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Herkömmliche Ansätze zur Analyse von Eisenbahnpersonenverkehrsangeboten

Erstellt am: 03.05.2013 | Stand des Wissens: 26.10.2018
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Der klassische Ansatz zur Beurteilung eines bestehenden Angebots im Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) in einem definierten Untersuchungsgebiet basiert auf der Methodik der Erreichbarkeitsbetrachtung. Diese Betrachtung hat ihren Ursprung in einem 1891 von Eduard Lill entwickelten sozial-physikalischen Gravitationsmodell, dem sog. Lill'schen Reisegesetz. Es besagt, vereinfacht ausgedrückt, dass die Reise- oder auch Verkehrsintensität mit der zurückzulegenden Entfernung abnimmt [Kort04]. Durch das steigende Interesse der Geographie, der Ökonomie und des Tourismus an der qualitativen Bewertung des Schienenverkehrs und dessen Infrastrukturnetzen entwickelte sich - auf Basis der Gravitationsmodelle - eine Vielzahl an Methoden zur Messung und Bewertung der Erreichbarkeit [Bung11].
    
Mit Erreichbarkeit wird im SPFV im alltagssprachlichen Gebrauch die Lagegunst bzw. Zugänglichkeit von Infrastruktureinrichtungen (zum Beispiel Fernbahnhöfen) im Hinblick auf die Befriedigung von individuellen Mobilitätsbedürfnissen verstanden [HeBo12]. Indes beschreibt der Begriff im Rahmen der Erreichbarkeitsforschung als zentrale Messgröße das Potential zur räumlichen Interaktion unter Berücksichtigung der räumlichen Verteilung von Ziel- und Quellorten bzw. -regionen [HeEv12]. Bei den heute üblichen mathematischen Erreichbarkeitsmodellen spezifizieren sogenannte Potential- und Widerstandsindikatoren mathematisch die für die Modelle relevanten Einflussfaktoren. Sie beschreiben beispielsweise das Attraktivitätspotential von Orten bzw. Reisehemmnisse wie etwa die Umsteigehäufigkeit. Konventionelle Mess- und Berechnungsmethoden berücksichtigen in der Regel lediglich einige wenige Potential- oder Widerstandsindikatoren, wie zum Beispiel das Bruttoinlandsprodukt (BIP) oder die Reisezeit. Die zusätzliche Berücksichtigung psychologischer und nutzenbasierter Entscheidungsindikatoren, wie etwa die der Preisgestaltung, führt zu den individuellen Erreichbarkeitsmodellen [HeBo12].

Die Vielschichtigkeit und Komplexität der methodischen Ansätze zur Beurteilung der Erreichbarkeit im SPFV führen im praktischen Einsatz häufig zur Anwendung der rein konventionellen Erreichbarkeitsbetrachtungen mit wenigen, oft ausschließlich auf die Reisezeit und das BIP fokussierten Indikatoren [Bung11]. Verschiedene Wissenschaftsdisziplinen setzen sich vermehrt mit diesen Anwendungsdefiziten auseinander. Im Rahmen ausdifferenzierter individueller Erreichbarkeitsmodelle können Lösungen für die neuen, erhöhten Anforderungen an die Beurteilung der Erreichbarkeits- und Angebotsqualität (zum Beispiel regionale Verteilungseffekte von Neu- und Ausbaumaßnahmen im Schienennetzen) berücksichtigt werden [HeBo12].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Regionale Erschließungsqualität des Schienenpersonenfernverkehrs (Stand des Wissens: 27.02.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?409784
Literatur
[Bung11] Bunge, Stephan Analyse und Bewertung der regionalen Erschließungsqualität im Schienenpersonenfernverkehr, veröffentlicht in Schienenverkehrsforschung an der Technischen Universität Berlin, Ausgabe/Auflage 3/2011, Eurailpress in DVV Media Group, Hamburg, 2011
[HeBo12] Hesse, Claudia, Bohne, Simon, Evangelinos, Christos Erreichbarkeitsmessung: Theoretische Konzepte und empirische Anwendungen, veröffentlicht in Diskussionsbeiträge aus dem Institut für Wirtschaft und Verkehr, Ausgabe/Auflage 3/2012, Technische Universität, Fakultät Verkehrswissenschaft "Friedrich List", Dresden, 2012
[HeEv12] Hesse, Claudia, Evangelinos, Christos, Püschel, Ronny, Gröscho, Sergej Die verkehrliche Erreichbarkeit deutscher Großstädte: Eine empirische Analyse, veröffentlicht in Zeitschrift für Verkehrswissenschaft, Ausgabe/Auflage 3/2012, Verkehrs-Verlag J. Fischer, Düsseldorf, 2012, ISBN/ISSN 0044-3670
[Kort04] Kortschak, Bernd H. Gravitationsmodelle und ihre Bedeutung in der Verkehrswissenschaft , veröffentlicht in Zeitschrift für Kanada-Studien, Ausgabe/Auflage 24/2004, 2004
Glossar
Bruttoinlandsprodukt
"Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist ein Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft in einem bestimmten Zeitraum. Es misst den Wert der im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen (Wertschöpfung), soweit diese nicht als Vorleistungen für die Produktion anderer Waren und Dienstleistungen verwendet werden." (Quelle: Statistisches Bundesamt)
Schienenpersonenfernverkehr
Der Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) ist die Beförderung von Reisenden mit Eisenbahnzügen über längere Strecken mit mehr als einer Stunde Fahrzeit oder 50 km Entfernung. Im Gegenzug zum Schienenpersonennahverkehr (SPNV) bzw. dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) wird der SPFV eigenwirtschaftlich betrieben und muss sich betriebsökonomisch selbst tragen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?409621

Gedruckt am Samstag, 20. August 2022 07:53:39