Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Betriebssicherheit in Seehäfen

Erstellt am: 18.01.2023 | Stand des Wissens: 25.01.2023
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn

Im Seehafen werden Güter in großen Mengen bewegt. Voll beladene 20-Fuß- oder 40-Fuß-Standardcontainer wiegen beladen bis zu 30,48 Tonnen. Ebenso wird Saug-, Schütt- und Greifgut im Hafen in Massen umgeschlagen. Dies führt dazu, dass Arbeitskräfte im Hafenbereich besonderen Risiken ausgesetzt sind. So können sie zum Beispiel von einem sich bewegenden oder fallenden Objekt getroffen werden oder beim Führen eines Fahrzeugs oder Umschlaggeräts in einen Unfall verwickelt werden [PSkSa15].
Schiffsunfaelle.pngAbbildung 1: Schiffsunfälle mit Totalverlust zwischen 2012 und  2021 (Eigene Darstellung nach [Alli22])

Tabelle 4 zeigt Schiffsunfälle mit Totalverlust zwischen 2012 und 2021 weltweit, wobei nur Schiffe mit einer Bruttoraumzahl von über 100 berücksichtigt worden sind. In diesen Fällen ist das Leben der Crew potenziell in großer Gefahr. Aber auch im Arbeitsalltag kommt es zu zum Teil kritischen Arbeitsunfällen. Besonders häufig passieren Unfälle dabei auf dem Schiff (22 Prozent), an der Kaikante (24 Prozent) und bei der Bedienung der Umschlaggeräte (16 Prozent), wobei die Art der Unfälle auch die in anderen Branchen üblichen Unfallursachen umfasst: ausrutschen, stürzen und sich an stationären Objekten stoßen [PSkSa15]. Besonders tragisch sind in diesem Kontext die Todesfälle, aber auch die negativen gesundheitlichen Auswirkungen sowie die krankheitsbedingten Fehltage sollten Ansporn genug sein, den Alltag für alle Arbeitskräfte in Seehäfen und auf Schiffen sicherer zu gestalten.
Neben dem Warenumschlag hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass Feuer eine immer bedeutendere Gefahrenquelle darstellen. Mit besonderer Deutlichkeit hat sich dies am 4. August 2020 in der libanesischen Hauptstadt Beirut gezeigt, als im Hafen 2750 Tonnen fehlerhaft gelagertes Ammoniumnitrat explodierte und Teile der Stadt zerstörte [DeWe21]. Eine kleinere Explosion hat sich 2021 im Hafen Jebel Ali in Dubai ereignet, nachdem auf einem Schiff ein Feuer ausbrach [HaB21]. Dies zeigt, dass die Betriebssicherheit im Hafen direkt mit der Betriebssicherheit auf den Schiffen zusammenhängt. Das Containerschiff X-Press Pearl hat von Ende Mai bis Anfang Juni 2021 vor der Küste Sri Lankas gebrannt, nachdem ein geladener Containertank mit Salpetersäure mehrere Tage lang geleckt und dies zu einem Feuer geführt hat [DeWe21a]. Das Schiff ist kurz davor gewesen, in den Hafen von Colombo einzulaufen und hätte dort größere Schäden angerichtet. Leider handelt es sich bei den aufgezählten Fällen nicht um Einzelfälle. Zwischen 2012 und 2021 haben 892 Schiffe, die eine Bruttoraumzahl von über 100 haben, Totalverlust erlitten [Alli22]. Dabei sind Feuer und Explosion mit 120 registrierten Fällen häufiger Ursache für einen Totalverlust als zum Beispiel Kollisionen und Rumpfschäden zusammen (29 bzw. 31 Fälle) [Alli22]. Dies zeigt, dass die Umsetzung von Sicherheitsvorschriften zur korrekten Ladung und Lagerung von Gefahrgut wichtiger denn je ist.
Neben den auf menschliche oder technische Fehler zurückführbaren Unfällen spielt bei der Sicherheitsbetrachtung von Seehäfen auch Terrorismus eine Rolle. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stand die Befürchtung im Raum, dass ein Schiff, ähnlich wie zuvor die Flugzeuge, in die Gewalt von Terroristen gelangen könnte und als Mittel für einen Terroranschlag genutzt werden könnte. Deswegen wurde der International Ship and Port Facility Security (ISPS) Code entworfen, um Unbefugten den Zutritt zum Hafenbereich und somit zu den Schiffen zu erschweren [IMO03]. Hierzu gehörten unter anderem bauliche Maßnahmen zur besseren Abschirmung des Hafenbereichs ebenso wie überarbeitete Prozesse zur Identifikation von Mitarbeitenden und Besuchenden. Ein weiterer Baustein ist die Überprüfung der Seefrachtcontainer, die in die USA geliefert werden die anfänglich avisierte Durchleuchtung ausnahmslos aller Seefrachtcontainer hat sich aber als praktisch unmöglich erwiesen [EUC10].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Funktionen und Zukunftsperspektiven von Seehäfen im Kontext maritimer Lieferketten (Stand des Wissens: 18.01.2023)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?50780
Literatur
[Alli22] Allianz Global Corporate & Specialty SE (Hrsg.) Safety and Shipping Review 2022, 2022/05
[DeWe21] Deutsche Welle (Hrsg.) Explosion in Beirut: Was wir wissen und was nicht , 2021
[DeWe21a] Deutsche Welle (Hrsg.) Chemiekalien-Containerschiff "X-Press Pearl" vor Sri Lanka gesunken. , 2021
[EUC10] EUROPEAN COMMISSION (Hrsg.) COMMISSION STAFF WORKING DOCUMENT. Secure trade and 100% container scanning of containers. , 2010
[HaB21] Täglicher Hafenbericht (Hrsg.) Explosion erschüttert Jebel Ali. , 2021
[IMO03] INTERNATIONAL MARITIME ORGANIZATION (Hrsg.) Code of practice on security in ports. Tripartite Meeting of Experts on Security, Safety and Health in Ports (MESSHP/2003/14). , 2003
[PSkSa15] Port Skills and Safety (Hrsg.) Port Industry Accident Statistics. Full data analysis, 2015

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?564727

Gedruckt am Samstag, 13. April 2024 08:34:19