Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Ereigniserkennung und Notfallmaßnahmen bei Unfällen mit gefährlichen Gütern

Erstellt am: 17.02.2014 | Stand des Wissens: 06.11.2017
Ansprechpartner
Bauhaus-Universität Weimar, Professur Verkehrssystemplanung, Prof. Dr.-Ing. Plank-Wiedenbeck

Bisher wurden im Rahmen Intelligenter Verkehrssysteme bei den Ereignismeldungs- und den Notfallmaßnahmen die meisten Standardisierungsarbeiten mit direktem Bezug zum Gefahrguttransport geleistet.
Hierbei werden laut [Albr12, S. 28] Bereiche des Ereignismanagements (incident management) mit folgenden spezifischen Anwendungsfällen betrachtet:

  • Meldung von Vorfällen/Ereignissen
  • Datenzugriff an der Ereignis-/Unfallstelle
  • Ereignismanagement
  • Beschaffung von zusätzlichen Informationen
  • Verbreitung von Informationen, zum Beispiel Fahrer-/Reise-Informationen
Für die Anwendungen der Ereigniserkennung und der Notfallmaßnahmen wurden bereits vielfältige Standardisierungsarbeiten geleistet, die nachfolgend aufgelistet sind.

  • Im Anwendungsbereich des Straßenverkehrs existiert die Norm ISO 17687 "Datenwörterbuch und Nachrichtensätze für die elektronische Identifizierung und Überwachung von Gefahrgut / Gefahrguttransport" (Data dictionary and message sets for electronic identification and monitoring of hazardous materials/dangerous goods transportation) [Albr12, S. 29].
  • Im Anwendungsbereich des Schienenverkehrs wurden die eRailFreight Notfallmaßnahmen entwickelt. Die Europäische Eisenbahnagentur (ERA) schreibt die einzuhaltenden, gemeinsamen Schnittstellen und Vorgehensweisen vor, wenn Nachrichten mit Störfallinformationen oder Frachtbriefdaten auszutauschen sind. Damit wird gewährleistet, dass der Zugriff auf alle Daten immer und von jedem Beteiligten möglich ist. Auch die von europäischen Eisenbahnunternehmen und Betreibern der Infrastruktur zu implementierenden Datenbanken folgen den durch die "Telematikanwendungen für Fracht Technischen Spezifikationen für die Interoperabilität" (TAF TSI) vorgegebenen Schemata. Diese beinhalten:
    • Mitteilungen zu Infrastrukturbeschränkungen
    • Fahrzeugreferenzdaten
    • Betriebsdaten für Waggons und Intermodaleinheiten
    • Beförderungsplan für Waggons und Intermodaleinheiten
    • Referenzdaten, wie Standort-Identifikation (ID), Firmen-ID, Gefahrgüter und so weiter
In [HeBi14] und [HeRi00] wird auf die für sicherheitsrelevante Situationen gehörige Sensorik auch in Bezug auf Gefahrguttransporte eingegangen. 
  • Im Anwendungsbereich des Binnenschifffahrtsverkehrs schreibt die Kommissionsverordnung der Europäischen Union (EU) 164/2010 die Verwendung von "River Information Service" (RIS) Spezifikationen auf den Binnenwasserstraßen der Europäischen Gemeinschaft vor. Gemäß den Ausführungen in [Albr13, S. 37] unterstützt diese Spezifikation als elektronischer Nachrichtendienst den Austausch von Gefahrguttransportdaten. Hierbei muss zum Beispiel der Meldungstyp ERINOT für die Berichterstattung von gefährlicher und ungefährlicher Fracht verwendet werden, die von Binnenschiffen befördert wird. Jedoch resultiert daraus keine direkte Funktion einer Unfallmeldung.
Prinzipiell sind weitere Verbesserungen hinsichtlich einer Identifizierungsmeldung für Ereignisse und Notfälle erforderlich. Gemäß den Ausführungen von [Albr12, S. 30] ist der pan-europäische Notrufdienst emergency call (eCall) für die Ereigniserkennung und für Notfallmaßnahmen von besonderer Bedeutung. Aufgrund zusätzlich vorhandener Datenslots kann das eCall-System so modifiziert werden, dass es auch für Vorfälle mit Gefahrgütern nutzbar wäre. Erste Untersuchungen in diese Richtung sind bereits erfolgt. So wurde dafür ein "Comité Européen de Normalisation" (CEN) Work Item mit dem Titel "Intelligent transport systems - eSafety - eCall additional optional data set for heavy goods vehicles eCall" etabliert, welches im Rahmen des Projekts "Harmonised eCall European Pilot Project" (HeERO) einen eCall-Piloten auf den Weg bringen und koordinieren wird [Albr12, S. 31].
Ansprechpartner
Bauhaus-Universität Weimar, Professur Verkehrssystemplanung, Prof. Dr.-Ing. Plank-Wiedenbeck
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Gefahrguttelematik (Stand des Wissens: 11.03.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?426262
Literatur
[Albr12] Albrecht Consult GmbH (Hrsg.) Studie zur Gefahrguttelematik - Schlussbericht, 2012/02
[Albr13] Albrecht Consult GmbH (Hrsg.) Telematik-Systemarchitektur für den Einsatz des elektronischen Beförderungspapiers und zur Verbesserung des Notfallmanagements bei der Beförderung gefährlicher Güter - Schlussbericht, 2013/07
[HeBi14] Markus Hecht, Daniel Bing (Hrsg.) Telematik im Schienengüterverkehr - Chancen und Problematik des Vielfachnutzens
Auswirkungen auf die Sicherheit bei Gefahrguttransporten, veröffentlicht in Gefahrgut für die Praxis - Sonderausgabe, Bundesanzeiger Verlag www.eDrucksachen.de, 2014/09
[HeRi00] Markus Hecht, Thomas Rieckenberg, Telematik im Schienengüterverkehr
- Anwendungen bei Gefahrguttransporten -, veröffentlicht in Gefährliche Ladung, 2000/09
Glossar
eCall
eCall beinhaltet ein Notrufsignal, dass sowohl manuell als auch automatisch ausgelöst werden kann. Es sendet einen minimalen Datensatz (MSD) mit allen relevanten Informationen (u. a. den Standortdaten) an die zuständige Notrufzentrale. Diese kann einen Audiokanal zum Fahrzeug herstellen und erforderliche Notfallhilfsmaßnahmen einleiten.
CEN Comité Européen de Normalisation (CEN) ist eine der drei großen Normungsorganisationen in Europa. Sie ist verantwortlich für europäische Normen (EN) in allen technischen Bereichen außer der Elektrotechnik und der Telekommunikation.
Technical Specification for Interoperability Die Technical Specification for Interoperability (TSI) machen für Teilsysteme bzw. Teile von Teilsystemen der transeuropäischen (Hochgeschwindikgkeits-)Eisenbahnsysteme Vorgaben, um deren grundsätzliche (technische) Eignung sowie die Kompabilität untereinander zu gewährleisten. Dabei handelt es sich um eine unionsrechtliche, technische Vorschrift der Europäischen Kommission.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?425756

Gedruckt am Dienstag, 21. Mai 2019 10:33:18