Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Überblick zum Thema Carsharing

Erstellt am: 05.02.2004 | Stand des Wissens: 24.09.2018
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Unter Carsharing wird die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Kraftfahrzeugen verstanden [bcs07b]. Ende der 1980er Jahre waren in Deutschland die ersten Anfänge von Carsharing zu beobachten. Der Pionier war dabei die STATTAUTO GmbH in Berlin [Pete95]. Anfang der 1990er Jahre war erstmals eine spürbare Anzahl an Carsharing-Organisationen und Nutzern festzustellen [Stutz01].

Im Jahr 2018 nutzen rund 2.110.000 Mitglieder in über 677 Städten mehr als 17.950 Fahrzeuge [bcs18]. Damit teilen sich durchschnittlich je 118 Mitglieder ein Auto.

Der Bundesverband CarSharing e.V. (bcs) ist der Dachverband der deutschen Carsharing-Anbieter mit dem Ziel den Autoverkehr und die dabei entstehende Umweltbelastung zu vermindern. 135 der rund 155 deutschen Carsharing-Anbieter sind zurzeit im bcs organisiert [bcs12c]. [Fros16] sagt voraus, dass im Jahr 2025 etwa 36 Millionen Menschen weltweit Carsharing nutzen werden.

Mehrere Untersuchungen haben nachgewiesen, dass durch einen Wechsel vom Privat-Pkw auf Carsharing vor allem folgende verkehrliche Effekte erzielt werden:
  • Das Mobilitäts-/Wegebudget wird kaum verringert; die Wege werden in den Nahbereich und auf die Verkehrsmittel des Umweltverbundes verlagert [Krie03, Pesc96]. Neben Bus und Bahn, dem Fahrrad und dem Zufußgehen schafft das Carsharing einen wichtigen Beitrag für ein verkehrsmittelübergreifendes Verkehrssystem [UBA13b].
  • Es haben sich zwei Carsharing-Varianten etabliert: Das stationsbasierte Carsharing und das Free-Floating. Stationsbasierte Systeme ziehen mehr Kunden an, die auf das eigene Auto verzichten und Free-floating Systeme sprechen die Kunden an, die am privaten Autobesitz festhalten. Für beide Gruppen existieren spezielle Carsharing-Angebote [bcs16f].
  • Durch das Carsharing wird der Einzugsbereich des Öffentlichen Personenverkehrs vergrößert. Außerdem können Carsharing-Angebote Versorgungslücken des Öffentlichen Personenverkehrs schließen und zu einer Reduzierung der individuellen MIV-Personenkilometer beisteuern [bcs07b, Rid18].
  • Ein Carsharing-Fahrzeug ersetzt bis zu 20 private Pkw [bcs16c]. Somit kann Carsharing vorrangig in innerstädtischen Straßenräumen zur Entspannung der Parkraumsituation beitragen [Pesc96, Pete95, Koss02, bcs07].
  • Durch den koordinierten Ausbau von Carsharing und ÖPNV könnten laut dem Umweltbundesamt CO2-Emissionen um sechs Millionen Tonnen pro Jahr gesenkt werden. Das entspricht rund vier Prozent der verkehrsbedingten CO2-Emissionen in Deutschland [UBA15c].
    Für potenzielle Kunden ist CarSharing besonders geeignet in Kombination mit dem ÖV und wenn ein Pkw selten und vor allem für kurze Fahrten genutzt wird. Nicht geeignet ist CarSharing bei langen Standzeiten, wie zum Beispiel bei Arbeitswegen, wenn das Fahrzeug in der Zwischenzeit nicht genutzt wird. Die Bereitschaft zum Wechsel zu CarSharing ist höher, wenn es zu einem "Routinebruch" im Mobilitätskontext kommt (zum Beispiel Umzug, Arbeitsplatzwechsel) [Harm04].

Auch Autohersteller wie beispielsweise BMW mit DriveNow und Daimler mit car2go bieten Carsharing an. Sogar die Deutsche Bahn betreibt einen bundesweit aktiven Carsharing-Dienst namens Flinkster. Heutzutage kann eine Fahrt spontan über eine kostenlose Smartphone-App gebucht werden [IHK15, Daim18].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Carsharing (Stand des Wissens: 12.11.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?56435
Effizientere Formen der Autonutzung und Kollektivierung des MIV (Stand des Wissens: 21.06.2017)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?303288
Förderung des multi- und intermodalen Personenverkehrs (Stand des Wissens: 01.03.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?354205
Literatur
[bcs07] bcs - Bundesverband CarSharing e.V. Stellungnahme des Bundesverbandes CarSharing e.V. zum Entwurf des Gesetztes zur Änderung des Straßenverkehrsgesetzes (StVG), Hannover, 2007/03
[bcs07b] bcs - Bundesverband CarSharing e.V. (Hrsg.) Begriffsbestimmung, 2007/03/28
[bcs12c] bcs - Bundesverband CarSharing e.V. (Hrsg.) Der Bundesverband CarSharing stellt sich vor, 2012
[bcs16c] bcs - Bundesverband CarSharing e.V. (Hrsg.) Mehr Platz zum Leben - wie CarSharing Städte entlastet, 2016
[bcs16f] bcs - Bundesverband CarSharing e.V. (Hrsg.) Wirkung verschiedener CarSharing-Varianten auf Verkehr und Mobilitätsverhalten, 2016/06
[bcs18] bcs - Bundesverband CarSharing e.V. Zahl der CarSharing-Kunden überspringt die 2 Millionen Marke, 2018/02/18
[Daim18] Daimler AG - RESEARCH AND TECHNOLOGY (Hrsg.) Einsteigen und losfahren. Free-floating Carsharing mit car2go, 2018
[Fros16] Frost & Sullivan (Hrsg.) Future of Carsharing Market to 2025, 2016/08/02
[Harm04] Sylvia Harms Besitzen oder teilen - Sozialwissenschaftliche Analyse des CarSharings, Rüegger-Verlag/Zürich, 2003, ISBN/ISSN 3-7253-0753-9
[IHK15] Industrie- und Handelskammer Nürnberg für Mittelfranken (Hrsg.) Carsharing, 2015/10/23
[Koss02] Koss, Reinhard Car-Sharing als Beitrag zur Lösung der verkehrs- und umweltpolitischen Krise?, Verlag für Wissenschaft und Forschung GmbH, Berlin, 2002
[Krie03] Krietemeyer, Hartmut, Dr. Effekte der Kooperation von Verbund und Car-Sharing-Organisation, veröffentlicht in Der Nahverkehr, Ausgabe/Auflage 9, alba-Verlag, Düsseldorf, 2003
[Pesc96] Pesch, Stephan Car-Sharing als Element einer Lean Mobility im Pkw-Verkehr - Entlastungspotentiale, gesamtwirtschaftliche Bewertung und Durchsetzungsstrategien, veröffentlicht in Buchreihe des Instituts für Verkehrswissenschaft an der Universität Köln, Verkehrs-Verlag J.Fischer, Düsseldorf, 1996, ISBN/ISSN 3-87841-086-7
[Pete95] Markus Petersen Ökonomische Analyse des Car-Sharing, Wiesbaden, 1995
[Rid18] Herdtle, Carolin, Parzinger, Gerhard , Grausam, Michael , Müller, Ulrich, Rid, Wolfgang Carsharing in Deutschland. Potenziale und Herausforderungen, Geschäftsmodelle und Elektromobilität., Ausgabe/Auflage 1. Auflage, Wiesbaden: Springer Vieweg , 2018, ISBN/ISSN 978-3-658-15905-4
[Stutz01] Stutzbach , Raabe , Pfriem , Becker Machbarkeitsstudie zum Forschungsvorhaben "Carsharing in der Fläche", Oldenburg/Dresden, 2001
[UBA13b] Umweltbundesamt (Hrsg.) Car-Sharing, 2013/06/24
[UBA15c] Umweltbundesamt (Hrsg.) Carsharing könnte CO2-Emissionen um sechs Millionen Tonnen senken, 2015/09/15
Weiterführende Literatur
[BAST04b] Loose, Willi , Mohr, Mario , Nobis, Claudia , et al. Bestandsaufnahme und Möglichkeiten der Weiterentwicklung von Car-Sharing, veröffentlicht in Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Ausgabe/Auflage Verkehrstechnik Heft V 114, Wirtschaftsverlag NW, Bergisch Gladbach, 2004/07, ISBN/ISSN 3-86509-144-X
[bcs08a] bcs - Bundesverband CarSharing e.V. CarSharing in Deutschland verzeichnet wiederum ein erfreuliches Wachstum der Nutzungszahlen, Hannover, 2008/03/05
[FHGel04] Schweig, Karl-Heinz, Keuchel, Stephan, Kleine-Wiskott, Roland, Hermes, Rolf, van Acken, Clemens Car-Sharing in kleinen und mittleren Gemeinden, Recklinghausen, 2004/01
[bcs10] o.A. Der bcs stellt sich vor
[Wilk02] Wilke, Georg Professionalisiertes Car-Sharing im Dilemma Ökologie/Ökonomie, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage 54, 2002/12
Glossar
Personenkilometer
Die Einheit Personenkilometer [Pkm] beschreibt die im Rahmen einer Personenbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Verkehrsmenge (Summe der beförderten Personen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km.
Verkehrsarbeit [Pkm] = Verkehrsmenge [P] * Wegstrecke [km]
ÖV
Der Öffentliche Verkehr (ÖV) ist sowohl im Personen-, Güter- sowie Nachrichtenverkehr für jeden Nutzer der Volkswirtschaft öffentlich zugänglich. Dazu zählen die öffentliche Personenbeförderung, der öffentliche Gütertransport als auch öffentliche Telekommunikations- und Postdienste. Der ÖV wird dabei von Verkehrsunternehmen, nach festgelegten Routen, Preisen und Zeiten durchgeführt. Der ÖV ist somit im Gegensatz zum Individualverkehr (IV) örtlich und zeitlich gebunden.
Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten "Multimodalität" wird der ÖV zunehmend breiter definiert, indem auch "Alternative Bedienformen", Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖV gesehen werden.
App
Ist eine Abkürzung für den Fachbegriff Applikation (App) und bezeichnet eine Anwendungssoftware, die für mobile Endgeräte, wie Smartphone oder Tablet-PC entwickelt wurde. Apps können als Zusatzsoftware auf mobilen Endgeräten installiert werden und erweitern dadurch deren Funktionsumfang. Je nach Betriebssystem kann der Nutzer auf eine Vielzahl von mobilen Applikationen auf dem vom Betriebssystem bereitgestellten Marktplatz kostenpflichtig oder kostenlos zugreifen.
Umweltverbund Unter dem Begriff Umweltverbund wird die Kooperation der umweltfreundlichen Verkehrsmittel verstanden. Hierzu zählen der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV - Bahn+Bus), Fahrrad und zu Fuß gehen. Carsharing eignet sich als ÖPNV-ergänzendes Verkehrsmittel und ist ein wichtiger Baustein des Umweltverbundes (4. Säule des Umwelt-/Mobilitätsverbundes). In neueren Publikationen (ab etwa 2010) wird zunehmend vom Mobilitätsverbund gesprochen.
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
CO2
Kohlenstoffdioxid. Ein Gas, welches zu ca 0,4% in der Erdatmosphäre vorkommt, bildet den Grundstock für pflanzliches Leben und pflanzliche Biomasse. Es entsteht z.B. bei der Verbrennung (Oxidation) von Kohlenstoff mit Sauerstoff. Durch seine Wirkung als Treibhausgas und der massiven Freisetzung bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit der wichtigste Auslöser des Klimawandels.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?73757

Gedruckt am Montag, 24. Februar 2020 07:05:44