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Kombinationscarrier

Erstellt am: 06.02.2018 | Stand des Wissens: 11.05.2019
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch

Als Kombinations-Carrier bezeichnet man Linienfluggesellschaften, die sowohl Passagiere als auch Fracht befördern. Dies sind im Wesentlichen globale Full-Service-Network-Carrier (FSNC), die über entsprechende Linienverkehrsrechte verfügen und einen Großteil der Fracht als sogenannte "Belly-Fracht" in den Unterflurfrachträumen (lower deck) der Passagiermaschinen transportieren. Der kombinierte Transport von Passagieren und Fracht findet im Hub-and-Spoke-Netzwerk statt, wobei sich die Destinationen (Spokes) im Wesentlichen an der Nachfrage für Passagierdienste orientieren. Soweit bei Hub-Hub-Verbindungen keine hinreichenden Fracht-Kapazitäten zur Verfügung stehen oder für Destinationen mit hoher Frachtnachfrage nur geringe oder (wie bei Frachtflughäfen) gar keine Nachfrage für Passagierdienste besteht, setzen die FSNC auch reine Frachtflugzeuge ein. Zunehmend gründen die FSNC ihre Frachtaktivitäten in eigenständige Konzerngesellschaften zur Vermarktung der Frachtkapazitäten aus (zum Beispiel Lufthansa Cargo seit dem Jahr 1994, Emirates Cargo seit dem Jahr 1985).

Ökonomie der Belly-Fracht

Im Jahr 2015 beförderten Passagiermaschinen 46,7 Prozent des Luftfrachtaufkommens weltweit [IATA15a]. Das Cargo-Geschäft profitiert von der Vielzahl der Verbindung im Linienverkehr. Die Nachfrage der Personenluftfahrt erschließt viele Destinationen, für die reine Frachtflüge nicht wirtschaftlich wären. Die aus der Nachfrage im Passagierbereich resultierende Überkapazität an Frachtraum erlaubt es, dass das Kuppelprodukt Belly-Fracht mit einem Teilkostenansatz kalkuliert werden kann. Hieraus ergibt sich ein systematischer Kostenvorteil gegenüber reinen Frachtermaschinen, wenn letztere nicht voll ausgelastet werden können [ClHo04]. Die Nachteile der Belly-Fracht werden in dem Synthesebericht zu den Frachtfluggesellschaften diskutiert.
Auf Kurz- und Mittelstreckenflügen bieten allerdings die dort im Passagierverkehr genutzten Schmalrumpfflugzeuge nur geringe Frachtkapazitäten, die auch nur für kleineres Stückgut genutzt werden können, nicht für die üblichen Paletten und Luftfrachtcontainer. Daher wird der überwiegende Teil der Kurz- und Mittelstreckenbeförderung mit LKW (sogenannte "Truck-Feeder") zwischen Flughäfen befördert, die aus verkehrsrechtlichen Gründen mit Flugnummern belegt werden. Lediglich Expressprodukte und Luftpost werden auch im kontinentalen Netzwerk in Belly-Flugzeugen transportiert.

Problem von Kombinationscarriern

Die gesamte Transportkette (door-to-door) wird in der Regel von Luftfrachtspediteuren organisiert. Dabei tragen die Carrier 60 bis 80 Prozent der Investitionen, die Speditionen nur 20 bis 40 Prozent. Die Umsatzrendite der Carrier (Hauptlauf) liegt bei 3 Prozent, die der Speditionen hingegen bei 10 Prozent [VaKo07]. Daraus entsteht der Wunsch der Carrier nach einer Direktvermarktung ihrer Leistungen.

Versuche der FSNC, das Direktgeschäft mit den Verladern zu forcieren, blieben jedoch weitgehend erfolglos. Nur im Ausnahmefall gelingt es, mit Großkunden erfolgreich Aufträge für große, kontinuierliche Aufkommen an Luftfracht auf einer bestimmten Strecke zu akquirieren. Ein Beispiel in der Automobilindustrie ist der regelmäßige Transport einiger Zwischenprodukte bei dezentralen Produktionsstandorten. Bei der Vermarktung des Belly-Frachtraums bleiben die Kombinations-Carrier überwiegend auf die Vermittlung durch Luftfrachtspediteure angewiesen, die kleinere und diskontinuierliche Aufkommen für bestimmte Destinationen effektiver konsolidieren können.
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Luftfracht (Stand des Wissens: 13.05.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?479041
Literatur
[ClHo04] Brian Clancy, David Hoppin After the Strom: The MergeGlobal 2004-2008 World Air Freight Forecast, veröffentlicht in Air Cargo World, Ausgabe/Auflage 94, 2004/05
[IATA15a] International Air Transport Association (Hrsg.) World Air Transport Statistics 2015, 2015
[VaKo07] Richard Vahrenkamp, Herbert Kotzab Logistik: Management und Strategien, 2007
Glossar
Hub-and-Spoke
Hubs sind zentrale Umschlagpunkte über die Versand- und Empfangspunkte miteinander verbunden werden.
Die Empfangs- und Versanddestinationen werden auch als Speichen (Spokes) bezeichnet. Das heißt, eine Verbindungen wird nicht direkt durchgeführt, sondern über einen zentralen Knoten oder Umschlagspunkt. Es wird daher von einem Hub-and-Spoke-System oder Nabe-Speiche-System gesprochen.
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
Feederverkehr Unter „Feederverkehr” versteht man den Zubringer- bzw. Verteilverkehr, z.B. den straßenseitigen Vor- und Nachlauf im Kombinierten Verkehr Straße-Schiene. Ausgeprägte Feederverkehre finden sich in der Seeschifffahrt, in der die Hub-Häfen der interkontinentalen Verkehre über Feederlinien mit kleineren Schiffen ein größeres Einzugsgebiet erschließen
Hauptlauf Unter dem Hauptlauf ist im Kombinierten Verkehr der gebündelte Transport von Ladeeinheiten zwischen zwei Umschlagpunkten zu verstehen. Am Umschlagpunkt wechselt die Ladeeinheit das Transportmittel. Transporte vom Versender zum Umschlagpunkt oder von dort zum Empfänger werden als Vor- bzw. Nachlauf bezeichnet.
Palette Eine Palette ist ein Ladungsträger, auf dem eine größere Anzahl von Transportgütern zu gleichartigen (unifizierten) Ladungseinheiten zusammengefasst werden kann. Durch Normierung von Bauart und Größe jeweils verwendeter Paletten sowie korrespondierender Transport-, Umschlags- oder Lagersysteme lassen sich anfallende logistische Prozesse sowohl in zeitlicher als auch monetärer Hinsicht rationalisieren.
Hub Der Begriff Hub kommt vom englischen Begriff "Hub and Spoke", was im Deutschen "Nabe und Speiche" entspricht. Der Hub dient als Sammel- und Knotenpunkt für Hauptverkehrswegen für den Umschlag und die Zusammenfassung von Warenströmen in alle Richtungen, d.h. zur Warenübergabe an regionale Verteiler. Im Postwesen handelt es sich bei Hubs häufig um Paketzentren. Die Transportmittel zur weiteren Beförderung der Sendungen variieren (Schiffe, Flugzeuge, Lkw).
Transportkette
Nach DIN 30781 eine Folge von technisch und organisatorisch miteinander verknüpften Vorgängen, bei denen Personen oder Güter von einer Quelle zu einem Ziel bewegt werden, im weiteren Sinne alle Transferprozesse zwischen Quelle und Senke.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?478993

Gedruckt am Mittwoch, 1. April 2020 19:21:19