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Wirtschaftlichkeit für Carsharing-Betreiber

Erstellt am: 09.11.2018 | Stand des Wissens: 09.11.2018
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Neben der Wirtschaftlichkeit für den Carsharing-Nutzer sind im Carsharing-Markt auch die wirtschaftlichen Interessen der Betreiber von Bedeutung.

Lange Zeit existierte in Deutschland das Carsharing nur auf ehrenamtlicher Basis. Heutzutage beschäftigen nur noch wenige ehrenamtlich engagierte Carsharing-Vereine ehrenamtliche Mitarbeiter und Mini-Jobber, wie die Vaterstettener Autoteiler e.V. In kleineren Städten und Dörfern kann vorrangig durch ehrenamtliche Einsatzbereitschaft ein sonst nicht finanzierbares Carsharing-Angebot ermöglicht werden. Durch die ehrenamtliche Arbeit sinken die Kosten für die Flotte und das Personal. Aufgrund der engeren nachbarschaftlichen Beziehungen im Dorf wird zudem ein gewisses Gemeinschaftsgefühl gefördert [BMVI16w].
Ab einer bestimmten Flottengröße ist ein Carsharing-Angebot auf rein ehrenamtlicher Basis allerdings nicht mehr leistbar. Um im Carsharing-Geschäft wirtschaftlichen Erfolg zu haben, müssen die Betreiber folgende Faktoren umsetzen:
  • Optimierung der Flottenauslastung (bei gleichzeitig ausreichender Verfügbarkeit der Fahrzeuge) und Optimierung der Preisstruktur zur Deckung der Kosten
  • Verknüpfung mit ÖV-Angeboten (auch Nähe zum ÖV)
  • Synergien mit anderen Anbietern
Für eine optimale Auslastung sollte die Flotte eines Carsharing-Anbieters flexibel an die Nachfrage angepasst werden. Nachfrageschwankungen treten auch bedingt durch die Jahreszeiten auf. Im Winter wird aufgrund der geringen Carsharing-Nutzung die Flotte reduziert. In den wärmeren Monaten wird die Flotte dann wieder aufgestockt [Rid18].
Die Anbieter des Carsharings und des ÖV können mittels eines Mobilitätspakets mit kombinierten Carsharing-/ ÖV-Angeboten neue Kundengruppen gewinnen, die sonst die andere Mobilitätsdienstleistung nicht nutzen würden [Rid18]. Die Kundenbindung wird durch Sondertarife beider Anbieterseiten erhöht. Vor allem durch zielgruppenspezifische Angebote können weitere Kunden für das Carsharing gewonnen werden, wie zum Beispiel durch einen Studierenden-Tarif beim Carsharing Anbieter stadtmobil. Bei der Registrierung beim Carsharing-Unternehmen Flinkster profitieren zum Beispiel alle Bahncard-Kunden. Es fällt unter anderem keine Registrierungsgebühr an [DBAG18e]. Durch personalisierte Werbekampagnen und Medien werden weitere Kundengruppen angesprochen. Etliche Betreiber von Hotels oder Freizeitaktivitäten nutzen diese Chance und kooperieren mit dem Carsharing-Anbieter [ZEIT15c].

Die Free-Floating-Carsharing-Anbieter Car2go und DriveNow wollen durch eine geplante Fusion gegenseitige Synergien nutzen. Etliche Faktoren sprechen für einen Zusammenschluss [wiwo18a]: Bei Mobilitätsdiensten ist eine sehr hohe Kundenanzahl erforderlich, um profitabel arbeiten zu können. Car2go und DriveNow können auf insgesamt etwa 40 Millionen Kunden allein in Europa verweisen und werden durch den Zusammenschluss weitere Nutzergruppen erschließen [ZEIT18].

Im Hinblick auf die Angebotsentwicklung bis zum Prognosejahr 2025 werden die Free-Floating-Anbieter und die stationsbasierten Anbieter folgende Strategien versuchen umzusetzen:
Um die Nachfrage und Wirtschaftlichkeit zu steigern, benötigen die Anbieter des Free-Floatings eine hohe Kundenanzahl. Daher werden Free-Floating-Betreiber nur in Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern Free-Floating anbieten. Die Angebotsdichte soll in den bereits bestehenden Städten weiterhin erhöht werden.
Die stationsbasierten Anbieter wollen hingegen in alle Bereiche expandieren. In den Großstädten wird das Angebot analog zur steigenden Nachfrage ausgedehnt. In kleineren Städten werden Basisangebote geschaffen. Mit der Unterstützung von der Politik kann gerechnet werden, da eine Einführungsphase in dünner besiedelten Regionen nicht eigenwirtschaftlich erfolgen kann [ifmo16b].

Umfassende Veränderungen im Carsharing-Markt (und in der Pkw-Besitzstruktur) können bei Marktreife autonomer Fahrzeuge eintreten. Autonom fahrende Carsharing-Flotten können ein kostengünstigeres ÖV-Basisangebot als heutzutage im Sinne der Daseinsvorsorge außerhalb von Ballungsräumen schaffen. Diese Entwicklungen sind aber nicht vor dem Jahr 2025 zu erwarten [ifmo16b].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Carsharing (Stand des Wissens: 12.11.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?56435
Literatur
[BMVI16w] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Modellregionen Elektromobilität (Hrsg.) Elektromobilität im Carsharing Status Quo, Potenziale und Erfolgsfaktoren, 2016/05
[DBAG18e] Deutsche Bahn AG Konzern (Hrsg.) Flinkster Carsharing - Exklusiver Mietwagenservice der Bahn, 2018
[ifmo16b] Institut für Mobilitätsforschung (Hrsg.) Carsharing 2025 Nische oder Mainstream?, 2016
[Rid18] Herdtle, Carolin, Parzinger, Gerhard , Grausam, Michael , Müller, Ulrich, Rid, Wolfgang Carsharing in Deutschland. Potenziale und Herausforderungen, Geschäftsmodelle und Elektromobilität., Ausgabe/Auflage 1. Auflage, Wiesbaden: Springer Vieweg , 2018, ISBN/ISSN 978-3-658-15905-4
[wiwo18a] WirtschaftsWoche (Hrsg.) Wie die Fusion den Carsharing-Markt bewegen würde, 2018/01/25
[ZEIT15c] Zeit Online (Hrsg.) Gratisleihe gegen Werbung, 2015/01/18
[ZEIT18] Zeit Online (Hrsg.) Daimler und BMW legen Carsharing zusammen , 2018/03/28
Weiterführende Literatur
[bcs18d] bcs - Bundesverband CarSharing e.V., Bundesverband CarSharing e.V. (Hrsg.) Einsatz-Szenarien für autonome Fahrzeuge im CarSharing, 2018
Glossar
ÖV
Der Öffentliche Verkehr (ÖV) ist sowohl im Personen-, Güter- sowie Nachrichtenverkehr für jeden Nutzer der Volkswirtschaft öffentlich zugänglich. Dazu zählen die öffentliche Personenbeförderung, der öffentliche Gütertransport als auch öffentliche Telekommunikations- und Postdienste. Der ÖV wird dabei von Verkehrsunternehmen, nach festgelegten Routen, Preisen und Zeiten durchgeführt. Der ÖV ist somit im Gegensatz zum Individualverkehr (IV) örtlich und zeitlich gebunden.
Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten "Multimodalität" wird der ÖV zunehmend breiter definiert, indem auch "Alternative Bedienformen", Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖV gesehen werden.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?491595

Gedruckt am Montag, 27. Januar 2020 09:47:25