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Neue Mobilitätskonzepte durch automatisiertes Fahren

Erstellt am: 13.08.2019 | Stand des Wissens: 29.08.2019
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch

Durch das Vorantreiben automatisierter und vernetzter Fahrmöglichkeiten ergeben sich bisher ungenutzte Mobilitätskonzepte. Bei diesen handelt es sich insbesondere um die Ausweitung diverser Sharing-Konzepte und die steigende Intermodalität basierend auf einer erhöhten Flexibilisierung und Individualisierung des (öffentlichen) Personenverkehrs, sowie um die Erschließung bisher ausgeschlossener Nutzergruppen.
 
Ein automatisierter und vernetzter öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) bietet die Möglichkeit, Mobilität zu flexibleren und individuelleren sowie günstigeren Konditionen anzubieten. Durch den Wegfall standardisierter und fixer Fahrpläne sowie der Verzicht auf einen Fahrer des Fahrzeugs können sowohl Zeit als auch Kosten gespart werden, was wiederum zu einer gesteigerten Attraktivität des ÖPNV führt. Zudem können bei einer verstärkt individuellen Kundenausrichtung nachfrageschwächere Ortsteile, für die sich eine allgemeine Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz bisher nicht lohnte, besser bedient werden [MKS18, S. 89]. Schlussendlich steigt die Intermodalität zwischen verschiedenen Verkehrsträgern durch die besseren Koordinationsmöglichkeiten: wird ein autonomes Car-Sharing-Angebot für die Fahrt zur nächsten Bahnstation genutzt, spart man sich die Parkplatzsuche und Parkgebühren. Dasselbe gilt für Fahrzeuge im Privatbesitz, die wieder zurück in die Garage geschickt werden können. Dadurch wird der Umstieg auf die Bahn weniger aufwendig und somit attraktiver wahrgenommen [MGLW15, S. 189ff.].
Abb. 1: Übersicht über neue Mobilitätskonzepte durch automatisiertes FahrenAbb. 1: Übersicht über neue Mobilitätskonzepte durch automatisiertes Fahren. Eigene Darstellung basierend auf [MKS18, MGLW15] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Die verbesserte Koordination durch stärkere Vernetzung von Fahrzeugen untereinander und mit zentralen Verkehrsstellen (Car-to-X Kommunikation) ermöglicht eine Ausweitung und bessere Abstimmung des Angebots von Sharing-Konzepten. Da kein Fahrer mehr für die Bedienung des Fahrzeugs notwendig ist, können sowohl gewerbliche als auch private Fahrzeuge umfassender für Einzel- oder Gruppenfahrten genutzt werden. Dieses Konzept wird unter dem Begriff "shared autonomous vehicles" (geteilte autonome Fahrzeuge) in verschiedenen Studien untersucht und dabei meist mit dem Begriff "fahrerlose Taxis" erläutert [MKS18, S. 64f.]. Hierbei sind zwei verschiedene Formen des Sharing (Teilen) möglich: beim Car-Sharing nutzen verschiedene Passagiere das Fahrzeug nacheinander, während beim Ride-Sharing mehrere Personen dasselbe Fahrzeug gleichzeitig nutzen [MKS18, S. 86].

Des Weiteren ermöglicht die Einführung autonom fahrender Fahrzeuge verschiedenen, bisher vom Verkehr ausgeschlossenen Gruppen den Zugang zu individueller Mobilität. Diese neuen Nutzergruppen ohne Fahrerlaubnis umfassen unter anderem Menschen mit Behinderung, Senioren und Kinder. Ebenso erweitert sich der Nutzerkreis um diejenigen Personen, die zwar über eine Fahrerlaubnis verfügen, jedoch in bestimmten Situationen nicht selbst fahren können. Dies trifft unter anderem auf Fahrten bei schlechter Witterung und eingeschränkter Sicht zu, sowie auf Fahrten unter dem Einfluss von Medikamenten oder anderen aufmerksamkeitsbeeinträchtigenden Substanzen [emobil15a, S.22].
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Verkehrs- und Umweltwirkungen des automatisierten und vernetzten Fahrens im Straßenverkehr (Stand des Wissens: 15.08.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?503150
Literatur
[emobil15a] e?mobil BW GmbH - Landesagentur für Elektromobilität und Brennstoffzellentechnologie (Hrsg.) Automatisiert. Vernetzt. Elektrisch: Potenziale innovativer Mobilitätslösungen für Baden-Württemberg, 2015/10
[MGLW15] Maurer, Markus, Gerdes, J. Christian, Lenz, Barbara, Winner, Hermann (Hrsg.) Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte, Springer Vieweg, E-Book , 2015, ISBN/ISSN 978-3-662-45854-9
[MKS18] Michael Krail, Jens Hellekes Energie- und Treibhausgaswirkungen des automatisierten und vernetzten Fahrens im Straßenverkehr, 2019/01/08
Glossar
Car-to-X zusammenfassender Begriff für Technologien, die Fahrzeug-zu-Fahrzeug- (Car-to-Car) und Fahrzeug-zu-Infrastruktur-Kommunikation (Car-to-Infrastructure) ermöglichen.
Carsharing
Der Begriff CarSharing stammt aus dem Englischen (car= Auto, to share= teilen) und kann sinngemäß mit der Bedeutung "Auto teilen" übersetzt werden. Er beschreibt die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Kraftfahrzeugen, die meist von Unternehmen gegen Gebühr bereitgestellt werden.
Durch einen Rahmenvertrag oder eine Vereinsmitgliedschaft erhalten Kunden flexiblen Zugriff auf alle Kfz eines Anbieters. Die Fahrzeuge können über eine Webseite oder über eine Smartphone-App gebucht werden. Geöffnet werden sie in der Regel mit Hilfe von Chipkarten oder durch einen über die Smartphone-App vermittelten Zugangscode .
Bei dem System des stationsbasierten CarSharing stehen die Fahrzeuge auf reservierten Stellplätzen und werden nach der Nutzung auch wieder dorthin zurückgebracht. Ein anderes Modell ist das free-floating CarSharing. Hier stehen die Fahrzeuge in einem definierten Operationsgebiert verteilt. Sie können per Smartphone geortet werden und nach der Nutzung auf einem beliebigen Stellplatz innerhalb des Operationsgebiets zurückgegeben werden.
Öffentlicher Personennahverkehr
Der öffentliche Personennahverkehr ist juristisch im Personenbeförderungsgesetz (PBefG) definiert. Laut Paragraf 8, Absatz 1 und 2 umfasst der ÖPNV "die allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Straßenbahnen, Obussen und Kraftfahrzeugen im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen". Taxen oder Mietwagen können dieses Angebot ersetzten, ergänzen oder verdichten.
Der Begriff ÖPNV bezieht sich in der Regel auf Strecken mit einer gesamten Reiseweite von weniger als 50 Kilometern oder einer gesamten Reisezeit von weniger als einer Stunde. Das in einer Stadt oder Region erforderliche Nahverkehrsangebot und dessen Eignung hinsichtlich Nachhaltigkeit und Klimaschutz wird in einem Nahverkehrsplan definiert und festgehalten.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?503022

Gedruckt am Mittwoch, 5. Oktober 2022 08:00:05