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Akteure im digital vernetzten Güterverkehr

Erstellt am: 12.01.2018 | Stand des Wissens: 05.04.2019
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Technische Universität Hamburg-Harburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Das Ziel der Logistik ist die effiziente und effektive Abwicklung von Transport, Umschlag und Lagerung von Gütern. Um dieses Ziel zu erreichen, bilden sich zunehmend Kooperationen zwischen den Partnern entlang der gesamten Wertschöpfungskette vom Lieferanten über den Produzenten über den Handel bis hin zum Endkunden. Dadurch verknüpft die Logistik unternehmensübergreifend unterschiedliche Partner aus Industrie, Handel und Dienstleistung. Somit sind aus logistischer Sicht Innovationen in der Telekommunikation sowie Techniken zur Gewinnung, Übertragung, Speicherung und Weiterverarbeitung von Informationen von besonderer Bedeutung. Eine entscheidende Rolle spielt hierbei der Ausbau der internationalen Kommunikationsnetze. Sie ermöglichen einen zeitlich wie räumlich nahezu ungehinderten Austausch von Informationen, wobei die Integration der Informationstechnik (IT) aller an der Logistikkette beteiligten Gruppen für die Planung, den Betrieb und die Steuerung einen wichtigen Baustein darstellt. Die Kooperationen und Allianzen, die aufgrund der Kommunikationsnetze auftreten, fordern jedoch ein hohes Maß an Vertrauen und können Abhängigkeiten schaffen, die von einigen Unternehmen durchaus skeptisch betrachtet werden [Zib03].

Im Rahmen der digitalen Vernetzung von Güterverkehr und Logistik spielen sowohl Hersteller aus der Automobil- und Eisenbahnindustrie als auch Logistikdienstleister, Empfänger und Versender eine wichtige Rolle. Des Weiteren nehmen Telekommunikationsunternehmen und die Digitalwirtschaft ebenso wie die Softwarebranche mehr und mehr Einfluss auf Güterverkehr und Logistik.
Die Industrie (Logistikdienstleister und Fahrzeughersteller) verspricht sich von der digitalen Vernetzung im Güterverkehr zahlreiche Vorteile. Im Vordergrund der Digitalisierung stehen der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit, die Steigerung der Effizienz sowie die Verschlankung von Prozessen. Die Kosten sollen gesenkt und CO2-Emissionen eingespart sowie Sicherheitsstandards erhöht werden. Zusätzlich wird eine Entlastung des Verkehrssystems durch die Reduzierung von Staus erwartet [Daim16].

Auch für Transportdienstleister stellt die Entwicklung der Informationstechnologie und die Digitalisierung einen wichtigen Trend dar, der für die Bündelung und Disposition von Sendungen und damit für eine effizientere Transportabwicklung von großer Bedeutung ist. Die vereinfachte, digitale und vernetzte Reise- und Einsatzplanung soll Aufwände für Buchung, Umbuchung, Disposition, Zwischenlagerung oder Stornierung einsparen. Dazu tragen aktuelle technische Entwicklungen bei, wie beispielsweise die Fahrzeugdisposition mit flexibler Buchung von Laderaum durch automatisierte Voranmeldung von Transporten. Der Empfänger erhofft sich von der digitalen Vernetzung insbesondere den Vorteil, dass durch Sendungs- und Fahrzeugverfolgungssysteme eine Erhöhung der Sicherheit auf dem Güterverkehrsmarkt gewährleistet wird. Zudem werden durch eine bessere Abstimmung von Distributions- und Transportplanung beziehungsweise von Einkauf und Beschaffungslogistik effizientere Transportlösungen erwartet [Flue16].

Insgesamt erwartet die Logistikbranche von dem Kooperations- und Netzwerkausbau ein Leistungssteigerungspotenzial sowie eine Steigerung der Markttransparenz durch eben diese intensivierte Vernetzung aller Marktakteure unter- und miteinander. Jedoch stellt die intensive Zusammenarbeit der Akteure nicht nur ein Potenzial, sondern ebenso eine Herausforderung dar, die noch nicht in der nötigen Intensität gegeben ist. Zudem treten insbesondere im mittelständischen Speditions- und Transportgewerbe noch zu häufig Insellösungen im IT-Bereich auf, die keine angemessene Kompatibilität aufweisen [Flue16].

Es gibt jedoch bereits konkrete Ansätze, um den formulierten Zielen und den Erwartungen an die digitale Vernetzung nachzugehen. Die Hersteller verfolgen hierbei unterschiedliche Strategien. Der Volkswagen Konzern hat sich beispielsweise das Ziel gesetzt, bis Ende 2017 alle Fahrzeuge der Hersteller MAN und Scania mit der notwendigen Technologie auszustatten [Pank16], was eine intelligente Vernetzung der Nutzfahrzeuge des Konzerns ermöglichen soll.
Auf der Schiene will die DB Cargo bis zum Jahr 2020 alle Fahrzeuge in Europa in Echtzeit mittels Diagnosedaten überwachen können [Pier17]. Zusätzlich sollen bis zu diesem Zeitpunkt etwa 2.000 Lokomotiven mit der "Rolling Stock Intelligence"-Software ausgestattet sein, die unter anderem Zustandsinformationen der Fahrzeuge generiert [Rand16].

Für das Erreichen dieser Zielsetzungen investieren die Hersteller: Die Automobilbranche wird bis zum Jahr 2020 etwa eine Milliarde Euro in die Digitalisierung ihrer Fahrzeuge investieren [Pank16]. Auch die DB Cargo wird etwa 200 Millionen Euro in die Informationstechnik und rund eine Milliarde Euro in Anlagegüter investieren [Obre15].

Darüber hinaus wird die Industrie in Forschungsprojekten in Zusammenarbeit mit der Wissenschaft und Politik tätig, um weitere Voraussetzungen für das Erreichen der eigenen Ziele zu schaffen. So hat die Deutsche Bahn AG im Oktober 2016 zusammen mit dem Bundesverkehrsministerium die Finanzierung von dreizehn Pilotprojekten beschlossen, bei denen das digitale Planen und Bauen ("Building Information Modeling") angewendet werden soll. Zu den Pilotprojekten gehören unter anderem Abschnitte der Rheintalbahn (Karlsruhe bis Basel), der Ausbaustrecke Emmerich bis Oberhausen, des Rhein-Ruhr-Expresses oder der Schienenanbindung der festen Fehmarnbeltquerung [DB18].

Ein weiteres, viel diskutiertes Thema in Güterverkehr und Logistik ist zudem die Nutzung der verfügbaren Daten unter dem Begriff "Big Data". Einzelne Unternehmen arbeiten bereits mit Datenauswertungsprogrammen, mit dem Ziel zum Beispiel die Vorausschau hinsichtlich kurzfristiger Transportaufträge zu verbessern, um dann die Auslastung der vorhandenen Transportgefäße zu optimieren [Roeh16]. In diesem Zusammenhang ist außerdem der Begriff der Synchromodalität von Bedeutung. Hierbei werden Logistikprozesse zunehmend integriert behandelt, sodass innerhalb des kompletten Transportnetzwerks die optimale Kombination zur richtigen Zeit ausgewählt werden kann. Diese übergreifende Betrachtungsweise über alle Transportmodi soll als eine Erweiterung des intermodalen Verkehrsmodells neue Einsparungspotenziale liefern und mehr Flexibilität garantieren [Stif13].

Der Gedanke der Synchromodalität findet teilweise bereits Anwendung und wird fortwährend weiterentwickelt. Innerhalb des europäischen Forschungsprojekts Synchro-NET entwickeln insgesamt 19 Unternehmen aus zehn europäischen Ländern eine Plattform zur synchromodalen Optimierung der Logistikprozesse [EUKo18]. Hierbei erhoffen sich die Unternehmen niedrigere Kosten, ein schnelleres Umladen und eine bessere Ressourcennutzung. Im Jahr 2019 soll die neue Lieferkette einsatzbereit sein [RiMa16].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg-Harburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Nutzen und Herausforderungen der digitalen Vernetzung in Güterverkehr und Logistik (Stand des Wissens: 05.04.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?478030
Literatur
[Daim16] Daimler AG (Hrsg.) Geschäftsbericht 2016, 2016
[DB18] Deutsche Bahn AG (Hrsg.) Digitales Bauen bei der Deutschen Bahn, 2018
[EUKo18] Europäische Kommission (Hrsg.) SYNCHRO-NET. Synchro-modal Supply Chain Eco- Net. Innovation and Networks Executive Agency, 2018
[Flue16] Flügge, B Smart Mobility. Trends, Konzepte, Best Practices für die intelligente Mobilität., 2016
[Obre15] Obrenovic, Miroslav Digitalisierung? Wir sind mittendrin!, veröffentlicht in Railway Interview DB Cargo AG, 2015
[Pank16] Pankow, Gabriel VW: Ehrgeizige Ziele bei vernetzten Lkw, 2016/06/16
[Pier17] Pieringer, Matthias Digitalisierung: Deutsche Bahn bezieht Digital Lab 'Ampulse', 2017/02/13
[Rand16] Randelhoff, Martin DB 4.0 - Die Digitalisierungsstrategie der Deutschen Bahn. Zunkunft Mobilität, 2016/03/20
[RiMa16] Rieche, Werner, Maienschein, Bernd Erleben wir die Revolution der Logistik?, 2016/11/28
[Roeh16] Röhling, Wolfgang, Burg, Robert, Bernecker, Tobias, Boysen, Jens Status quo des Güterverkehrssystems in Deutschland - eine Metastudie unter besonderer Betrachtung der Vernetzung des Verkehrs, 2016/10
[Stif13] Stifter, Kristina Neu zur transport logistic: Synchromodale Tourenplanung. , 2013/06/07
[Zib03] Zibell, Ralf Trends in der Logistik. Risikobestimmende Veränderungen im 'Transport'., 2003/05/21
Glossar
Ausbaustrecke Als Ausbaustrecken (ABS) werden im Bereich des spurgebundenen Verkehrs bestehende Netzabschnitte bezeichnet, die mittels umfangreicher Baumaßnahmen für höhere Kapazitäten und / oder Geschwindigkeiten ertüchtigt wurden. Häufig findet der Begriff im Zusammenhang mit für den Einsatz von Neigetechnikfahrzeugen angepassten Strecken Verwendung. Durch eine geeignete bauliche Auslegung des Fahrweges ermöglicht dieses System entsprechend ausgestatteten Triebwagen schnellere Gleisbogendurchfahrten, m. a. W. höhere Kurvengeschwindigkeiten.
Versender Versender (auch Verlader genannt) sind Unternehmen, die Transportleistungen und verwandte logistische Dienstleistungen für ihre Sendungen nachfragen.
CO2
Kohlenstoffdioxid. Ein Gas, welches zu ca 0,4% in der Erdatmosphäre vorkommt, bildet den Grundstock für pflanzliches Leben und pflanzliche Biomasse. Es entsteht z.B. bei der Verbrennung (Oxidation) von Kohlenstoff mit Sauerstoff. Durch seine Wirkung als Treibhausgas und der massiven Freisetzung bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit der wichtigste Auslöser des Klimawandels.
Logistikdienstleister Logistikdienstleister (abgekürzt: LDL; Englisch: logistics service provider) bezeichnet die Weiterentwicklung des traditionellen Speditionsgeschäfts. Über Transport, Umschlag und Lagerung (TUL) hinaus bietet der LDL weitere Leistungen und Lösungen an, zum Beispiel kundenbezogene Lagerung, Kommissionierung, Assemblierung, Fakturierung usw. LDL und 3PL werden häufig synonym verwendet.
Triebfahrzeug
Ein Triebfahrzeug (Tfz) ist ein einzelnes Regeleisenbahnfahrzeug mit einem eigenen Fahrzeugantrieb (Lokomotiven, Triebwagen). Eine Sonderform bilden Triebköpfe, die in einem fest gekoppelten Triebzug zusammen mit antriebslosen Mittel- und Steuerwagen betrieben werden. Lokomotiven kommen normalerweise im Verbund mit gekoppelten Reisezug- oder Güterwagen zum Einsatz. Triebwagen sowie auch Triebzüge werden als gekoppelten Einheiten gleichen Typs in sogenannten Triebwagenzügen eingesetzt. Weitere Tfz sind Kleinlokomotive und selbstfahrende Nebenfahrzeuge.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?477991

Gedruckt am Dienstag, 16. Juli 2019 20:22:43