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Radfahrer als Akteure des Nichtmotorisierten Verkehrs

Erstellt am: 25.09.2003 | Stand des Wissens: 20.09.2021
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Bei den Radfahrern handelt es sich um eine sehr heterogene Gruppe. Unterschiede in der soziodemographischen Nutzerstruktur (Kinder, Jugendliche, Erwerbstätige, Rentner, et cetera) und den Wegezwecken (Arbeit, Ausbildung, Freizeit, et cetera) schlagen sich in einem breiten Spektrum an unterschiedlichen Nutzungsansprüchen nieder. Damit werden auch unterschiedliche Anforderungen an die bestehende oder neu zu planende Radwegeinfrastruktur gestellt.
Nur etwa ein Prozent der Bevölkerung legt (fast) alle Wege mit dem Fahrrad zurück. Damit sind Radfahrer in der Regel typische multimodale Verkehrsteilnehmer, die im Alltag neben Rad- und Fußwegen den Öffentlichen Verkehr (ÖV) und/oder den Motorisierten Individualverkehr (MIV) nutzen. Sie sind damit überdurchschnittlich gut über die individuellen Vorteile der verschiedenen Verkehrsmittel informiert, sodass im Gegensatz zu reinen Autofahrern von einer mehr rationalen Verkehrsmittelwahl ausgegangen werden kann [Interde10].
Die Studie Mobilität in Deutschland 2017 hat unter anderem Folgendes ergeben: Der Fahrradbestand beträgt in Deutschland circa 77 Millionen (8 Prozent mehr als 2002) [Nobi18, S.3]. Das ergibt pro Person 0,93 Fahrräder. In 78 Prozent der deutschen Haushalte gibt es mindestens ein Fahrrad, im Durchschnitt aber verfügen die Haushalte über zwei Fahrräder [MiD19aNobi18, S.39]. Die Verkehrsleistung des Radverkehrs beträgt in Deutschland 112 Millionen Personenkilometer, das entspricht 3,5 Prozent der Gesamtpersonenverkehrsleistung pro Tag. Der Anteil am Verkehrsaufkommen ist deutlich größer, denn es werden elf Prozent aller Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt. Die durchschnittliche, mit dem Rad zurückgelegte Wegelänge beträgt vier Kilometer [Nobi18, S.45 ff.].
Die häufigsten Wegezwecke der mit dem Fahrrad zurückgelegten Wege sind Freizeit (31 Prozent), Arbeit (19 Prozent) und Einkauf (16 Prozent) [MiD19a]. Es gibt nur einen geringfügigen Unterschied in den Anteilen der weiblichen und männlichen Radfahrenden. Insgesamt nutzen 18 Prozent der Radfahrer*innen das Rad (fast) täglich, 17 Prozent an ein bis drei Tagen die Woche und 15 Prozent an ein bis drei Tagen und 50 Prozent noch seltener oder nie [MiD19a]. Im Gegensatz zu allen anderen Verkehrsmitteln ist der Radfahreranteil auch über fast alle Einkommensklassen stabil und auch der Haushaltstyp (ein, zwei oder mindestens drei Erwachsene, mit oder ohne Kind, Alleinerziehende, et cetera) hat kaum einen Einfluss auf die Fahrradnutzung.
Die 10 bis 19-Jährigen nutzen mit 19 Prozent (Modal Split nach Wegen) am häufigsten das Fahrrad, bei allen anderen Altersgruppen liegt der Anteil der Radnutzung zwischen acht und elf Prozent [Nobi18, S. 50]. Bis zu einem Alter von neun Jahren und bei den 20 bis 29-Jährigen gibt es keine geschlechtsspezifischen Unterschiede beim Radfahren in Bezug auf die zurückgelegte Strecke. In den anderen Altersgruppen legen Männer eine höhere Tagesstrecke mit dem Fahrrad als Frauen zurück [Nobi18, S. 52]. Es gibt mehr männliche "Vielfahrer", das heißt ein größerer Anteil (32 Prozent) an Männern nutzt das Fahrrad mehrmals pro Woche, als dies bei den Frauen (27 Prozent) der Fall ist [BMVI19al, S. 16]. Zudem gibt es mehr Frauen, die (fast) nie Radfahren beziehungsweise kein Fahrrad besitzen. Frauen legen verstärkt Wegeketten zurück, während Männer das Rad eher für einen Einzelzweck nutzen [BMVBW98h].
An Wochenenden ist das Verkehrsaufkommen des Radverkehrs deutlich geringer als in der Woche, die Verkehrsleistung sinkt aber nur geringfügig, das heißt es werden zwar weniger Wege mit dem Fahrrad unternommen, die insgesamt zurückgelegte Strecke ändert sich aber kaum. Folglich sind die mit dem Fahrrad zurückgelegten Wege am Wochenende länger und nehmen auch mehr Zeit in Anspruch [infas10].
Im öffentlichen Straßenverkehr gewinnt neben dem Rad auch das Lastenfahrrad immer mehr an Bedeutung. Es weist auf ein hohes Potenzial zur Reduzierung der Autonutzung hin. In der Regel werden Einkäufe (zum Beispiel Lebensmittel, Getränkekisten, Baumarktutensilien) transportiert oder Kinder per Lastenrad befördert. Lastenräder werden auch für den Auf- und Abbau beziehungsweise die Versorgung von Events eingesetzt. Männer nutzen Sharing-Systeme für Lastenräder häufiger als Frauen [Beck18]. Dementsprechend steigt die Nachfrage nach öffentlichen Abstellmöglichkeiten mit angepassten Bügelsystemen und ausreichender Fläche, um die Nutzung von Lastenrädern attraktiver zu gestalten. Eine mögliche Beschilderung der Parkplätze ist durch die neue Beschilderungsmöglichkeit seit der StVO-Reform (2020) möglich [ADFC21].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Nichtmotorisierter Individualverkehr (Stand des Wissens: 11.12.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?481394
Literatur
[ADFC21] ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) (Hrsg.) Erster Lastenradparkplatz in Sachsen, 2021/10/26
[Beck18] Becker, Sophia, Rudolf, Clemens Exploring the Potential of Free Cargo-bikesharing for Sustainable Mobility, veröffentlicht in GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society 27/1, 2018
[BMVBW98h] o.A. Erster Bericht der Bundesregierung über die Situation des Fahrradverkehrs in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, 1998/03
[BMVI19al] Bundesministerium für Digitales und Verkehr, SINUS Markt- und Sozialforschung GmbH (Hrsg.) Fahrrad-Monitor Deutschland 2019, 2019/09/30
[infas10] DLR - Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Institut für Verkehrsforschung, infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft Mobilität in Deutschland 2008 (MiD 2008) , 2010/02
[Interde10] TU Dresden, Lehrstuhl Verkehrs- und Infrastrukturplanung, Prof. Dr.-Ing. G.-A. Ahrens, Ahrens, Gerd-Axel, Aurich, Tanja, Böhmer, Thomas, Klotzsch, Jeannette, Pitrone, Anne Interdependenzen zwischen Fahrrad- und ÖPNV-Nutzung. Analysen, Strategien und Maßnahmen einer integrierten Förderung in Städten, 2010
[MiD19a] Bundesministerium für Digitales und Verkehr (Hrsg.) Mobilität in Deutschland - MiD 2017: Grafiken zum Radverkehr und Fußverkehr, 2019/05
[Nobi18] Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH (infas),, Deutsches Zentrum für Raum- und Luftfahrt (DLR),, IVT Research GmbH,, infas 360 GmbH Mobilität in Deutschland 2017 (MiD 2017) - Ergebnisbericht , 2018
Weiterführende Literatur
[Feld03] Feldkötter, Michael, Dr. phil. Das Fahrrad als städtisches Verkehrsmittel - Untersuchungen zur Fahrradnutzung in Düsseldorf und Bonn, veröffentlicht in Studien zur Mobilitäts- und Verkehrsforschung, Verlag MetaGIS Infosysteme, Mannheim, 2003, ISBN/ISSN 3-936438-06-4
[BASt12a] BSV Büro für Stadt- und Verkehrsplanung Dr.-Ing. Reinhold Baier GmbH, IVU Umwelt GmbH, Baier, R., Schuckließ, W., Jachtmann, Y., Diegmann, V., Mahlau, A., Gässler, G. Einsparpotenziale des Stadtverkehrs, 2012/06
[ADFC16a] Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club (ADFC), ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) (Hrsg.) Fahrradland Deutschland. Jetzt!
, 2016
[Bmvi19ai] Bundesministerium für Digitales und Verkehr, Sinus - Markt- und Sozialforschung GmbH (Hrsg.) Fahrrad-Monitor Deutschland 2019, 2019/09/30
[FGSV21c] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. , Arbeitsgruppe Straßenentwurf (Hrsg.) Hinweise zu Radschnellverbindungen und Radvorrangrouten, Ausgabe/Auflage 2021, 2021
[FGSV21b] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. (Hrsg.) Hinweise zur einheitlichen Bewertung von Radverkehrsanlagen, 2021
[BSW20] Freie und Hansestadt Hamburg , Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen (BSW) (Hrsg.) Leitfaden Fahrradparken im Quartier: Empfehlungen für die Planung von Fahrradabstellanlagen auf privaten Flächen
, 2020/12
[BMVBS12q] Bundesministerium für Digitales und Verkehr Nationaler Radverkehrsplan 2020, Berlin, 2012/10
[UBA13] TU Dresden, Lehrstuhl Verkehrs- und Infrastrukturplanung, Prof. Dr.-Ing. G.-A. Ahrens, Ahrens, Gerd-Axel, Becker, Udo, Böhmer, Thomas, Richter, Falk, Wittwer, Rico Potenziale des Radverkehrs für den Klimaschutz, veröffentlicht in TEXTE, Ausgabe/Auflage 19/2013, Dessau-Roßlau, 2013/03, ISBN/ISSN 1862-4804
[UBA20a] Umweltbundesamt (Hrsg.) Umweltfreundlich mobil!
Ein ökologischer Verkehrsartenvergleich für den Personen- und Güterverkehr in Deutschland, 2020/12, ISBN/ISSN 1862-4804
[UBA20h] Umweltbundesamt (Hrsg.) Vorlaufforschung: Interdependente Genderaspekte der Bedürfnisfelder Mobilität, Konsum, Ernährung und Wohnen als Grundlage des urbanen Umweltschutzes, 2020/12
Glossar
Personenkilometer
Die Einheit Personenkilometer [Pkm] beschreibt die im Rahmen einer Personenbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Verkehrsmenge (Summe der beförderten Personen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km.
Verkehrsarbeit [Pkm] = Verkehrsmenge [P] * Wegstrecke [km]
ÖV
Der öffentliche Verkehr (ÖV) ist sowohl im Personen-, Güter- sowie Nachrichtenverkehr für jeden Nutzer in einer Volkswirtschaft öffentlich zugänglich. Dazu zählen sowohl die öffentliche Personenbeförderung, der öffentliche Gütertransport als auch die öffentlichen Telekommunikations- und Postdienste. Der ÖV wird dabei von Verkehrsunternehmen nach festgelegten Routen, Preisen und Zeiten durchgeführt. Der ÖV ist somit im Gegensatz zum Individualverkehr (IV) örtlich und zeitlich gebunden.
Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten Multimodalität wird der ÖV zunehmend breiter definiert, indem auch alternative Bedienformen, Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖV gesehen werden.
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
StVO Die Straßenverkehrsordnung  legt Regeln für sämtliche Straßenverkehrsteilnehmer fest und bildet somit eine Rechtsverordnung der Bundesrepublik Deutschland.
Modal Split
Modal Split wird in der Verkehrsstatistik die prozentuale Verteilung des Personen- und Güterverkehrs auf verschiedene Verkehrsmittel (Modi) genannt. Der Modal Split ist Folge des Mobilitätsverhaltens der Menschen und der wirtschaftlichen, insbesondere der verkehrlichen Entscheidungen von Unternehmen.
Verkehrsaufkommen Das Verkehrsaufkommen beschreibt die Anzahl der zurückgelegten Wege, beförderten Personen oder Güter pro Zeiteinheit. Im Unterschied dazu bezieht sich das spezifische Verkehrsaufkommen auf zurückgelegte Wege und beschreibt die mittlere Anzahl der Ortsveränderungen pro Person und Zeiteinheit.
Verkehrsleistung
Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter oder Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] oder Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?57670

Gedruckt am Samstag, 8. Oktober 2022 01:26:54