Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Der Nichtmotorisierte Verkehr als Wirtschaftsfaktor

Erstellt am: 19.09.2003 | Stand des Wissens: 26.11.2018
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Wirtschaftliche Effekte und Wirkungen des Nichtmotorisierten Individualverkehrs lassen sich zunächst allgemein folgenden Bereichen zuordnen:
  • Stadtplanung und Ressourcen
  • Industrie und Handel
  • Dienstleistungen
  • Tourismus
Bisher wurden wirtschaftliche Effekte des Nichtmotorisierten Verkehrs (NMV) in der Literatur vor allem im Bereich des Radverkehrs ausgewiesen und zum Teil quantifiziert. Jedoch bestehen ebenso wirtschaftliche Effekte des Fußgängerverkehrs.
Der wirtschaftliche Einfluss des NMV erstreckt sich detaillierter auf folgende Bereiche [BMVBW98h]:
  • Hersteller von Fahrrädern und Zubehör,
  • Hersteller von funktionsgerechter Kleidung und Schuhwerk,
  • Reiseveranstalter unter anderem für Fahrradreisen, Städtetrips und Wanderurlaub,
  • Dienstleistungen (zum Beispiel Wartung und Reparatur, Beherbergung und Gastronomie),
  • Fahrradkurierdienste,
  • Tiefbau- und Baustoffunternehmen (Gehweg- und Radwegebau),
  • Hersteller von Elementen der Begleitinfrastruktur (zum Beispiel Fahrradständer, Sitzbänke, Papierkörbe),
  • Versicherungen (zum Beispiel Fahrraddiebstahlversicherung),
  • Verkehrsunternehmen (zum Beispiel Fahrradmonatskarte) sowie
  • Öffentliche Verwaltungen, Forschungsstellen, privatwirtschaftliche Planungs- und Beratungsbüros, Prüfinstitute.
Der direkte Arbeitsplatzeffekt aus der Fahrradnutzung wird als verhältnismäßig gering eingestuft. Potenziale werden im Servicebereich vermutet. Daneben profitieren einzelne Regionen von Impulsen aus dem Fahrradtourismus [BMVBW04g]. Insgesamt sind in der Deutschen Fahrradbranche 278.000 Menschen in Vollzeit beschäftigt. Das Gesamtvolumen der Fahrradwirtschaft beläuft sich auf 16 Milliarden Euro. Beide Zahlen verstehen sich inklusive des Segments Fahrradtourismus [Viva18].
Innerhalb der Freizeit- und Urlaubsgestaltung spielt sowohl der Fußgängerverkehr in Form von Stadtrundgängen oder Wanderungen in landschaftlich-, städtebaulicher- oder kultureller Umgebung als auch der Radverkehr als aktiver Urlaub oder Ausflug eine immer wichtigere Rolle [BMWI09e; DWV10a].
Weiterhin hat der NMV auch Einfluss auf die Wirtschaftsfaktoren Industrie und Handel. Die Entwicklung und der Bau beziehungsweise die Produktion von Fahrrädern sowie die funktionsgerechte Bekleidung und Schuhwerk sind ein aufstrebender Wirtschaftszweig [DWV10a]. Gleichzeitig bedingen sich der Fußgängerverkehr und (Einzel-) Handel gegenseitig. Belebte Quartiere mit hoher Aufenthaltsqualität für Fußgänger und Radfahrer tragen zu einer Attraktivität eines Handelsstandortes bei [ScHa04]. Dies gilt auch für den Radverkehr.
Die Service- und Dienstleistungsbranche erstreckt sich vornehmlich auf den Radverkehr, bei welchem bedingt durch die Nutzung eines Fahrrades Instandhaltungsarbeiten anfallen. Gleichzeitig ist der Bereich der Fahrradvermietung oder das Angebot von "Fahrradrikschafahrten" sowohl für alltägliche Fahrten als auch im Freizeit- und Urlaubssegment im Aufschwung. Daneben erzielen der Gastronomie- und Beherbergungsbereich im Zusammenhang mit dem NMV wirtschaftliche Effekte, die nicht zu vernachlässigen sind [BMVBW98h, BMVBW02c, BMVBS12q].
Gleichzeitig tragen die geringeren Kosten für den Bau und die Instandhaltung von Verkehrswegen des NMV zu Einsparpotenzialen für öffentliche Akteure bei. Durch Verlagerung des Motorisierten Individualverkehrs (MIV) auf den NMV werden nicht nur die Kosten für Verkehrswege des MIV reduziert, sondern auch externe Kosten vermieden [BMVBW98h].
Zugleich können für Arbeitgeber wirtschaftliche Vorteile in Form von Krankheits- und Sozialkosten entstehen, wenn die Arbeitnehmer durch die aktive Betätigung durch zu Fuß gehen und Radfahren weniger krankheitsbedingte Fehltage aufweisen [BMVBW98h].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Potenziale des Nichtmotorisierten Verkehrs (Stand des Wissens: 06.12.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?493248
Literatur
[BMVBS12q] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur Nationaler Radverkehrsplan 2020, Berlin, 2012/10
[BMVBW02c] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur Nationaler Radverkehrsplan 2002-2012, 2002/04
[BMVBW04g] Thiemann-Linden, Jörg, Gwiasda, Peter, Miller, Gernot, Fromberg, Andrea Fahrradverkehr - Erfahrungen und Beispiele aus dem In- und Ausland, veröffentlicht in Schriftenreihe direkt, Ausgabe/Auflage 59, Wirtschaftsverlag NW, Verlag für neue Wissenschaft GmbH, Bremerhaven, 2004, ISBN/ISSN 3-86509-205-5
[BMVBW98h] o.A. Erster Bericht der Bundesregierung über die Situation des Fahrradverkehrs in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, 1998/03
[BMWI09e] Deutscher Tourismusverband e.V. Grundlagenuntersuchung Fahrradtourismus in Deutschland Forschungsbericht Nr. 583, Berlin, 2009/09
[DWV10a] Dicks, Ute, Neumeyer, Erik Zukunftsmarkt Wandern- Erste Untersuchungen der Grundlagenuntersuchung Freizeit- und Urlaubsmarkt Wandern, Ausgabe/Auflage 1. Auflage, Kassel, 2010/03, ISBN/ISSN 978-3-934580-091
[ScHa04] Angelika Schlansky,, Roland Hasenstab,, Bernd Herzog-Schlagk Gehen bewegt die Stadt. Nutzen des Fußverkehrs für die urbane Entwicklung, Berlin, 2004
[Viva18] Verbund Service und Fahrrad e.V. (Hrsg.) Arbeitsplätze & Wertschöpfung [der Fahrradindustrie], 2018
Glossar
NMV Nichtmotorisierter Verkehr (NMV): Nichtmotorisierte Verkehrsmittel zur individuellen Nutzung wie Fahrrad und die eigenen Füße werden als Nichtmotorisierter Verkehr bezeichnet.
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
Instandhaltung Im Kontext des Erhaltungsmanagements bezeichnen die Begiffe "Instandhaltung" und "bauliche Unterhaltung" bauliche Maßnahmen kleineren Umfangs zur Substanzerhaltung von Verkehrsflächen, die mit geringem Aufwand in der Regel sofort nach Auftreten eines örtlich begrenzten Schadens ausgeführt werden.
Externe Kosten Kosten, die nicht vom eigentlichen Verursacher, sondern von der Allgemeinheit getragen werden und deshalb nicht in den Marktpreisen enthalten sind, werden als externe Kosten bezeichnet.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?57092

Gedruckt am Montag, 21. September 2020 21:38:43