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Sicherheit von Elektrofahrrädern

Erstellt am: 26.07.2017 | Stand des Wissens: 22.08.2017
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TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Erst seit dem 01.01.2014 werden Pedelecs deutschlandweit systematisch getrennt von konventionellen Fahrrädern bei der Unfallaufnahme erfasst [StBA16a]. Davor wurden sie wahlweise Kleinkrafträdern Mofas oder Fahrrädern zugeordnet. Pedelecs werden prinzipiell optisch und akustisch von anderen Verkehrsteilnehmern als herkömmliche Fahrräder wahrgenommen, obwohl diese mit einer höheren Durchschnittgeschwindigkeit fahren und ein höheres Beschleunigungsvermögen besitzen [ADFC09a].

Die höheren Geschwindigkeiten, insbesondere von S-Pedelecs, führen zu häufigeren Überholvorgängen anderer Fahrradfahrer [Bran11]. Nicht nur beim Pedelec-Fahrer führt im Fall eines Unfalls die erhöhte Geschwindigkeit zu hohen Verletzungsschweren vor allem im Brust-, Hals- und Kopfbereich [UDV17]. Der Vergleich der Verletzungsschwere von konventionellen Radfahrern und Pedelec-Fahrern zeigt, dass 2015 in Deutschland etwa 21 Prozent der verletzten konventionellen Radfahrer schwer verletzt wurden oder sogar in Folge des Unfalls starben. Für Pedelec-Fahrer lag der Anteil sogar bei 31 Prozent [Destatis16b].

Untersuchungen des Konfliktrisikos an Kreuzungen zeigten, dass Fahrer von Elektrofahrrädern ein riskanteres Verhalten zeigten als konventionelle Radfahrer. Auch in den Konfliktraten für unterschiedliche Konfliktkonstellationen, konnte für Elektrofahrradfahrer eine 2,5-fach höhere Konfliktrate für fremdverschuldete und eine 2-fach höhere Konfliktrate für eigenverschuldete Unfälle ermittelt werden verglichen zu konventionellen Radfahrern [Bai13].

Auch Autofahrer können von den hohen Geschwindigkeiten - besonders von älteren Radfahrern - überrascht werden, was zu kritischen Situationen insbesondere an Kreuzungen und Grundstücksausfahrten führen kann [Bran11]. Dabei wird in Abhängigkeit der eingeschätzten Geschwindigkeit der bevorrechtigten Radfahrer entschieden, ob in die Kreuzung beziehungsweise Straße eingebogen wird. Untersuchungen zeigten hierzu, dass bei gleicher gefahrener Geschwindigkeit von Elektrofahrrädern und konventionellen Fahrrädern für Elektrofahrräder kleinere (und somit knappere) zeitliche Lücken zum Einbiegen gewählt wurden. Mit einer motorischen Tretunterstützung erreichen Pedelec-Fahrer mit einer im Vergleich zum konventionellen Fahrrad geringeren Trittfrequenz eine Geschwindigkeit von 25 Kilometer pro Stunde. Obwohl beide Radfahrer gleich schnell fahren, wird der konventionelle Radfahrer aufgrund seiner höheren Trittfrequenz als schneller eingeschätzt, sodass hier im Vergleich zum Elektrofahrrad erst bei größeren zeitlichen Lücken eingebogen wird. Daher wird vermutet, dass bei der Schätzung der Geschwindigkeit die Trittfrequenz eine wichtige Rolle spielt [UDV17].

Auch der Elektrofahrrad-Nutzer selbst muss sich erst an das veränderte Fahrverhalten mit einem zusätzlichen Antrieb gewöhnen. Neben ihrem höheren Geschwindigkeits- und Beschleunigungsvermögen, zeichnen sich Elektrofahrräder auch durch ein höheres Gewicht gegenüber konventionellen Fahrrädern aus. Als Folge zeigt sich ein hoher Anteil an Alleinunfällen von Elektrofahrrädern vor allem beim Anfahren und beim Absteigen beziehungsweise Bremsen [Davidse14]. Dieser Effekt verstärkt sich, da insbesondere ältere Personen mit nachlassender Muskelkraft, Reaktionsgeschwindigkeit und nachlassendem Gleichgewichtssinn sich für den Kauf eines Elektrofahrrads entscheiden [Briss97]. Weiterhin kann es zum Beispiel in rutschigen Kurven, auf nassen Untergrund, beim Anfahren oder Bremsen zu unerwarteten Situationen und Stürzen kommen [ADFC09a].

Ein weiteres unfallbeeinflussendes Kriterium kann die Lage des Elektromotors sein. Die Gewichtsverteilung ähnelt einem konventionellen Fahrrad am meisten, wenn sich der Motor im Zentrum des Fahrradrahmens befindet, was allerdings nur im höheren Preissegment der Fall ist. Der Einbau des Elektromotors im Vorder- oder im Hinterrad weicht hingegen deutlich von der Gewichtsverteilung bei einem konventionellen Fahrrad ab [VCD09]. Bei Elektrofahrrädern werden der Rahmen und die Bremsen durch die höheren Geschwindigkeiten und Bremskräfte stärker belastet als bei einem konventionellen Fahrrad. Nachdem anfänglich einfache Fahrradkomponenten verbaut wurden, haben die Hersteller ihre verbauten Komponenten mittlerweile besser auf die geänderten Belastungen an Pedelecs angepasst [StWt14]. Jedoch werden vermehrt auch Nachrüstsets für konventionelle Fahrräder angeboten, welche jedoch nicht auf die geänderten Beanspruchungen ausgelegt sind [John13]. Zur nachhaltigen Verbesserung der Sicherheit wird weiterhin eine Anpassung der europäischen Norm und die Einführung eines Komplettfahrzeugtests für Pedelecs gefordert [ADFC09a].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Aktive Mobilität durch Elektrofahrräder (Stand des Wissens: 26.07.2017)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?355633
Literatur
[ADFC09a] ADFC-Information zu Pedelecs und E-Bikes, Bremen, 2009/12
[Bai13] Reinhold Baier, Wolfgang Schuckließ, Yvonne Jachtmann, Volker Diegmann, Anna Mahlau, Günter Gässler Radpotenziale im Stadtverkehr, veröffentlicht in Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Ausgabe/Auflage V227, 2013
[Bran11] Brandenstein, K. Crashtests zeigen hohe Unfallrisiken durch Elektrofahrräder , Berlin, 2011/04/07
[Briss97] J. Brisswalter, R. Arcelin, M. Audiffren, D. Delignieres Influence of physical exercise on simple reaction time: effect of physical fitness, veröffentlicht in Perceptual and Motor Skills, Ausgabe/Auflage 85, 1997
[Davidse14] R. J. Davidse, K. van Duijvenvoorde, M. J. Boele, M. J. A. Doumen, C. W. A. E. Duivenvoorden, W. J. R. Louwerse Crashes involving cyclists aged 50 and over: characteristics, scenarios and contributory factors, veröffentlicht in Accident Analysis & Prevention, Ausgabe/Auflage 105, 2014
[Destatis16b] Statistisches Bundesamt Kraftrad- und Fahrradunfälle im Straßenverkehr - 2015, 2016
[John13] Marilyn Johnson, Geoffrey Rose Electric bikes - cycling in the New World City: an investigation of Australian electric bicycle owners and the decision making process for purchase, veröffentlicht in Australasian Transport Research Forum 2013 Proceedings, 2013
[StBA16a] Statistisches Bundesamt Fachserie 8 Reihe 7 Verkehrsunfälle, 2015
[StWt14] Stiftung Warentest (Hrsg.) Elektrofahrräder: Am Rad gedreht, veröffentlicht in test, Ausgabe/Auflage 08/2014, 2014/08
[UDV17] Tina Gehlert Verkehrssicherheit von Elektrofahrrädern, veröffentlicht in Unfallforschung kompakt, Ausgabe/Auflage 69, 2017/05
[VCD09] Verkehrsclub Deutschland (VCD) e. V. VCD Position Pedelecs, Berlin, 2009/06
Glossar
Pedelec
Pedelec (Pedal Electric Cycle) ist ein Begriff für Elektrofahrräder, bei welchen der Fahrer vom Elektroantrieb unterstützt wird, wenn dieser in die Pedale tritt. Das Fahrrad kommt hierbei auf eine Leistung von bis zu 250 Watt, wodurch eine Geschwindigkeit von bis zu 25 Kilometer pro Stunde erreicht werden kann.
Laut § 1 Absatz 3 des Straßenverkehrsgesetztes (StVG) sind Pedelecs mit dieser Leistung einem Fahrrad rechtlich gleichgestellt.
Bei schnellen Pedelecs (S-Klasse) ist dies nicht der Fall. Diese zählen zu den Kleinkrafträdern und können bei einer maximal erlaubten Nenn-Dauerleistung von 500 Watt eine Geschwindigkeit von bis zu 45 Kilometern pro Stunde erreichen. Deshalb sind für diese eine Zulassung sowie ein Versicherungskennzeichen notwendig.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?473285

Gedruckt am Freitag, 29. Mai 2020 20:56:36