung unter Berücksichtigung von Siedlungsstrukturen bis 2050 - Abschlussbericht, Magdeburg, 2006/06/28
Weiterführende Literatur
[ADAC17e] Allgemeiner Deutscher Automobil-Club e. V. (ADAC) (Hrsg.) Die Evolution der Mobilität - Mobilität 2040, 2017
[DIW03d] DIW - Forschungsabteilung Energie, Verkehr, Umwelt , infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft Mobilität in Deutschland 2003, 2003
[infas10] DLR - Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Institut für Verkehrsforschung, infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft Mobilität in Deutschland 2008 (MiD 2008) , 2010/02
Glossar
Personenkilometer
Die Einheit Personenkilometer [Pkm] beschreibt die im Rahmen einer Personenbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Verkehrsmenge (Summe der beförderten Personen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km.
Verkehrsarbeit [Pkm] = Verkehrsmenge [P] * Wegstrecke [km]
ÖV
Der öffentliche Verkehr (ÖV) ist sowohl im Personen-, Güter- sowie Nachrichtenverkehr für jeden Nutzer in einer Volkswirtschaft öffentlich zugänglich. Dazu zählen sowohl die öffentliche Personenbeförderung, der öffentliche Gütertransport als auch die öffentlichen Telekommunikations- und Postdienste. Der ÖV wird dabei von Verkehrsunternehmen nach festgelegten Routen, Preisen und Zeiten durchgeführt. Der ÖV ist somit im Gegensatz zum Individualverkehr (IV) örtlich und zeitlich gebunden.
Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten Multimodalität wird der ÖV zunehmend breiter definiert, indem auch alternative Bedienformen, Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖV gesehen werden.
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
Öffentlicher Personennahverkehr
Der öffentliche Personennahverkehr ist juristisch im Personenbeförderungsgesetz (PBefG) definiert. Laut Paragraf 8, Absatz 1 und 2 umfasst der ÖPNV "die allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Straßenbahnen, Obussen und Kraftfahrzeugen im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen". Taxen oder Mietwagen können dieses Angebot ersetzten, ergänzen oder verdichten.
Der Begriff ÖPNV bezieht sich in der Regel auf Strecken mit einer gesamten Reiseweite von weniger als 50 Kilometern oder einer gesamten Reisezeit von weniger als einer Stunde. Das in einer Stadt oder Region erforderliche Nahverkehrsangebot und dessen Eignung hinsichtlich Nachhaltigkeit und Klimaschutz wird in einem Nahverkehrsplan definiert und festgehalten.
Modal Split
Modal Split wird in der Verkehrsstatistik die prozentuale Verteilung des Personen- und Güterverkehrs auf verschiedene Verkehrsmittel (Modi) genannt. Der Modal Split ist Folge des Mobilitätsverhaltens der Menschen und der wirtschaftlichen, insbesondere der verkehrlichen Entscheidungen von Unternehmen.
Verkehrsaufkommen Das Verkehrsaufkommen beschreibt die Anzahl der zurückgelegten Wege, beförderten Personen oder Güter pro Zeiteinheit. Im Unterschied dazu bezieht sich das spezifische Verkehrsaufkommen auf zurückgelegte Wege und beschreibt die mittlere Anzahl der Ortsveränderungen pro Person und Zeiteinheit.
Verkehrsleistung
Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter oder Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] oder Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.
Reurbanisierung Zurückwandern der Bevölkerung in die Kernstädte, Revitalisierung innerstädtischer Quartiere
Szenarien Ein Szenario ist ein Bild der Zukunft, das sich aus einer bestimmten Kombination von relevanten Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen entwickelt. Das grundsätzliche Anliegen von Szenarien besteht darin, verschiedene Handlungsoptionen zu verdeutlichen und ihre Folgewirkungen transparent zu machen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?219962

Gedruckt am Dienstag, 27. September 2022 17:06:23