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Flächenbedarf und Trennwirkung durch Güterverkehr

Erstellt am: 08.04.2003 | Stand des Wissens: 27.08.2018
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg-Harburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Flächeninanspruchnahme und Landschaftszerschneidung durch Siedlung und Verkehr belasten die Umwelt und beeinträchtigen die Funktions- und Leistungsfähigkeit der Ökosysteme sowie das Landschaftsbild. Ein engmaschiges Netz aus Straßen, Eisenbahntrassen und Kanälen zerschneidet die Landschaft in viele kleine Parzellen.

Im Jahr 2016 erstellte ein internationales Forscherteam eine globale Studie zu straßenlosen Räumen. Die erstellte Karte zeigt, dass Straßen die Erdoberfläche in mehr als 600.000 Fragmente zerteilen. Mehr als die Hälfte davon sind kleiner als ein Quadratkilometer und nur sieben Prozent der wegfreien Areale haben demnach eine Größe von mehr als 100 Quadratkilometern. Nach Angaben des deutschen Bundesamtes für Naturschutz machen sogenannte unzerschnittene, verkehrsarme Räume (UZVR) mit einer Mindestgröße von 100 Quadratkilometern in Deutschland rund 23 Prozent der Gesamtfläche aus [BfN16]. Die größten UZVR weltweit liegen in der arktischen Tundra und in einigen tropischen Gebieten Afrikas, Südamerikas und Südostasiens [Köhl16].

Die Ausdehnung der Siedlungsbereiche in die Fläche erzeugt zusätzlichen Verkehr, der wiederum eine weitere Versiegelung und Überbauung von Böden für neue oder erweiterte Verkehrsinfrastruktur nach sich zieht. Die prognostizierten Wachstumsraten für den Güterfernverkehr verstärken zusätzlich den Druck, die Infrastruktur zu erweitern und auszubauen [UBA09]. Wie Abbildung 1 zeigt, ist die tägliche Zunahme von Siedlungs- und Verkehrsflächen insgesamt rückläufig. Dies wird jedoch insbesondere durch ein niedrigeres Wachstum von Wohn- und Gewerbeflächen bedingt. Die reinen Verkehrsflächen haben einen Anteil von 35,4 Prozent an den Siedlungs- und Verkehrsflächen und wachsen momentan um etwa 15,6 ha/Tag. Auch hier ist, speziell in den letzten zehn Jahren, ein Rückgang des Wachstums ersichtlich. Im Zeitraum von 2004 bis 2007 gab es so zum Beispiel noch ein Verkehrsflächenwachstum von 24,5 ha/Tag. Im Jahr 2016 wurden von der Bodenfläche Deutschlands 13,8 Prozent von der Siedlungs- und Verkehrsfläche und 5 Prozent (357.409 km²) alleinig für Verkehrszwecke in Anspruch genommen [Destatis16a].
siedlungs_verkehrsflaeche18.pngAbb.1: Anstieg der Siedlungs- und Verkehrsfläche in Ha pro Tag [bmu18]
Die zunehmende Flächennutzung für Verkehrswege hat viele negative Auswirkungen auf die Umwelt. Neben dem direkten Verlust der vorher meist landwirtschaftlich genutzten Böden, fallen hierbei insbesondere der höhere Kraftstoffverbrauch und Ausstoß an Schadstoffen durch mehr Verkehr sowie mehr Lärm und die Zerschneidung und Verinselung der Lebensräume für die wildlebende Flora und Fauna ins Gewicht [UBA18c].
Das Baugesetzbuch fordert im Allgemeinen einen Ausgleich für die durch Baumaßnahmen bewirkten Beeinträchtigungen von Natur und Landschaft. Es ist allerdings kein Ausgleich im Verhältnis 1:1 erforderlich, vielmehr ist Naturschutz einer der vielen in der Planung abzuwägenden Belange [BauGB, §1 Abs.7]. Hierbei entsteht häufig ein Konflikt hinsichtlich möglicher Kompensationsflächen, die auch für die landwirtschaftliche Produktion genutzt werden könnten [dBv16]. So besagt §15 Abs.3 des Bundesnaturschutzgesetzes, dass Agrarflächen nur aus besonderen Gründen für einen Ausgleich in Anspruch genommen werden dürfen.

Ein wichtiges Handlungsziel in der vom Bundesumweltamt (UBA) entwickelten Strategie für einen nachhaltigen Güterverkehr besteht daher in der Minderung der Flächeninanspruchnahme durch Siedlung und Verkehr. Mit geeigneten Maßnahmen und Instrumenten (wie zum Beispiel Entsiegelungsmaßnahmen, Flächenrecycling, der Veränderung ökonomischer Rahmenbedingungen des Wohnungsmarktes und die bessere Nutzung von Kapazitäten des bestehenden Schienen- und Binnenwasserstraßennetzes) soll die in den letzten zehn Jahren durchschnittlich für Siedlung, Gewerbe und Verkehr neu in Anspruch genommene Fläche von 120 ha/Tag auf 30 ha/Tag im Jahr 2020 reduziert werden. Im Klimaschutzplan vom November 2016 formuliert die Bundesregierung darüber hinaus das Ziel, bis 2050 den Übergang zur Flächenkreislaufwirtschaft (Netto-Null-Ziel) zu schaffen, was der Ressourcenstrategie der Europäischen Union entspricht [Umw03, UBA08a, bmu18]. Die Kommission Bodenschutz beim Umweltbundesamt (KBU) hat im Rahmen des Positionspapiers "Flächenverbrauch einschränken - jetzt handeln" einen Vorschlag unterbreitet, wie das "30-Hektar-Ziel" der Bundesregierung auf die Bundesländer verteilt werden könnte. Inzwischen haben sich fünf Bundesländer für das Jahr 2020 quantitative Ziele gesetzt, die zum "30-Hektar-Ziel" beitragen. Um überprüfen zu können, ob sich die tatsächliche Entwicklung in Richtung "30-Hektar-Ziel" bewegt, hat das UBA für das Jahr 2010 ein Zwischenziel von 80 Hektar und für das Jahr 2015 ein Zwischenziel von 55 Hektar pro Tag gesetzt. Das UBA-Ziel für das Jahr 2010 wurde bereits im Jahr 2009 unterschritten, jedoch liegt der gleitende Vierjahresdurchschnitt seit 2004 über den Zielwerten der Nachhaltigkeitsstrategie [Uba16a]. Somit ist Deutschland trotz der tendenziellen Verlangsamung bei der Flächeninanspruchnahme für Siedlungen und Verkehr bislang noch weit von der Erreichung des 30-Hektar-Ziels entfernt.
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg-Harburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Literatur
[BfN16] Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.) Unzerschnittene Verkehrsarme Räume größer als 100 Quadratkilometer in Deutschland, 2016
[bmu18] Bundesministerium für Umwelt. Naturschutz und nukleare Sicherheit (Hrsg.) Flächenverbrauch - Worum geht es?, 2018
[BMVI17w] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Flächenverbrauch - Worum geht es?, 2017
[dBv16] Deutscher Bauernverband (Hrsg.) Situatonsbericht 2016/17 - Flächennutzung und Biodiversität, 2016
[Destatis16a] Statistsiches Bundesamt (Hrsg.) Bodenfläche nach Art der tatsächlichen Nutzung, 2016/11/18
[Köhl16] Köhle, Johanna Zerrissene Welt: Straßen zerstückeln fast gesamte Erde, 2016/12/16
[UBA08a] Umweltbundesamt Zunahme der Siedlungs- und Verkehrsflächen vom Jahr 1993 bis zum Jahr 2008, Ausgabe/Auflage Stand: 20.01.2010, 2008
[UBA09] Umweltbundesamt Strategie für einen nachhaltigen Güterverkehr, 2009
[Uba16a] Umweltbundessamt (Hrsg.) Flächensparen
Böden und Landschaften erhalten, 2016/01/27
[UBA18c] Umweltbundesamt (Hrsg.) Struktur der Flächennutzung, 2018/04/25
[Umw03] Penn-Bressel, Getrude Reduzierung der Flächeninanspruchnahme durch Siedlung und Verkehr (Materialband), 2003
Weiterführende Literatur
[BMVI17d] K. Albrecht, A. Schleicher, M. Liesenjohann, B. Gharadjedaghi & S. Schenk Analyse biodiversitätsfördernder Maßnahmen im Verkehr , 2017/03
[FGSV11] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. Empfehlungen zur Straßenraumgestaltung innerhalb bebauter Gebiete (ESG), FGSV Verlag / Köln, 2011, ISBN/ISSN 978-3-941790-76-6
[RASt06] Baier, Reinhold, et al. Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen - RASt 06, Ausgabe/Auflage 2006, Köln, 2007, ISBN/ISSN 978-3-939715-21-4
[BauGB] Baugesetzbuch (BauGB)
Glossar
UBA Umweltbundesamt

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?39802

Gedruckt am Mittwoch, 24. Oktober 2018 01:34:28