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Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen zur sicheren Verkehrsteilnahme

Erstellt am: 31.05.2006 | Stand des Wissens: 30.04.2018
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TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Kinder und Jugendliche sind in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung noch nicht so fortgeschritten, wie Erwachsene. Vor allem im Straßenverkehr können diese Unterschiede große Auswirkungen haben, da junge Verkehrsteilnehmer sich mit ihrem Fehlverhalten in Gefahr begeben. Wenn die Unfallzahlen betreffend dieser Altersgruppe reduziert werden sollen, ist es wichtig, Kenntnisse über die Fähigkeiten und Fehlverhalten von Kindern und Jugendlichen zu besitzen, um diese in beispielsweise Planungen von Verkehrsanlagen zu berücksichtigen.
Im Jahr 2016 wurden bei Straßenverkehrsunfällen mit Personenschaden 3.458 Fehlverhalten von Fußgängern und 6.187falsche Verhaltensweisen von Radfahrern im Alter von 6 bis 14 Jahren registriert [Dest16g, S. 11]. Die Fehlverhalten unterscheiden sind dabei zwischen Fußgängern und Radfahrern. Die Anzahl der Fehlverhalten im Vergleich zu 2012 (4.057 Fehlverhalten von Fußgängern, 6.889 Fehlverhalten von Radfahrern) leicht gesunken, jedoch hat sich deren Struktur kaum geändert:
bei Fußgängern [StaBu17c, S. 11, Abbildung 7]:
  • Überschreiten der Fahrbahn ohne auf den Fahrzeugverkehr zu achten (55,5 Prozent)
  • Überschreiten der Fahrbahn durch plötzliches Hervortreten hinter Sichthindernissen (26,7 Prozent)
  • übrige Fehler beim Überschreiten der Fahrbahn (17,9 Prozent)
  • Spielen auf oder neben der Fahrbahn (3 Prozent)
  • sonstige Fehler (8,3 Prozent)
bei Radfahrern [StaBu17c, S. 12, Abbildung 8]:
  • falsche Straßenbenutzung (21 Prozent)
  • Fehler beim Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren, Ein- und Anfahren (18,3 Prozent)
  • Vorfahrt, Vorrang (13,2 Prozent)
  • Geschwindigkeit (6,9 Prozent)
  • Abstand (3,5 Prozent)
  • falsches Verhalten gegenüber Fußgängern (1,6 Prozent)
  • Überholen (1,3 Prozent)
  • Sonstige (33,9 Prozent)
Eine sichere Verkehrsteilnahme setzt bestimmte Fähigkeiten voraus, die sich bei Kindern erst mit etwa 14 Jahren vollständig entwickelt haben [Funk02a, S. 28]. Die notwendigen Fähigkeiten werden in unterschiedlichen Altersstufen entwickelt, welche Abbildung 1 zu entnehmen sind. Die Altersangaben sind als grobe Richtwerte anzusehen, da sie individuell unterschiedlich sein können und zudem von den Erfahrungen abhängen, die ein Kind im Straßenverkehr machen darf [Limb97a, S. 3]. Von Gesundheitsämtern und Sportlehrern wird häufig besonders auf die mangelhaften motorischen Fähigkeiten von Kindern hingewiesen. Diese Mängel werden auf Bewegungsmangel aufgrund des Rückgangs von Mobilität im Allgemeinen und selbstständiger Mobilität im Speziellen, die mit einer Zunahme der motorisierten Begleitmobilität einhergeht [Limb97a, S. 6] zurückgeführt. Besondere Aufmerksamkeit bekommt in den letzten Jahren das Elterntaxi, welches in immer mehr Schulen zum Problem wird. Die Eigenständigkeit und Sicherheit der Kinder im Straßenverkehr wird hierbei besonders stark eingeschränkt [ADAC15a].
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Abbildung 1: Fähigkeiten zur sicheren Verkehrsteilnahme [nach Limb97a, S. 3 ff.; VCÖ04, S. 13; VCÖ01a, S. 550 ff., DVSR14]

Von einem sicheren Umgang mit den verschiedenen Verkehrsmitteln kann erst ab den in Abbildung 2 genannten Altersstufen ausgegangen werden. Allerdings muss beachtet werden, dass neben den entwicklungsphasenspezifischen Fähigkeiten besonders selbstständig gesammelte Erfahrungen und Trainingsmethoden bestimmende Einflussfaktoren der Verkehrssicherheit sind. Praktische Trainingsmethoden, die auf den sozialen Kontext des Lernens Bezug nehmen, sind die Zusammenarbeit von Gleichaltrigen, Belehrung beziehungsweise Beratung durch Gleichaltrige und Verhaltenstraining mit Eltern [Funk04, S. 68; Thom95, S. 8 f.].

Es ist belegt, dass Kinder, die häufiger Fahrrad fahren und dadurch darin geübter sind, auch bereits mit 7 bis 8 Jahren "komplexere fahrradspezifische Leistungen erbringen können" [BaBu93, S. 103]. Eine weitere Untersuchung zeigt, dass ein rein motorisches Radfahrtraining nicht ausreichend ist, um signifikante Leistungssteigerungen beim Radfahren herbeizuführen. Erst die Kombination mit psychomotorischen Übungen, also Bewegungsanreize durch Bewegungsspiele und Wahrnehmungsförderung sowie spezielle Bewegungserfahrungen mit Roll- und Fahrgeräten, ermöglicht eine Leistungssteigerung [Jack97, S. 67 ff.].
Diese Erkenntnisse führen zu dem Schluss, dass ein frühes Heranführen der Kinder an den Straßenverkehr sowie an Rad und ÖV zu einer besseren Entwicklung dieser Fähigkeiten führt. Es ist unbedingt notwendig, dass diese rechtzeitig und umfänglich entwickelt werden, da diese einen großen Einfluss auf die Verkehrssicherheit von Heute und Morgen haben. Letzten Endes haben Erwachsene und Eltern eine Vorbildfunktion, an der sich Kinder stark orientieren [DVSR14].
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Abbildung 2: Sicherer Umgang mit verschiedenen Verkehrsmitteln [Limb97a, S. 6]
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Mobilität von Kindern und Jugendlichen (Stand des Wissens: 27.02.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?195757
Literatur
[ADAC15a] Winkler, R., Leven, T., Leven, J., Beyen, M., Gerlach, J. Das "Elterntaxi" an Grundschulen, Ausgabe/Auflage 1. Auflage, ADAC e. V., München, 2015
[BaBu93] Basner, Burkhard, De Marées, Horst Fahrrad- und Straßenverkehrstüchtigkeit von Grundschülern. Abschlussbericht des Forschungsprojekts des Lehrstuhls für Sportmedizin der Ruhr-Universität Bochum, Münster, 1993
[Dest16g] Statistisches Bundesamt (Hrsg.) Verkehrsunfälle - Kinderunfälle im Straßenverkehr, Ausgabe/Auflage 2016, Wiesbaden, 2016/08/16
[DVSR14] Deutscher Verkehrssicherheitsrat e.V. (Hrsg.) Sicher unterwegs - Wie Sie Ihr Kind fit machen für den Straßenverkehr, 2014
[Funk04] Funk, Walter et al. Kinder im Straßenverkehr. Wandel der Sozialisationsbedingungen und der Verkehrssicherheitsarbeit für Kinder, veröffentlicht in Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Mensch und Sicherheit, Ausgabe/Auflage M 164, Bergisch Gladbach, 2004
[Jack97] Jackel, Birgit Psychomotorische Handlungskompetenz beim Radfahren, Verlag Karl Hofmann, Schorndorf, 1997
[Limb97a] Limbourg, M., Prof. Dra. Kind und Verkehr - alles verkehrt? Kindspezifische Mechanismen und Verhaltensmuster als Auslöser für Unfälle im Verkehr, veröffentlicht in Bericht über die 3. Saarländische Ökopädiatrie - Tagung "Wohin geht die Fahrt?", Saarbrücken, 1997
[StaBu17c] Statistisches Bundesamt (Hrsg.) Verkehrsunfälle - Kinderunfälle im Straßenverkehr 2016, 2017/08/16
[Thom95] Thomson, J. J., et al. Child Development and the Aims of Road Safety Education: A Review and Analysis. Project Report, Glasgow, 1995
[VCÖ01a] Verkehrsclub Österreich (VCÖ) Mobilitätsberater - Handbuch. Schulische Mobilitätsberatung, Wien, 2001
[VCÖ04] Verkehrsclub Österreich (VCÖ) Kinder - die Verlierer im Verkehr, veröffentlicht in Wissenschaft & Verkehr, Ausgabe/Auflage 2/2004, Wien, 2004
Weiterführende Literatur
[Funk02a] Funk, W. Beteiligung, Verhalten und Sicherheit von Kindern und Jugendlichen im Straßenverkehr, veröffentlicht in Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Mensch und Umwelt , Ausgabe/Auflage Heft M 138, Wirtschaftsverlag NW, Bremerhaven, 2002
[Hütt03] Hüttenmoser, Marco Bewegungsförderung statt Verkehrserziehung?, veröffentlicht in Verkehrszeichen, Ausgabe/Auflage 1/2003, 2003/01
[LiRe03] Reiter, Karl, Limbourg, M., Prof. Dra. Denn sei wissen nicht, was sie tun... - Jugendliches Risikoverhalten im Verkehr, veröffentlicht in Unsere Jugend, Ausgabe/Auflage Heft 1, 2003
[Limb96] Limbourg, M., Prof. Dra. Gefahrenkognition und Präventionsverständnis von 3- bis 15jährigen Kindern, veröffentlicht in Bericht über die 2. Tagung "Kindersicherheit: Was wirkt?", Essen, 1996
[HüDe95] Hüttenmoser, Marco, Degen-Zimmermann, Dorothee Lebensräume für Kinder. Empirische Untersuchung zur Bedeutung des Wohnumfeldes für den Alltag und die Entwicklung der Kinder, Zürich, 1995
Glossar
ÖV
Der Öffentliche Verkehr (ÖV) ist sowohl im Personen-, Güter- sowie Nachrichtenverkehr für jeden Nutzer der Volkswirtschaft öffentlich zugänglich. Dazu zählen die öffentliche Personenbeförderung, der öffentliche Gütertransport als auch öffentliche Telekommunikations- und Postdienste. Der ÖV wird dabei von Verkehrsunternehmen, nach festgelegten Routen, Preisen und Zeiten durchgeführt. Der ÖV ist somit im Gegensatz zum Individualverkehr (IV) örtlich und zeitlich gebunden.
Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten "Multimodalität" wird der ÖV zunehmend breiter definiert, indem auch "Alternative Bedienformen", Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖV gesehen werden.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?195121

Gedruckt am Montag, 18. November 2019 21:58:11