Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Marktstruktur und Wettbewerb des deutschen Schienenpersonenfernverkehrs

Erstellt am: 03.05.2013 | Stand des Wissens: 25.10.2018
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Die Europäische Kommission verabschiedete 1991 die Richtlinie 91/440/EWG und schaffte damit die politische Grundlage für den freien Wettbewerb auf den von den Staatsbahnen dominierten nationalen Eisenbahnmärkten. Sowohl die Bundesrepublik Deutschland als auch die Europäische Union leiteten darüber hinaus weitere Schritte ein, um die Schieneninfrastruktur für nichtbundeseigene und ausländische Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) zugänglich zu machen [MON09]. Im Gegensatz zum Schienenpersonennahverkehr (SPNV) und Schienengüterverkehr (SGV) entwickelte der Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) allerdings eine äußerst geringe Wettbewerbsdynamik.
Insgesamt stieg die Nachfrage im Schienenpersonenverkehr (SPV) in den letzten Jahren um rund 35 Prozent an. Dabei erreicht der Nahverkehr seit 2002 mit 48 Prozent eine deutlich stärkere Nachfragesteigerung der Verkehrsleistung als der Fernverkehr (+ 21 Prozent) [BMVI17q, S. 219]. Trotz des Wachstums im SPV und der Steigerung des Anteils der Verkehrsleistungen von nichtbundeseigenen Eisenbahnen im deutschen SPNV seit Mitte der 1990er Jahre auf 25 Prozent, ist der Marktanteil des Deutsche Bahn AG Konzern (DB AG) im SPFV, gemessen an der Verkehrsleistung, mit über 99 Prozent unverändert hoch [MoNeVe17, S. 54, S. 84].

Wettbewerbssituation: In Deutschland wird der SPFV durch die Produkte der DB Fernverkehr AG als Tochtergesellschaft der DB Mobility Logistics AG dominiert. Diese ist wiederum eine Tochtergesellschaft der DB AG. Zusätzlich verfügt der Konzern mit der DB Netz AG über den Zugriff und die Kontrolle auf das flächendeckende, ausdifferenzierte deutsche Schienennetz. Die DB AG ist des Weiteren über verschiedene Kooperationen, beispielsweise den Railteam-Verbund, im europäischen SPFV-System integriert. [Bung11, S. 29 ff.]

Die deutschen Wettbewerber der DB AG betreiben im Vergleich dazu eher Nischenprodukte. Außer dem von der Transdev GmbH von 2003 bis 2014 betriebenen InterConnex [Spiegel2014] und den von flixmobility seit 2018 vermarkteten FlixTrain zwischen Stuttgart und Berlin sowie Köln und Hamburg, verkehren alle anderen Produkte der SPFV-Wettbewerber nur einmal pro Tag. Der InterConnex ging im März 2002 auf der Strecke Rostock - Berlin - Leipzig in Betrieb (Abbildung 1). [NEEMo13, S. 68ff.] Bis Juni 2003 erfolgte die Eröffnung von zwei weiteren Linien zwischen Stralsund und Dresden sowie Berlin und Köln, die beide aufgrund geringer Fahrgastzahlen nach kurzer Zeit wieder eingestellt wurden [Bung11, S. 32]. Das am längsten bestehende Wettbewerbsprodukt im SPFV in Deutschland ist der seit dem Jahr 2000 zweimal in der Woche zwischen Berlin und Malmö verkehrende Berlin Night Express [NEEMo13, S. 68]. Er wird betrieben von der Georg Verkehrsorganisation GmbH (GVG), die seit 2011 mit der Transdev GmbH zusammenarbeitet.

Markteinstiegsversuche.JPG
Abbildung 1: Markteintritt der SPFV-Wettbewerber der DB AG in Deutschland seit 2000
Mit dem Ausstieg der DB AG aus der Kooperation mit der französischen SNCF 2012 und der belgischen SNCB wird Thalys International ein weiterer internationaler Wettbewerber im Fernverkehr, vor allem zwischen Aachen und Essen [DBAG12g]. Zusätzlich beabsichtigt die MSM Group den Einstieg in den deutschen SPFV-Markt [Hugh12]. Es kann davon ausgegangen werden, dass durch weitere neue Marktteilnehmer die Wettbewerbsdynamik in Deutschland in einem gewissen Umfang zunehmen wird.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Regionale Erschließungsqualität des Schienenpersonenfernverkehrs (Stand des Wissens: 27.02.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?409784
Literatur
[BMVI17q] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Verkehr in Zahlen 2017/2018, Ausgabe/Auflage 46. Jahrgang, 2017, ISBN/ISSN ISBN 978-3-87154-617-4
[Bung11] Bunge, Stephan Analyse und Bewertung der regionalen Erschließungsqualität im Schienenpersonenfernverkehr, veröffentlicht in Schienenverkehrsforschung an der Technischen Universität Berlin, Ausgabe/Auflage 3/2011, Eurailpress in DVV Media Group, Hamburg, 2011
[DBAG12g] Miram, F. und Boeckh, R. Wettbewerbsbericht 2012, 2012/06
[Hugh12] Hughes, Murray Inter-city rivals break cover, veröffentlicht in Railway Gazette International, Ausgabe/Auflage 01/2012, Reed Business Publ., Sutton Surrey (UK), 2012/01, ISBN/ISSN 0373-5346
[MON09] Monopolkommission Sondergutachten 55: Bahn 2009: Wettbewerb erfordert Weichenstellung, Nomos Verlagsgesellschaft / Baden-Baden , 2009
[MoNeVe17] mofair e.V., Netzwerk Europäischer Eisenbahnen e.V., Verband der Güterwagenhalter (Hrsg.) Wettbewerber-Report Eisenbahn 2017/2018, 2017/10
[NEEMo13] Dr. Engelbert Recker, mofair e. V., Ludolf Kerkeling, NEE Wettbewerber-Report Eisenbahn 2013/2014, 2013/11
[Spiegel2014] Spiegel Online (Hrsg.) Leipzig-Berlin-Rostock: Bahn-Konkurrent Veolia stellt Fernzug Interconnex ein, 2014/10/14
Rechtsvorschriften
[91/440/EWG] Richtlinie [...] zur Entwicklung der Eisenbahnunternehmen der Gemeinschaft (91/440/EWG)
Glossar
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Schienenpersonennahverkehr
Gemäß Regionalisierungsgesetz (RegG) § 2 handelt es sich bei einer auf der Schiene erbrachten Beförderungsdienstleistung um ein Angebot des Nahverkehrs, "wenn in der Mehrzahl der Beförderungsfälle [...] die gesamte Reiseweite 50 Kilometer oder die gesamte Reisezeit eine Stunde nicht übersteigt" [RegG, § 2]. Zur Erfüllung der Daseinsvorsorge wird der Schienenpersonennahverkehr (SPNV) von den Ländern bestellt und unterstützt. Der SPNV ist eine Sonderform des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Der ÖPNV ist juristisch im Personenbeförderungsgesetz (PBefG) definiert, der SPNV zusätzlich noch im Allgemeinen Eisenbahngesetz (AEG).
EVU Eisenbahnverkehrsunternehmen
nichtbundeseigene Eisenbahnen Als nichtbundeseigene Eisenbahnen (NE-Bahnen ) werden alle Eisenbahnunternehmen bezeichnet, die nicht mehrheitlich dem Besitz der Bundesrepublik Deutschland zuzuordnen sind.
Verkehrsleistung Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter, Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] bzw. Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.
Schienenpersonenfernverkehr
Der Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) ist die Beförderung von Reisenden mit Eisenbahnzügen über längere Strecken mit mehr als einer Stunde Fahrzeit oder 50 km Entfernung. Im Gegenzug zum Schienenpersonennahverkehr (SPNV) bzw. dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) wird der SPFV eigenwirtschaftlich betrieben und muss sich betriebsökonomisch selbst tragen.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?409611

Gedruckt am Donnerstag, 1. Oktober 2020 06:28:59