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Fußgänger- und Fahrradtourismus als Wirtschaftsfaktor

Erstellt am: 19.09.2003 | Stand des Wissens: 26.11.2018
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Der Radtourismus ist ein dynamisch wachsendes Urlaubssegment. Jährlich nimmt der Radtourismus zu. Seit 2014 ist eine um 30 Prozent zunehmende Zahl an Radreisenden zu verzeichnen. Fast dreiviertel aller Radtourenden unternehmen eine Radreise mit mindestens drei Nächten, etwa zwei Drittel mit sogar fünf Nächten. Digitale Innovationen und der technische Fortschritt spielen dabei eine immer größer werdende Rolle. Deutlich wird das an der dominierenden Quelle der Informationsbeschaffung, dem Internet und der steigenden Nutzung des Pedelecs bei Radreisen. Etwa 13 Prozent nutzen bei Radreisen das Pedelec, Tendenz steigend.
Der Fahrradtourismus hat in Deutschland mittlerweile eine erhebliche wirtschaftliche Bedeutung erlangt. Während im Jahr 2003 lediglich 2,25 Millionen Deutsche einen mehrtägigen Fahrradurlaub unternahmen, lag diese Zahl 2016 bei 7,6 Prozent der deutschen Bevölkerung über 18 Jahren; das entspricht einer Zahl von circa 5,2 Millionen Personen [ADFC17]. Immer mehr touristische Regionen in Deutschland werben mit radtouristischen Leuchtturm-Projekten, also mit regionalen Radwegen, die in der Tourismusregion Sehenswürdigkeiten verbinden [BMWI09e]. Bei einem bundesweiten Vergleich ist Bayern die beliebteste Radreiseregion. Das Münsterland folgt.
Pro Jahr können in Deutschland 22 Millionen Übernachtungen und 150 Millionen Tagesreisen durch Fahrradtouristen gezählt werden [ADFC17]. Das Radfahren wird immer beliebter. [SWP15; BMWI09e; BMVBS12q, S. 40]. Schätzungen gehen davon aus, dass der Fahrradtourismus mit jährlich insgesamt rund 5 Milliarden Euro zum touristischen Umsatz in Deutschland beiträgt [BMWI09e]. Daraus lässt sich das Beschäftigungsäquivalent für den Fahrradtourismus von theoretisch 186.000 Arbeitsplätzen ermitteln, die ihren Lebensunterhalt durch die fahrradtouristische Nachfrage bestreiten können [BMWI09e]. Der Anteil des Fahrradtourismus an der gesamttouristischen Wertschöpfung lag 2008 bei zirka 10 Prozent [ADFC09].
Die vom Fahrradtourismus in Deutschland profitierenden Branchen können der Abbildung 1 entnommen werden.

Vom Fahrradtourismus in Deutschland profitierende BranchenAbbildung 1: Vom Fahrradtourismus in Deutschland profitierende Branchen [BMWI09e, S. 29, Abb. 6]

Das fahrradtouristische Angebot in Deutschland wurde in den vergangenen Jahren zunehmend weiterentwickelt. Nach [BMWI09e; BMVBS12q, S. 41]:
  • können im Bundesgebiet mehr als 200 überwiegend regionale touristische Radwege gezählt werden,
  • bilden die zwölf Radfernwege des "Radnetzes Deutschland" die fahrradtouristische Grundlage in Deutschland - diese sind in das europäische Radfernwegenetz (EuroVelo) eingebunden,
  • bildet das touristische Radwegenetz in Deutschland eine Gesamtlänge von rund 76.000 Kilometer (gesamte Radroutennetz in Deutschland: 150.000 Kilometer).
2016 haben 29 Prozent aller Deutschen eine Radtagesreise unternommen. Rund 84 Prozent der Radreisenden planen künftig auch eine Radreise (mindestens drei Übernachtungen) zu unternehmen [ADFC17]. Laut [ADFC09] können sich zukünftig 47 Prozent aller Deutschen einen Radurlaub mit mindestens einer Übernachtung vorstellen und 24 Prozent aller Ferienreisenden nennen das Radfahren als bedeutende Urlaubsaktivität. Dementsprechend kann das Rad als Urlaubs-Sportart beträchtliche Zuwachsraten verzeichnen. In Brandenburg macht der Fahrradtourismus einen signifikanten Teil des touristischen Umsatzes aus: 850 Millionen Euro entspricht dort rund 25 Prozent des gesamten touristischen Umsatzes.
Am Beispiel Münsterland können die positiven wirtschaftlichen Effekte des Radtourismus veranschaulicht werden. Hier sind rund ein Drittel aller Übernachtungen, was circa 1 Million entspricht, radtouristisch bedingt. Hinzu kommen 12 Millionen Tagesausflüge mit dem Rad. Der radtouristische Primärumsatz beträgt in dieser Region insgesamt 289 Millionen Euro. Damit sichert der Bereich Tourismus etwa 5.000 bis 6.000 Arbeitsplätze und zieht Steuereinnahmen von circa 3 Millionen Euro nach sich [BMVBW02c]. Die Ausgaben der Radtouristen am Elberadweg betrugen von April bis Oktober 2012 90 Millionen Euro. Mit 72,88 Euro/Tag geben hier Radtouristen durchschnittlich mehr Geld aus als andere Touristen in der Region [BMVBW04g].
Auch der Fußgängerverkehr spielt im Bereich des Städte- sowie Wandertourismus eine wichtige Rolle. Der Städtetourismus ist mit einem jährlichen Bruttoumsatz von rund 79 Milliarden Euro (Zahl berücksichtigt alle Tagesreisenden mit inländischen Ziel) und 2,84 Milliarden Tagesreisen in deutschen Tourismusstädten ein sehr bedeutender Wirtschaftszweig [DTV17]. Der Städtetourismus steht mit dem Fußgängerverkehr in engem Zusammenhang. Der Fußgängerverkehr dient dabei nicht allein der Verbindung zwischen den Stationen der Besichtigung, sondern ist eine interessante Art, die Atmosphäre der Stadt, schöne Nischen, Straßen und Plätze sowie viele Details zu entdecken. Das Erleben einer Stadt kann durch die geringe Gehgeschwindigkeit (circa 1 m/s) und den urbanen Netzwerken und Wegen, auf dem es sich abspielt, sehr gut wahrgenommen werden [Höfl04].
Unter dem Begriff Wandern werden die Aktivitäten spazieren gehen, Pilgern, Trekking, (Nordic-) Walking, aber auch Klettern und Geocaching, zusammengefasst. Jährlich werden in Deutschland rund 8,7 Millionen reine Wanderurlauber und Urlauber, die im Urlaub gewandert sind, gezählt. Der Wandertourismus in Deutschland erzielt jährlich einen Bruttoumsatz von rund 7,5 Milliarden Euro. Somit zählt der Wandertourismus zu den umsatzstärksten Tourismusbereichen [DWV10a].
Angesichts der positiven wirtschaftlichen Effekte muss es das Ziel von Tourismuspolitik und -verwaltung sein, den Fahrradtourismus sowie den Städte- und Wandertourismus durch einen Ausbau der Radfahrer- und Fußgängerinfrastrukturen weiter zu fördern. Sowohl die objektiven Angebotsvoraussetzungen als auch die nachfrageseitigen Prognosen lassen erwarten, dass dieser touristische Teilbereich nicht nur eine hervorragende Marktposition innehat, sondern dass dieses Segment auch geeignet ist, weiterhin in seiner Bedeutung zu wachsen [BMWI09e; DWV10a].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Potenziale des Nichtmotorisierten Verkehrs (Stand des Wissens: 06.12.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?493248
Literatur
[ADFC09] Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club (ADFC), Froitzheim, Thomas, Giebeler, Bertram, Die ADFC-Radreiseanalyse 2009 - 10. bundesweite Erhebung zum fahrradtouristischen Markt , 2009/03/12
[ADFC17] Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club (ADFC) (Hrsg.) ADFC-Travelbike-Radreiseanalyse 2017 , 2017/03/16
[BMVBS12q] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur Nationaler Radverkehrsplan 2020, Berlin, 2012/10
[BMVBW02c] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur Nationaler Radverkehrsplan 2002-2012, 2002/04
[BMVBW04g] Thiemann-Linden, Jörg, Gwiasda, Peter, Miller, Gernot, Fromberg, Andrea Fahrradverkehr - Erfahrungen und Beispiele aus dem In- und Ausland, veröffentlicht in Schriftenreihe direkt, Ausgabe/Auflage 59, Wirtschaftsverlag NW, Verlag für neue Wissenschaft GmbH, Bremerhaven, 2004, ISBN/ISSN 3-86509-205-5
[BMWI09e] Deutscher Tourismusverband e.V. Grundlagenuntersuchung Fahrradtourismus in Deutschland Forschungsbericht Nr. 583, Berlin, 2009/09
[DTV17] Sarah Mempel, , Anita Wittke Wirtschaftsfaktor Tourismus, 2017/06
[DWV10a] Dicks, Ute, Neumeyer, Erik Zukunftsmarkt Wandern- Erste Untersuchungen der Grundlagenuntersuchung Freizeit- und Urlaubsmarkt Wandern, Ausgabe/Auflage 1. Auflage, Kassel, 2010/03, ISBN/ISSN 978-3-934580-091
[Höfl04] Höfler, Frank Verkehrswesen-Praxis, veröffentlicht in Bd. 1 Verkehrsplanung, Ausgabe/Auflage 1. Auflage, Bauwerk Verlag GmbH / Berlin, 2004, ISBN/ISSN 3-934369-52-9
[SWP15] Berger, Diana Radfahren wird immer beliebter, 2015/07/07
Weiterführende Literatur
[BTDrs14/3773] o.A. Bundestagsdrucksache 14/3773, 2000/07/04
[BTDrs14/6441] o.A. Bundestagsdrucksache 14/6441, Ausgabe/Auflage 14/6441, 2001
[DTV06] Habrich, Nicole, Hegemann, Iris Städte- und Kulturtourismus in Deutschland Grundlagenuntersuchung, Bonn, 2006/06
Glossar
Pedelec
Pedelec (Pedal Electric Cycle) ist ein Begriff für Elektrofahrräder, bei welchen der Fahrer vom Elektroantrieb unterstützt wird, wenn dieser in die Pedale tritt. Das Fahrrad kommt hierbei auf eine Leistung von bis zu 250 Watt, wodurch eine Geschwindigkeit von bis zu 25 Kilometer pro Stunde erreicht werden kann.
Laut § 1 Absatz 3 des Straßenverkehrsgesetztes (StVG) sind Pedelecs mit dieser Leistung einem Fahrrad rechtlich gleichgestellt.
Bei schnellen Pedelecs (S-Klasse) ist dies nicht der Fall. Diese zählen zu den Kleinkrafträdern und können bei einer maximal erlaubten Nenn-Dauerleistung von 500 Watt eine Geschwindigkeit von bis zu 45 Kilometern pro Stunde erreichen. Deshalb sind für diese eine Zulassung sowie ein Versicherungskennzeichen notwendig.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?57099

Gedruckt am Sonntag, 12. Juli 2020 15:51:05