Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Aktuelle Tarifmaßnahmen als Finanzierungsinstrument des ÖPNV

Erstellt am: 30.03.2021 | Stand des Wissens: 23.06.2022
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Bahnverkehr, öffentlicher Stadt- und Regionalverkehr, Prof. Dr.-Ing. R. König

Das Potenzial des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) im Hinblick auf die Klima- und Verkehrswende ist erheblich. Busse und Bahnen ersetzen täglich rund 20 Millionen Autofahrten [Int21]. Die Gewinnung neuer ÖPNV-Fahrgäste für die Erreichung der Klima- und Umweltziele spielt daher eine zentrale Rolle. Jedoch stehen regelmäßig hohe Fahrpreise und zu komplizierte Tarife im Mittelpunkt der (berechtigten) Kritik der Fahrgäste [Funk20].
Diese Probleme werden oft durch den hohen Kostendruck verursacht, weil bisher die Tarifmaßnahmen mit dem Ziel der Fahrgeldeinnahmenmaximierung geführt wurden. Der Anteil der Nutzerfinanzierung hat sich wegen überproportional gestiegener Fahrpreise in den letzten Jahren deutlich erhöht. Inzwischen ist die Zahlungsbereitschaft für die ÖPNV-Nutzung bei den meisten Kundengruppen weitgehend ausgeschöpft [Somm21].
Um die Zugangshemmnisse für die potenziellen ÖPNV-Nutzer abzubauen und gleichzeitig die Kundenbindung der bisherigen Stammfahrgäste zu fördern, werden verstärkt folgende Maßnahmen diskutiert und getestet:
  • Nulltarif (kostenfreier Nahverkehr)
  • 365-Euro-Ticket
  • Vereinfachung des Tarifsystems
  • Solidarmodelle
Die bisherigen internationalen Erfahrungen haben allerdings gezeigt, dass nicht der Fahrpreis das entscheidende Kriterium zum Umstieg auf den öffentlichen Verkehr ist, sondern Art und Umfang des Angebots [Civ19]. Deswegen sind eine bundesweite Einführung von 365-Euro-Jahrestickets oder Tickets zum sogenannten Nulltarif nicht zu empfehlen. Vielmehr wäre es sinnvoll, die aufgestockte ÖPNV-Finanzierung zunächst in den Ausbau und in die Grunderneuerung der Systeme, in neue Angebote und mehr Kapazitäten zu investieren [VDV21c].
Seit dem 1. Juni 2022 gilt das 9-Euro-Ticket. Deutschlandweit können dann für monatlich neun Euro alle Busse und Bahnen im Nah- und Regionalverkehr genutzt werden. Das Angebot gilt für die Kalendermonate Juni, Juli und August [BReg22].
Ein weiterer überproportionaler Anstieg der Fahrpreise wie in den letzten Jahren sollte jedoch vermieden werden, um die Wettbewerbsfähigkeit zum MIV beizubehalten und zu verbessern. Eine Vereinfachung der ÖPNV-Tarife wäre als Abbau der Zugangshemmnisse zur Neukundengewinnung ebenfalls wichtig, da ein übersichtlicher Tarif neue Fahrgäste besser erreicht. Mit einem einfacheren Tarif sinken auch die Kosten für Vertrieb, Verwaltung und Kundeninformation. Auch die Solidarmodelle wie zum Beispiel Gäste- oder Kombitickets können zu der Vereinfachung des Tarifsystems beitragen, weil diese von den Touristen oder Besuchern als Fahrschein ohne weitere detaillierte Tarifkenntnisse benutzt werden können.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Bahnverkehr, öffentlicher Stadt- und Regionalverkehr, Prof. Dr.-Ing. R. König
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Zukünftige Finanzierung des ÖPNV (Stand des Wissens: 12.04.2022)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?218979
Literatur
[BReg22] 9-Euro-Ticket seit Juni 2022, Bundesregierung, Berlin, 2022/05/31
[Civ19] Friedemann Brockmeyer, Katja Bürger, Tarik Shah, Stefan Weigele, Julian Zuber Das beste Angebot ist nicht der Preis
Der "Wiener Weg": Weit mehr als die 365-Euro-Jahreskarte, civity Management Consultans, Hamburg, 2019
[Funk20] Uschi Götz Ratlos vor dem Ticketautomaten, Deutschlandfunk, Köln, 2020/02/25
[Int21] Robert Hänsch Künftige Modelle für
Finanzierung und Organisation des ÖPNV, Interlink GmbH, Berlin, 2021/1/13
[Somm21] Carsten Sommer Künftige Modelle für
Finanzierung und Organisation des ÖPNV, 2021/01/31
[VDV21c] Rahime Algan, Eike Arnold, Norbert Mauren, Lars Wagner, Silja Mannitz Mobilitätswende forcieren
Jetzt mehr bewegen, Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), Berlin, 2021/04
Glossar
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
Öffentlicher Personennahverkehr
Der öffentliche Personennahverkehr ist juristisch im Personenbeförderungsgesetz (PBefG) definiert. Laut Paragraf 8, Absatz 1 und 2 umfasst der ÖPNV "die allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Straßenbahnen, Obussen und Kraftfahrzeugen im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen". Taxen oder Mietwagen können dieses Angebot ersetzten, ergänzen oder verdichten.
Der Begriff ÖPNV bezieht sich in der Regel auf Strecken mit einer gesamten Reiseweite von weniger als 50 Kilometern oder einer gesamten Reisezeit von weniger als einer Stunde. Das in einer Stadt oder Region erforderliche Nahverkehrsangebot und dessen Eignung hinsichtlich Nachhaltigkeit und Klimaschutz wird in einem Nahverkehrsplan definiert und festgehalten.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?519087

Gedruckt am Montag, 28. November 2022 20:30:22