Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Bedarfsschwankungen im Einzelhandel

Erstellt am: 21.08.2013 | Stand des Wissens: 16.02.2022
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Der Einzelhandel ist durch Schwankungen der Absatzmengen gekennzeichnet [Pohl09]. In Abhängigkeit des Warensortiments können unterschiedliche Absatzverläufe auftreten. Eine Übersicht typischer Bedarfsverläufe von Handelsartikeln zeigt Abbildung 1.
Bedarfsschwankungen2018.pngAbb. 1: Bedarfsverläufe im Handel [eigene Darstellung in Anlehnung an Pohl09]
Verschiedene Faktoren beeinflussen den Verlauf von Absatzmengen des Einzelhandels. So ist häufig die Phase des Lebenszyklus eines Produktes auschlaggebend für dessen Nachfrage. Dies gilt zum Beispiel für Unterhaltungselektronikartikel, deren Verkaufszahlen am Anfang des Produktlebenszyklus tendenziell höher sind als am Ende. Zudem können Saisonalitäten, wie zum Beispiel das Weihnachts- oder Ostergeschäft, Bedarfsschwankungen auslösen (siehe Abbildung 1, Verlaufsdiagramm 3 und 4). Weitere Einflussfaktoren stellen das Wetter, Feiertage, Urlaubszeiten, gesetzliche Regelungen, Modetrends (siehe Abbildung 1, Verlaufsdiagramm 3 und 6) oder Markenbewusstsein dar. Zudem kann das Verhalten anderer Marktteilnehmer, wie Lieferanten und Wettbewerbern, Schwankungen von Verkaufsmengen auslösen. Ein Handelsunternehmen kann Bedarfsverläufe über seine eigene Absatzpolitik beeinflussen, zum Beispiel durch Preis- oder Mengennachlässe, verkaufsfördernde Aktionen oder Werbemaßnahmen [Cron10].

Bedarfsverläufe beeinflussen die Transportmengen und Transporthäufigkeit zu Lagerstandorten und Verkaufspunkten [Pohl09]. Dies gilt insbesondere für Bedarfsspitzen, die zu kurzfristigen, erhöhten Transportmengen führen und Störungen im Versorgungsprozess auslösen können, zum Beispiel in Form von Staubildung an den Laderampen. Für Lkw-Transportunternehmen kann es dabei zu erhöhten Stand- und Wartezeiten kommen, sodass Anschlussaufträge nicht eingehalten oder die Fahrer- und Fahrzeugdisposition erschwert werden. Zudem kann die Einhaltung von Sozialvorschriften für Kraftfahrer gefährdet sein, wenn durch erhöhte Wartezeiten gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeiten nicht eingehalten werden können. Weitergehende Informationen zum Thema "Laderampe im Handel" können in der Wissenslandkarte "Rampenmanagement" nachgelesen werden.

Zudem können Schwankungen im Sendungsaufkommen zu negativen Konsequenzen für Versorgungskonzepte führen, wenn deren Erfolg von einer hohen Bündelungsfähigkeit von Güterströmen abhängt. Dies gilt zum Beispiel für City-Logistik-Projekte, deren Erfolg maßgeblich von einer hohen Fahrzeugauslastung bestimmt wird [Wolp13].

Handelsunternehmen verfolgen verschiedene Strategien, um die negativen transportrelevanten Auswirkungen von Bedarfsschwankungen zu reduzieren:
  • Durch Auswertung vergangener und prognostizierter Verkaufszahlen versuchen Handelsunternehmen, Nachfrageverläufe zu antizipieren und Schwankungen in Lager- und Transportmengen auszugleichen. Aufgrund der hohen Anzahl an Konsumenten, die unterschiedliche Mengen in unterschiedlichen Häufigkeiten an verschiedenen Verkaufspunkten einkaufen, ist eine genaue Bedarfsprognose für Handelsunternehmen in vielen Fällen schwierig [Pohl09].
  • Handelsunternehmen lagern höhere Bestände an Waren, um aufgrund der Unsicherheit über die tatsächlich benötigten Mengen die Verfügbarkeit von Waren am Verkaufsort gewährleisten zu können [Cron10]. Durch Lagerung kann eine Entkopplung von Beschaffungs- und Distributionsströmen erreicht und Schwankungen der zu transportierenden Verkaufsmengen ausgeglichen werden.
  • Durch eine gezielte Steuerung der Warenströme zu Lagern und Verkaufsorten können Transportmengenschwankungen ausgeglichen werden. Hierzu zählt zum Beispiel eine frühzeitige Avisierung von Lkw-Anlieferungen. Zudem kann über eine "Hofsteuerung", bei der Lkw mit Transpondern ausgestattet werden, ein gezieltes Anfahren konkreter Lade- beziehungsweise Entladerampen zu einem bestimmten Zeitpunkt ermöglicht werden, um Wartezeiten zu reduzieren. Ein entsprechendes Konzept setzt zum Beispiel das Handelsunternehmen Tchibo bei der Belieferung seines Zentrallagers in Bremen ein [BS05].
  • Zudem können durch die Belieferung von Geschäften zur Nachtzeit zwischen 22 und 6 Uhr Transportspitzen im Einzelhandel reduziert und gleichzeitig vom Berufsverkehr entkoppelt werden. Derzeit ist die Möglichkeit der Nachtanlieferung jedoch gesetzlich erheblich beschränkt, insbesondere aus Gründen des Lärmschutzes [VR13].
Um eine möglichst optimale Mengendisposition zu gewährleisten, bietet sich eine Mehrquellenbeschaffung an, sodass mehrere Anbieter für ein Produkt hinzugezogen werden. So besteht im Falle von Bedarfsschwankungen oder Lieferschwierigkeiten keine Abhängigkeit von nur einem Lieferanten. Jedoch erfordert die Mehrquellenbeschaffung einen hohen Informationsbedarf und somit auch einen hohen Kommunikations- und Logistikaufwand.

Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Handelslogistik (Stand des Wissens: 16.02.2022)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?415841
Literatur
[BS05] Bertram Salzinger Schneller Durchlauf schlanker Ablauf, veröffentlicht in DVZ, Ausgabe/Auflage 244, 2005/04/14
[Cron10] Sven F. Crone Neuronale Netze zur Prognose und Disposition im Handel, veröffentlicht in Betriebswirtschaftliche Forschung zur Unternehmensführung, Ausgabe/Auflage Dissertation Universität Hamburg 2008. 1. Auflage 2010, Gabler Verlag, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, 2010
[Pohl09] Jörg Pohl (Hrsg.) Internationale Handelslogistik: Ergebnisse und Wirkungen alternativer Logistikkonzepte des Handels, Logos-Verlag / Berlin, 2009
[VR13] VerkehrsRundschau (Hrsg.) Who is Who - Logistik 2013, 2013
[Wolp13] Stefan Wolpert City-Logistik: Bestandsaufnahme relevanter Projekte des nachhaltigen Wirtschaftsverkehrs in Zentraleuropa, Fraunhofer Verlag, 2013, ISBN/ISSN 978-3-8396-0524-0
Glossar
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?415811

Gedruckt am Samstag, 20. August 2022 05:13:44