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Kombinierter Güterverkehr "Schiene-Straße"

Erstellt am: 14.05.2014 | Stand des Wissens: 27.03.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Im Kombinierten Güterverkehr (KV) "Schiene-Straße" wird zwischen unbegleitetem und begleitetem Transport unterschieden. Beim unbegleiteten Transport werden ausschließlich die intermodalen Ladeeinheiten (Container, Wechselbehälter oder kranbare Sattelanhänger) per Bahn transportiert (siehe Abbildung 1). Über 90 Prozent der europäischen KV-Transporte sind unbegleitet. Beim begleiteten Transport werden neben der Ladeeinheit auch die Zugmaschine und der Fahrer mitgeführt ("Rollende Landstraße"). Der Fahrer verbringt die Zeit während des Transports im Liegewagen und nutzt diese für gesetzlich vorgeschriebene Ruhepausen [KV14].

kombinierterverkehr-schiene.JPGAbb.1: Kombinierter Verkehr über den Hauptlauf Schiene [Walt17]
Die Wettbewerbsfähigkeit von KV-Angeboten hängt von der Fähigkeit zur Bündelung von Transportaufkommen ab. Im KV "Straße-Schiene" werden in diesem Zusammenhang zwei Arten von Produktionssystemen unterschieden [HCKC12]. Bei Blockzugsystemen werden bei hohem Ladungsaufkommen Direktzüge/Shuttlezüge im Punkt-zu-Punkt Verkehr zwischen zwei KV-Terminals eingesetzt. Eine Behandlung der Züge zwischen dem Versand- und Empfangsterminal findet nicht statt. Wenn das Ladungsaufkommen für Blockzüge nicht ausreicht, können Bündelungssysteme eingesetzt werden. Diese kombinieren das Ladungsaufkommen von mehreren Versand-Empfangs-Relationen. Hierzu zählen Produktionssysteme, die zwei Zugsysteme verbinden (Y-Shuttle) oder Linienzüge, bei denen Zuggruppen in KV-Terminals entlang einer bestimmten Strecke an- oder abgekoppelt werden. Des Weiteren werden in Gruppenzugsystemen entweder je eine terminal-spezifische Gruppe zwischen zwei Zügen oder in Drehscheibensystemen mehrere terminalspezifische Gruppen zwischen Zügen getauscht. Es besteht die Möglichkeit, nicht Züge oder Zuggruppen zu kombinieren, sondern Ladeeinheiten zwischen Zügen umzuschlagen (Gateway-System/Megahub-System). So können auch kleinere Ladungsaufkommen für den KV attraktiv werden [HCKC12].

Neben der Bündelungsfähigkeit hängt die Attraktivität des KV "Straße-Schiene" von der Transportentfernung ab. Hierbei gilt: Je größer die Transportdistanz, desto wahrscheinlicher überwiegt der Effizienzgewinn durch den Bahntransport die Kosten der zusätzlichen Umschlagvorgänge [SgkV97]. In der Literatur werden Transportentfernungen ab 300 bis 500 Kilometer als wirtschaftlich darstellbar bezeichnet [destatis09; Vren05; SgkV97]. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass ein Großteil des Straßengüterverkehrs nicht für den Kombinierten Verkehr geeignet ist, da Transporte im Nah- und Regionalbereich bis 150 Kilometer etwa 78 Prozent des gesamten deutschen Güteraufkommens im Straßenverkehr ausmachen [BMVBS13y].
Eine Prognose im Auftrag des BMVBS/BMVI geht von einem steigenden KV-Aufkommen auf der Schiene bis 2025 aus. Insgesamt soll sich das Umschlagaufkommen von circa 1,2 Millionen Ladungseinheiten auf 3,7 Millionen Ladungseinheiten in etwa verdreifachen [HCKC12]. Dabei kann der überwiegende Teil durch Transporte mit Direktzügen erfolgen, da das steigende Ladungsaufkommen auf vielen Relationen dazu führt, dass keine Bündelung zwischen Versand- und Empfangsterminal nötig ist. Umschlagterminals für Blockzüge müssen dabei keinen besonderen Anforderungen genügen, da eine Behandlung der Züge wie in Bündelungssystemen entfällt.

Gleichzeitig werden Ladungsaufkommen, die derzeit für den KV generell ungeeignet sind, bis 2025 für Bündelungssysteme attraktiv. Diese Entwicklung kann durch Gateway-Systeme/Megahub-Systeme und entsprechende Umschlaganlagen unterstützt werden, um das KV-Relationsangebot zusätzlich zu erweitern. Im Gegensatz zu KV-Terminals für Blockzugsysteme müssen diese jedoch konkrete Kriterien bezüglich Kapazität und Layout erfüllen, um Umschläge von Ladeeinheiten zwischen Zügen beziehungsweise von Zügen auf Lkw oder die Zwischenlagerung von Ladeeinheiten zu ermöglichen [HCKC12].

Letztlich hat der Verkehrsträger Schiene das prognostizierte Wachstum seiner Verkehrsleistung insbesondere den Entwicklungen des kombinierten Verkehrs zu verdanken, der seinen Anteil an der Leistung voraussichtlich bis zum Jahr 2030 auf bis zu 43 Prozent steigern wird. Somit sehen die Prognosen vor, dass sich die Schiene innerhalb des kombinierten Verkehrs noch um einiges besser entwickeln wird als das Binnenschiff. Dies liegt zum einen darin begründet, dass die Schiene im Seehafenhinterlandverkehr Marktanteile gegenüber dem Binnenschiff übernimmt und zum anderen wächst der maritime kombinierter Verkehr nicht in dem Tempo wie der Kombinierte Verkehr, der sich der Schiene bedient [ITP14a, S.89 f.].


Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Kombinierter Verkehr (Stand des Wissens: 23.10.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?430490
Literatur
[BMVBS13y] Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin Verkehr in Zahlen 2013/2014, Ausgabe/Auflage 42. Jahrgang, DVV Media Group GmbH / Hamburg, 2013, ISBN/ISSN 978-3-87154-493-4
[destatis09] o. A. Kombinierter Verkehr 2007, 2009/05/26
[HCKC12] Dr. Marian Gaidzik, Svenja Karcher, Eckhard Riebe, Rainer Mertel, Kai Petri, Victoria Präg, Klaus-Uwe Sondermann Erstellung eines Entwicklungskonzeptes KV 2025 in Deutschland als Entscheidungshilfe für die Bewilligungsbehörde, Hannover, Frankfurt am Main, 2012/11/12
[ITP14a] BVU Beratergruppe Verkehr+Umwelt GmbH, Intraplan Consult GmbH, IVV-Ingenieurgruppe für Verkehrswesen und Verfahrensentwicklung, PLANCO Consulting GmbH, Schubert, Markus, Kluth, Tobias, Nebauer, Gregor, Ratzenberger, Ralf, Kotzagiorgis, Stefanos, Butz, Bernd, Schneider, Walter, Leible, Markus Verkehrsverflechtungsprognose 2030 - Schlussbericht, 2014/06/11
[KV14] Kombiverkehr Deutsche Gesellschaft für kombinierten Güterverkehr mbH & Co. KG (Hrsg.) Varianten des KV, 2014
[SgkV97] Dr. Christoph Seidelmann Der Kombinierte Verkehr - ein Überblick, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage 49, 1997/06
[Vren05] Vrenken, H., Macharis, C., Wolters, P. Intermodal Transport in Europe, Brussels, 2005, ISBN/ISSN 9090199136
[Walt17] LKW WALTER Internationale Transportorganisation AG (Hrsg.) So funktioniert der Kombinierte Verkehr, 2017
Glossar
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
Hauptlauf Unter dem Hauptlauf ist im Kombinierten Verkehr der gebündelte Transport von Ladeeinheiten zwischen zwei Umschlagpunkten zu verstehen. Am Umschlagpunkt wechselt die Ladeeinheit das Transportmittel. Transporte vom Versender zum Umschlagpunkt oder von dort zum Empfänger werden als Vor- bzw. Nachlauf bezeichnet.
Sattelanhänger Ein motorloses Fahrzeug für den Güterverkehr, das dazu bestimmt ist, so an eine Zugmaschine angekuppelt zu werden, dass ein wesentlicher Teil seines Gewichts und seiner Ladung von diesem Kraftfahrzeug getragen wird. Eine Anpassung der Sattelanhäger für die Verwendung im Kombinierten Verkehr kann erforderlich sein. Der Begriff Sattelauflieger wird im FIS synonym verwendet.
BMVI Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (bis 10/2005 auch BMVBW und bis 12/2013 BMVBS)
Seehafenhinterlandverkehr Als Seehafenhinterlandverkehr werden im Allgemeinen der Zu- und Ablaufverkehr der Seehäfen mit den Verkehrsträgern Straße, Schiene und Binnen- bzw. Küstenschiff zu den Wirtschaftszentren im Binnenland bezeichnet.
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Blockzug Bei Blockzügen handelt sich um Züge, die aus Waggons mit für zwei oder mehr Zielorte bestimmten Sendungen bestehen. Die Waggongruppen werden an den Rangierbahnhöfen zwischen den Zügen ausgetauscht, um neue Züge mit einem einzigen Zielort zu bilden.
Rollende Landstraße
Die Rollende Landstraße (RoLa) ist ein Produkt im Bereich des Schienengüterverkehrs. Sie stellt eine spezifische Form des begleiteten Kombinierten Verkehrs dar. Dabei werden Lastkraftwagen bzw. Sattelzüge mit Hilfe der Roll-On/Roll-Off-Technik auf einen Güterzug aus durchgehenden Niederflurwagen verladen und über eine bestimmte Strecke transportiert. Die Fahrer begleiten ihre Fahrzeuge i. d. R. in einem mitgeführten Reisezugwagen. In Europa wird die RoLa z. B. für alpenquerende Verkehre angeboten. Sie kann eine betriebswirtschaftliche und/oder ökologische Alternative zum Straßengütertransport sein.
Wechselbehälter Ein für den Gütertransport bestimmter Behälter, der im Hinblick auf die Abmessungen von Straßenfahrzeugen optimiert wurde und mit Greifkanten für den Umschlag zwischen den Verkehrsmitteln - in der Regel Straße-Schiene - ausgestattet ist. Gebräuchlich sind Behälter mit Längen von 7 m (Klasse C) und 13 m (Klasse A).
Verkehrsleistung Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter, Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] bzw. Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.
Umschlagbahnhof Umschlagbahnhöfe (Ubf) dienen dem Übergang von Gütern auf oder von Schienenfahrzeugen bzw. dem Wechsel von diesen zu Transportmitteln anderer Verkehrsträger. Im letzteren Fall spricht man auch von Terminals des kombinierten Verkehrs (KV-Terminal). Diese stellen typischerweise Umschlagpunkte von Ladeeinheiten wie Container, Wechselbehälter, Wechselbrücken oder Sattelauflieger dar. Bei Ubf in Häfen und Flughäfen spricht man von "Seehafenterminals" oder "Flughafenterminals".

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?430418

Gedruckt am Sonntag, 9. August 2020 10:49:17