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Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsposition der Binnenschifffahrt

Erstellt am: 11.12.2012 | Stand des Wissens: 26.02.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg-Harburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Im nationalen Hafenkonzept für die See- und Binnenhäfen wird ein gemeinsamer Handlungsrahmen entwickelt, um zukünftige Herausforderungen zu bewältigen und die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. In dem aktuellen Hafenkonzept 2015, das im Januar 2016 beschlossen wurde, gibt es die folgenden sieben Handlungsfelder [BReg15]:
  • der gezielte Ausbau der hafenbezogenen Infrastruktur,
  • die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der See- und Binnenhäfen,
  • die internationale und europäische Hafenpolitik,
  • der Umwelt- und Klimaschutz,
  • die gute Ausbildung und Beschäftigung,
  • die Gewährleistung angemessener Sicherheit und Gefahrenabwehr,
  • die bessere Zusammenarbeit von Bund und Ländern in der Hafenpolitik
Diese Handlungsfelder gliedern sich in 155 Einzelmaßnahmen auf, die durch den Bund, die Länder und die Hafenwirtschaft umzusetzen sind [BMVI15l, S.5]. Als konkrete Ansatzpunkte zur Verbesserung der Wettbewerbsposition der Binnenschifffahrt können darüber hinaus unter anderem
  • die Beseitigung von Engpässen bei der Abfertigung von Binnenschiffen in den Seehäfen [Förs13a, Förs13],
  • der Abbau bürokratischer Hindernisse [NEA08],
  • die Überprüfung der Binnenschifffahrtsabgaben aus Wettbewerbssicht [BDB09, S. 8] und
  • die Förderung des Kombinierten Verkehrs zur Verlagerung von Lkw-Transporten [Förs13b]
    angesehen werden.
Zudem werden im Bundesverkehrswegeplan 2030 und im Aktionsplan Güterverkehr und Logistik weitere Ziele formuliert und Maßnahmen festgesetzt, um in das Bundeswasserstraßennetz und das Binnenschiff als Verkehrsträger des Güterverkehrs zu investieren (siehe Synthesebericht Verkehrspolitik).

Für wirtschaftliche Akteure, beispielsweise Seehafenterminalbetreiber, gewinnen die Binnenhäfen aufgrund vermehrter Engpässe in der Containerabfertigung in den Seehäfen an strategischer Bedeutung. Als Hinterland-Hub entlasten sie die Seehäfen durch die Übernahme von Sammel- und Verteilungsaufgaben [KeKa12, Binne13c]. Außerdem schaffen sie durch eine verkehrliche Bündelung die Möglichkeit, dort erweiterte logistische Leistungen, die die globale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft stärken, zu entwickeln. Solche logistischen Funktionen schließen vor allem Auslieferungslager ein, in denen Importware bearbeitet und bedarfsgerecht ausgeliefert wird oder in denen Exportware zwischengelagert, exportfähig verpackt und gebündelt in die Seehäfen geschickt wird [PLAN13a]. Diverse Binnenhäfen in Deutschland investieren verstärkt in den Ausbau ihrer Kapazitäten, um unter Verwendung intermodaler Transportkonzepte diese Rolle einzunehmen [Zapp12]. Ein positiver Nebeneffekt dieses Kapazitätsausbaus ist die Schaffung von Beschäftigungspotenzialen, die andernfalls an nicht-deutschen Standorten genutzt werden würden [PLAN13a].

Die knappen finanziellen Mittel des Bundes zur Förderung des Kombinierten Verkehrs in den Binnenhäfen sollen zukünftig in ein Kernnetz fließen, um eine zentrale Verteilerfunktion für den wachsenden Güterverkehr einzunehmen [Förs13c]. Die Projektplanungsgesellschaft PLANCO Consulting ermittelte in einem Gutachten zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Binnenhäfen 21 Standorte, die grundsätzlich Teil eines Kernnetzes werden könnten [PLAN13a]. Als besonders geeignet werden Dortmund, Duisburg, Germersheim, Köln, Krefeld, Neuss-Düsseldorf und Nürnberg identifiziert. Bis auf den letztgenannten befinden sich diese Standorte am Rhein oder dessen Nebenflüssen/Kanälen.
Auf dem Rhein findet der Großteil des Binnenschiffsverkehrs statt, die übrigen Flüsse und Kanäle verfügen meistens über eine nicht optimal ausgebaute Infrastruktur. Aufgrund unzureichender Fahrrinnentiefen oder Brückendurchfahrtshöhen ist die Ladekapazität der Binnenschiffe auf diesen Wasserstraßen geringer [Hild08, S. 107]. Erforderlich wären hier vor allem einheitliche Ausbaustandards [Hild08, S. 37]. Aufgrund der jahrelangen Unterfinanzierung der Binnenschiffsinfrastruktur wird der Bund jedoch seine finanzielle Förderung zukünftig auf Wasserstraßen konzentrieren, die durch ein hohes Verkehrsaufkommen gekennzeichnet sind [Schw11a].

Außerdem ist die Bedeutung der Binnenhäfen als logistische Knoten in Politik und Öffentlichkeit zu stärken: Sie sorgen für die Ver- und Entsorgung der Städte, sind Standorte für Industrie und Handel sowie Schnittstellen der Verkehrsträger [FlSc11a, S. 13]. Jedoch tragen sie auch zur Belastung von Mensch und Umwelt bei. Daher ist eine Erhöhung der Akzeptanz sowie der politischen Legitimation erforderlich. Dies ist durch eine Kommunikationsstrategie umsetzbar, die insbesondere die Interessenkonflikte zwischen Stadtentwicklung und Hafen entschärft [FlSc11b, S. 16].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg-Harburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Binnenschifffahrt (Stand des Wissens: 03.04.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?90920
Literatur
[BDB09] Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt Binnenschifffahrts Report, 2009/11
[Binne13c] o.V. Hinterlandterminals sind die Vorposten der Seehäfen, veröffentlicht in Binnenschifffahrt, 2013/01
[BMVI15l] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur Aktionsplan Güterverkehr und Logistik - nachhaltig und effizient in die Zukunft, 2015/12/15
[BReg15] Die Bundesregierung (Hrsg.) Nationales Hafenkonzept für
die See- und Binnenhäfen
2015, 2015
[FlSc11a] Heike Flämig (Hrg.), Nina Schulte (Hrg.) Binnen_Land: Elemente intelligenter Transportketten für die Binnenschifffahrt - Teil II des Abschlussberichtes zum Forschungsvorhaben Binnen_Land, veröffentlicht in Schriftenreihe Harburger Berichte zur Verkehrsplanung und Logistik, MV-Verlag / Hamburg, 2011, ISBN/ISSN 978-3-86991-461-9
[FlSc11b] Heike Flämig (Hrg.), Nina Schulte (Hrg.) Binnen_Land: Kommunikation in der Binnenschifffahrt - Teil III des Abschlussberichtes zum Forschungsvorhaben Binnen_Land, veröffentlicht in Schriftenreihe Harburger Berichte zur Verkehrsplanung und Logistik, MV-Verlag / Hamburg, 2011, ISBN/ISSN 978-3-86991-462-6
[Förs13] Förster, Krischan Hamburg blickt weit ins Hinterland, veröffentlicht in Binnenschifffahrt, 2013/03
[Förs13a] Förster, Krischan HHLA investiert ins Hinterland, veröffentlicht in Binnenschifffahrt, 2013/04
[Förs13b] Krischan Förster Milliarden für den Kombinierten Verkehr, veröffentlicht in Binnenschifffahrt, 2013/01
[Förs13c] Krischan Förster Förderkorsett für die Binnenhäfen?, veröffentlicht in Binnenschifffahrt, 2013/03
[Hild08] Hildebrand, Wolf-Christian Management von Transportnetzwerken im containerisierten Seehafenhinterlandverkehr - Ein Gestaltungsmodell zur Effizienzsteigerung von Transportprozessen in der Verkehrslogistik, veröffentlicht in Schriftenreihe Logistik der Technischen Universität Berlin, Ausgabe/Auflage Band 6, 2008
[KeKa12] Kerstgens, Heinrich, Kahl, Kristin Perspektiven des Kombinierten Verkehrs mit Binnenschiff, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, 2012/02
[NEA08] NEA Final Report for the "Study on Administrative and Regulatory Barriers in the field of Inland Waterway Transport" - Part A, 2008/09
[PLAN13a] PLANCO Consulting Gutachten zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit der Binnenhäfen, 2013/01
[Schw11a] Schwanen, Jens Wassestraßenkonzept schlägt Wellen, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, 2011/05
[Zapp12] Zapp, Kerstin Trimodal die Seehäfen entlasten , veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, 2012/03
Weiterführende Literatur
[HeDe11] Heinzelmann, C., Dettmann, T., Zentgraf, R. Optimierung der Befahrbarkeit von Binnenwasserstraßen am Beispiel des Rheins, veröffentlicht in Binnenschifffahrt, Ausgabe/Auflage Heft 8, Schifffahrts-Verlag Hansa / Hamburg, 2011, ISBN/ISSN ISSN 0939-1916
Glossar
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
Hinterland Das Hinterland eines Seehafen ist das landeinwärts hinter dem Hafen liegende Territorium, welches durch die Herkunfts- und Bestimmungsorte der im Hafen abzufertigen Güter und Passagiere begrenzt wird. Seine Grenzen hängen von den Hinterlandverkehrsanbindungen ab und variieren nach Gutarten, den Umschlagkapazitäten, dem Schiffstyp und der Verkehrsinfrastruktur. Das Vorland eines Seehafens ist das seewärts vor dem Hafen liegende Territorium, welches durch die überseeischen Herkunfts- und Bestimmungsorte der Güter begrenzt wird.
Bundesverkehrswegeplan Als Instrument einer mittel- bis langfristigen Investitionsrahmenplanung für den Erhalt und Ersatz bundeseigener Verkehrsinfrastruktur erfasst der Bundesverkehrswegeplan (BVWP) das zwecks zielgerichteter Ausgestaltung sowie Erweiterung von Bundesfernstraßen, Bundeswasserstraßen und Schienenwegen des Bundes erforderliche Finanzierungsvolumen. Auf Basis verkehrsträgerübergreifender Prognosen findet in diesem Zusammenhang eine Priorisierung vorgesehener Neu- und Ausbauprojekte gemäß ihrer gesamtwirtschaftlichen Bewertung sowie ökologischer und raumordnerischer Einschätzungen statt. Grundsätzlich wird infolgedessen zwischen "vordinglichem Bedarf" (VB) und "weiterem Bedarf" (WB) unterschieden. Der BVWP tritt auf Beschluss des Bundeskabinetts in Kraft und umfasst jeweils einen Zeithorizont von ca. 10 bis 15 Jahren. Seit 1973 sind bereits fünf konsekutive Verkehrswegepläne verabschiedet worden. Der letzten, dem Jahr 2003 entstammenden Fortschreibung liegt ein Planungszeitraum bis 2015 und ein Investitionsvolumen i. H. v. 150 Mrd. EUR zugrunde.
Hub Der Begriff Hub kommt vom englischen Begriff "Hub and Spoke", was im Deutschen "Nabe und Speiche" entspricht. Der Hub dient als Sammel- und Knotenpunkt für Hauptverkehrswegen für den Umschlag und die Zusammenfassung von Warenströmen in alle Richtungen, d.h. zur Warenübergabe an regionale Verteiler. Im Postwesen handelt es sich bei Hubs häufig um Paketzentren. Die Transportmittel zur weiteren Beförderung der Sendungen variieren (Schiffe, Flugzeuge, Lkw).
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Verkehrsaufkommen Das Verkehrsaufkommen beschreibt die Anzahl der zurückgelegten Wege, beförderten Personen oder Güter pro Zeiteinheit. Im Unterschied dazu bezieht sich das spezifische Verkehrsaufkommen auf zurückgelegte Wege und beschreibt die mittlere Anzahl der Ortsveränderungen pro Person und Zeiteinheit.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?403609

Gedruckt am Dienstag, 16. Juli 2019 20:45:27