Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Auswahl und Abwicklung von Großprojekten - Stellungnahme des wissenschaftlichen Beirats beim BMVI

Erstellt am: 02.10.2018 | Stand des Wissens: 02.10.2018
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch

Im Mai 2014 veröffentlichte der wissenschaftliche Beirat des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) eine Stellungnahme zur Auswahl und Abwicklung von Großprojekten. In dieser Stellungnahme werden die typischen Probleme und die Problemwechselbeziehungen bei der Konzeptualisierung und Umsetzung entsprechender Großprojekte ganzheitlich analysiert und bewertet. Ausgehend hiervon leiten die Verfasser konkrete Verbesserungsmöglichkeiten und Handlungsempfehlungen für den Verkehrsminister und seine Arbeitsgruppe Großprojekte [BMVI14w, S.5] ab.
Die Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des BMVI sehen vor allem in solchen Bauprojekten Mängel, die durch eine besondere Größe (> 50 Mio. Euro), Singularität sowie durch eine hohe Komplexität und Lebensdauer gekennzeichnet sind. Auch ein hoher Anteil technischer Einrichtungskosten am Projektvolumen und eine hohe politische Motivation zur Umsetzung [BMVI14w, S.6] seien charakteristisch für problematische Großprojekte.
In der Stellungnahme werden Mängel dabei im Wesentlichen in folgenden Projektphasen identifiziert:
  1. Vorbereitungs- und Entscheidungsprozess: Im durch Legislaturperioden sowie durch Laufzeiten von Förderprogrammen [BMVI14w, S.9] geprägten politischen Umfeld würden folgenschwere Entscheidungen zur Realisierung von Projekten häufig unter Zeitdruck und ohne ausreichende Risikoanalysen gefällt. Diese verfrühten, nicht ausreichend qualifizierten Entscheidungen würden dabei teilweise durch öffentlichen Druck (z.B. durch Interessengruppen oder Medien) verstärkt und hätten im Anschluss eine mangelhafte Einbindung von Fachkompetenz [BMVI14w, S.9] zur Folge.
  2. Erarbeitung von Entscheidungsgrundlagen: Der wissenschaftliche Beirat des BMVI erläutert hier, dass viele der typischen Problemursachen bei Mega- bzw. Großprojekten mit einer konsequenteren Erarbeitung von Unterlagen für die Entscheidungsfindung reduziert oder sogar gänzlich vermieden werden könnten. So könnten zum Beispiel ausreichend entwickelte Funktions-, Raum- und Betriebsprogramme dazu beitragen, zumindest grobe Anhaltspunkte für mögliche Kostenrisiken des Projekts zu identifizieren. Generell seien die häufig auftretenden Kostenunterschätzungen bzw. Nutzenüberschätzungen des Projekts durch ausreichende Analysen im Voraus zu reduzieren [BMVI14w, S.11f].
  3. Projektabwicklung: Da der Umfang der bereitgestellten Mittel häufig auf optimistischen Schätzungen basiere und eventuelle Risiken kaum berücksichtige, führt laut den Autoren vor allem die häufig nicht kontinuierlich gesicherte Finanzierung aller Bauphasen zu Mängeln in der Projektabwicklung. Bei der Projektabwicklung auftretenden Mängel seien deshalb teilweise auch darauf zurückzuführen, dass die Risiken als Folge fehlender Planungsmittel in der Entscheidungsphase meist nicht ausreichend erkannt und eingegrenzt wurden [BMVI14w, S.13]. 
  4. Alle Phasen der Projektentstehung: Grundsätzlich sei die fehlende Herausbildung einer fachlichen Verantwortung der Ingenieure und Planer [BMVI14w, S.14] zur Benennung mangelhafter Voraussetzungen und die daraus folgende mangelnde offene Diskussion valider Kritikpunkte häufig eine Ursache für die in Großprojekten auftretenden Probleme. Gerade bei Großprojekten, die häufig einen innovativen Charakter haben, bliebe die fachliche Diskussion eventueller Bedenken und Risiken meistens unzureichend.
Der wissenschaftliche Beirat des BMVI formuliert in seiner Stellungnahme abschließend ein Handlungskonzept für Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung. Dieses leitet aus den Anforderungen für die erfolgreiche Umsetzung eines Projekts konkrete Empfehlungen ab und umfasst dabei die Handlungsbereiche [BMVI14w]:
  1. Definition der Projektziele und des Zeitrahmens
  2. Umgang mit Unsicherheiten und Risiken
  3. Qualitätssicherung für Entscheidungen und Prozesse
  4. Bereitstellung ausreichender Ressourcen
  5. Vermeidung von Umplanungen im Rahmen der Bauabwicklung
  6. Schaffung klarer Verantwortlichkeiten und Haftungsregelungen.
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Planung und Bewertung von Megaprojekten im Verkehrsbereich (Stand des Wissens: 20.12.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?352432
Literatur
[BMVI14w] Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Auswahl und Abwicklung von Großprojekten - Stellungnahme, 2014/5
Glossar
BMVI Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (bis 10/2005 auch BMVBW und bis 12/2013 BMVBS)

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?489808

Gedruckt am Mittwoch, 23. Oktober 2019 02:56:22