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Wettbewerbslage deutscher Seehäfen

Erstellt am: 16.01.2023 | Stand des Wissens: 25.01.2023
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn

Der Wettbewerb ist für die deutschen Nord- und Ostseehäfen getrennt zu analysieren. Dies ist nicht nur auf Grund ihrer unterschiedlichen geografischen Lage, sondern insbesondere wegen der verschiedenen Strukturen der Umschlaggüter notwendig. Grundsätzlich ist der Wettbewerb zwischen den Häfen einer Range stets in Bezug auf konkrete Güterarten mit ihren spezifischen Einzelmärkten zu betrachten. Die deutschen Nordseehäfen, in denen der Containerverkehr überwiegt, treten in Konkurrenz zu den großen Containerhäfen Antwerpen und Rotterdam, die zudem ein ähnliches Hinterland bedienen können. Die wichtigsten deutschen Ostseehäfen, geprägt vom ostseeinternen Fähr- und RoRo-Verkehr, finden ihre Wettbewerber in den Fähr- und RoRo-Häfen der anderen Ostseeanrainerstaaten.
An der deutschen Nordseeküste stehen die beiden großen Universalhäfen Hamburg und Bremerhaven im Wettbewerb untereinander und in unterschiedlicher Intensität mit den Häfen von Le Havre bis Göteborg und auch mit den britischen Häfen. Der vom Überseeverkehr geprägte Containerverkehr ist das wichtigste Wettbewerbsfeld. In der Nordrange sind die wichtigsten ausländischen Konkurrenzhäfen Rotterdam und Antwerpen.
Bei steigendem Güterumschlag veränderten sich die Marktanteile in den letzten zehn Jahren nur wenig. Nach der Jahrtausendwende stiegen, im Vergleich mit dem Ostseeraum, die Marktanteile Hamburgs und der Bremischen Häfen durch das überdurchschnittliche Wachstum der Containerverkehre, die mit Feederdiensten, also Zulieferern und Verteilern für große Seeschiffe, und Bahnverbindungen in erster Linie über die deutschen Nordseehäfen abgewickelt werden, deutlich [LeSt02, S. 51]. Abbildung 1 zeigt die Marktanteile der Nordrange-Containerhäfen im Jahr 2021.
Marktanteile_der_Nordrange.pngAbbildung 1: Marktanteile der Nordrange-Containerhäfen in Millionen Twenty-foot Equivalent Units (TEU) im Jahr 2021 (Eigene Darstellung nach [Nott21, MvV21, VR21])
Für den großen deutschen Mineralölhafen Wilhelmshaven (2019: 21,1 Millionen Tonnen Umschlag von Kohle, rohes Erdöl und Erdgas) ist Rotterdam (2019: 201,9 Millionen Tonnen Umschlag von Kohle, rohes Erdöl, Mineralölprodukte und LNG) wichtigster Wettbewerber. Andere kleine Nordseehäfen wie Brake, Nordenham, Cuxhaven, Emden und Brunsbüttel sind meist regional ausgerichtet und auf bestimmte Güterarten spezialisiert. So entgehen sie dem direkten Wettbewerb.
In den Häfen der deutschen Ostseeküste stehen der Verkehr mit Dänemark und die küstenparallelen Verkehre mit dem Baltikum und Russland im intensiven Wettbewerb zum Landverkehr. Für die schleswig-holsteinischen Ostseehäfen treten dänische Häfen als Konkurrenten in Erscheinung, besonders im Verkehr mit Norwegen. Die ostdeutschen Häfen stehen im Wettbewerb mit den polnischen Häfen Szczecin und Swinoujscie sowohl im Fähr- und RoRo-Verkehr als auch im konventionellen Güterumschlag. Über die unmittelbar an Deutschland angrenzenden geografischen Regionen hinaus gelten auch Häfen im Mittelmeerraum als Wettbewerber.
Umschlag_Top_20.pngTabelle 1: Containerumschlag der 10 umschlagsstärksten Ostseehäfen 2021 (in TEU) (Eigene Darstellung nach [IHKSH20, S.11])
Neben der See- und Binnenschifffahrt nimmt die Bedeutung des Schienenverkehrs, auch für Transporte von Europa nach Asien, kontinuierlich zu und steht somit nun auch im Wettbewerb zur Seeschifffahrt. Prominente Beispiele hierfür sind die Projekte, die unter der Bezeichnung Neue Seidenstraße zusammengefasst werden und die Vernetzung Chinas mit Ländern in Afrika, Asien und Europa vorantreiben sollen.
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Funktionen und Zukunftsperspektiven von Seehäfen im Kontext maritimer Lieferketten (Stand des Wissens: 18.01.2023)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?50780
Literatur
[IHKSH20] IHK Schleswig-Holstein (Hrsg.) Verkehrsmarkt Ostsee: Aktuelle Zahlen und Daten für die Ostseeregion - Stukturdaten 2020, 2020
[LeSt02] Stuchtey, Rolf W., Prof. Dr., Lemper, Burkhard, Dr. Aktuelle Entwicklungen auf den Märkten der Containerschifffahrt und ihr Einfluss auf Deutschland als Schiffbau- und Hafenstandort, Ausgabe/Auflage 2., aktualisierte Aufl., Bremen, 2002/09
[MvV21] Mobiliteitsraad van Vlaanderen (Hrsg.) Ladingen en lossingen, 2021
[Nott21] Theo Notteboom Top 15 containers ports in Europe in 2020, 2021
[VR21] verkehrsrundschau.de (Hrsg.) NIEDERSÄCHSISCHE SEEHÄFEN SCHLAGEN 2020 NEUN PROZENT WENIGER UM, 2021
Glossar
Twenty-foot equivalent unit Zwanzig-Fuß-Äquivalente-Einheit (Twenty-foot Equivalent Unit). Eine statistische Hilfsgröße auf der Basis eines 20-Fuß-ISO-Containers (6,10 m Länge) zur Beschreibung von Verkehrsströmen oder -kapazitäten. Ein genormter 40'-ISO-Container der Reihe 1 entspricht 2 TEUs.
LNG
Liquified natural gas = Flüssigerdgas (CH4) wie es zum Beispiel in Fahrzeugen getankt werden kann. Durch Abkühlen auf -164 Grad Celsius schrumpft das Volumen auf ein sechshundertstel des Normvolumens. Damit erhöht sich der Energiegehalt bezogen auf das Volumen und somit zum Beispiel die Reichweite eines Fahrzeuges bei gleichem Tankvolumen. Für die aufwendige Verflüssigung werden circa 10 bis 25 Prozent der im Erdgas gespeicherten Energie aufgewendet, daher findet man im Straßenverkehr hauptsächlich compressed natural gas = komprimiertes Erdgas (CNG).
Hinterland Das Hinterland eines Seehafen ist das landeinwärts hinter dem Hafen liegende Territorium, welches durch die Herkunfts- und Bestimmungsorte der im Hafen abzufertigen Güter und Passagiere begrenzt wird. Seine Grenzen hängen von den Hinterlandverkehrsanbindungen ab und variieren nach Gutarten, den Umschlagkapazitäten, dem Schiffstyp und der Verkehrsinfrastruktur. Das Vorland eines Seehafens ist das seewärts vor dem Hafen liegende Territorium, welches durch die überseeischen Herkunfts- und Bestimmungsorte der Güter begrenzt wird.
Hafenrange
Unter einer Hafenrange wird eine gedanklich zusammengefasste Hafengruppe verstanden, für die im Linienverkehr meist gleiche Frachtraten gelten. Die Häfen einer Range stehen untereinander in intensivem Wettbewerb.
Unter der Nordseerange werden allgemein die Häfen Hamburg, Bremen/Bremerhaven, Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen zusammengefasst sowie z.T. Le Havre, Dünkirchen, Zeebrügge, Vlissingen und Flushing einbezogen.
Als ARA-Range werden die Häfen Antwerpen. Rotterdam und Amsterdam bezeichnet.
Rollende Landstraße
Die Rollende Landstraße (RoLa) ist ein Produkt im Bereich des Schienengüterverkehrs. Sie stellt eine spezifische Form des begleiteten Kombinierten Verkehrs dar. Dabei werden Lastkraftwagen bzw. Sattelzüge mit Hilfe der Roll-On/Roll-Off-Technik auf einen Güterzug aus durchgehenden Niederflurwagen verladen und über eine bestimmte Strecke transportiert. Die Fahrer begleiten ihre Fahrzeuge i. d. R. in einem mitgeführten Reisezugwagen. In Europa wird die RoLa z. B. für alpenquerende Verkehre angeboten. Sie kann eine betriebswirtschaftliche und/oder ökologische Alternative zum Straßengütertransport sein.
Ro/Ro Abkürzung für "Roll on/Roll off" - beschreibt im Seeverkehr den rollenden Ladungsumschlag über schiffseigene und/oder landseitige Rampen; im Kombinierten Verkehr die horizontale Verladung rollender oder rollbar gemachter Ladeeinheiten.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?564395

Gedruckt am Dienstag, 5. März 2024 02:17:58