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Sensorische, kognitive und motorische Veränderungen im Alter

Erstellt am: 13.08.2012 | Stand des Wissens: 01.03.2019
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Die mit zunehmendem Alter einhergehenden Veränderungen, welche die Mobilität und das Mobilitätsverhalten beeinflussen, betreffen v. a. die Sensorik, die kognitive Leistungsfähigkeit und die Motorik. Durch Anpassungsprozesse - sogenannte Kompensationsstrategien - können etwaige körperliche Defizite (in unterschiedlichem Umfang) ausgeglichen werden.


Sensorik

Höchste Bedeutung kommt zunächst dem im Alter regelmäßig nachlassenden Sehvermögen zu. [Co08] beschreibt die visuelle Wahrnehmung als essenzielle Voraussetzung einer sicheren Fortbewegung, sei es als Fußgänger, Zweirad- oder Autofahrer. Deren Abbau setzt allerdings für verschiedene Sehleistungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein. Bereits relativ früh setzten folgende Verschlechterungen ein:
  • Sehen bei Dämmerung und Dunkelheit,
  • Sehen bewegter Objekte (dynamische Sehschärfe),
  • peripheres Sehen sowie der
  • Akkommodationsbreite und -geschwindigkeit (nah/fern),
  • Adaptationsfähigkeit des Auges (hell/dunkel; nach Blendung und bei Lichtstreuung),
  • Licht- und die Kontrastempfindlichkeit,
  • Farbwahrnehmung,
  • Tiefenwahrnehmung und
  • Useful Field of View (UFOV) - das nutzbare Sehfeld.
Untersuchungen zum Useful Field of View (UFOV) zeigen, dass ältere Autofahrer mit schlechten Leistungen im UFOV-Test (Prüfung des eingeschränkten Gesichtsfeldes) weniger sorgfältig den toten Winkel überprüfen [Seetal11]. Zudem entwickelt sich im Alter die Wahrnehmung, Diskrimination und Ortung akustischer Signale ungünstig, die beispielsweise Fußgängern beim Annähern an und Überqueren von Straßen wichtige Verhaltenshinweise geben. Generell gilt, dass sich mit zunehmendem Alter alle Sinnesleistungen verschlechtern.
Kognitive Veränderungen
Der menschliche Organismus hat eine begrenzte Kapazität zur Verarbeitung von Umweltreizen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Man unterscheidet hier die Fähigkeiten selektive Aufmerksamkeit und geteilte Aufmerksamkeit.
Im Alter verringert sich die Fähigkeit zur selektiven und geteilten Aufmerksamkeit [Us02] sowie für Mehrfachtätigkeiten (multi-tasking), wie sie beim Autofahren gefordert sind. Dies kann gravierende Auswirkungen auf die Belastung und Beanspruchung bis hin zur Überforderung des Fahrzeugführers haben. [Eletal90] stellten bei Fahrversuchen fest, dass die Zuwendung zu neuen Anforderungen in einer sich dynamisch verändernden Verkehrssituation Probleme bereitet. Ebenso bereitet die Abgrenzung wichtiger von unwichtigen Hinweisreizen älteren Menschen Probleme. [Anetal05] konnten nachweisen, dass Unfälle älterer Fahrer häufig auf Defizite in der selektiven und geteilten Aufmerksamkeit zurückzuführen sind.
Ältere gesunde Menschen können gut gelernte und häufig ausgeführte sowie stark automatisierte Handlungen ähnlich gut und schnell wie jüngere Menschen ausführen. Probleme bereiten ihnen allerdings komplexe Anforderungen sowie solche, die ein neues oder verändertes Handeln erfordern. Eine verringerte Belastbarkeit und eine verringerte Fähigkeit, sich schnell auf sich wandelnde Situationen einzustellen, führen in einem komplexen und zugleich dynamischen Umfeld - wie dem Straßenverkehr - häufiger gerade Ältere an ihre Leistungsgrenzen. Untersuchungen belegen, dass Unfälle älterer Fahrer häufig darauf zurückzuführen sind, dass sie meist nur eine Komponente der komplexen Verkehrssituation fokussieren [Van03].
Des Weiteren nimmt die Kapazität von Lang- sowie Kurzzeitgedächtnis mit dem Alter ab. Eine geringe Langzeitgedächtnisspanne geht zudem mit schlechteren Fahrleistungen in Testfahrten einher [Zoetal09]. Außerdem zeigen sich auch in den Bereichen Verarbeitungsgeschwindigkeit, Problemlösung, Reaktionsschnelligkeit, Schätzvermögen von Zeit- und Geschwindigkeit sowie Orientierung Einschränkungen.
Motorische Einschränkungen

Altersbedingte motorische Veränderungen können in folgenden Bereichen auftreten:
  • Kraft und Bewegung,
  • Geschwindigkeits - Genauigkeitsabgleich,
  • Reaktionszeit,
  • Bewegungskoordination,
  • Ausdauer und
  • Beweglichkeit.
Hohe Relevanz haben motorische Fertigkeiten für ältere Radfahrer und Fußgänger sowie Nutzer des öffentlichen Verkehrs. Die Abnahme der Muskelkraft sowie der körperlichen Beweglichkeit sind durch einen allgemeinen Verlust an Muskelmasse und Veränderungen in der Muskeldichte sowie -konsistenz bedingt [Ri08]. Hinzu kommt eine verringerte Belastbarkeit, schnellere Ermüdbarkeit und langsamere Reaktionsfähigkeit [Sch08]. Ein starker altersbedingter Kraftrückgang der Muskelgruppen der unteren Extremitäten [Ri08] hat besonders für Fußgänger sicherheitsrelevante Auswirkungen. So konnte gezeigt werden, dass ältere Fußgänger signifikant langsamer eine Straße überqueren als jüngere Fußgänger [DoCa11].
Aber auch für Autofahrer haben sensomotorische sowie physiologische Einschränkungen Auswirkungen [Ri08]. Besonders für Autofahrer ist eine ausreichende Beweglichkeit des Hals- und Nackenbereichs relevant, um den sicherheitsrelevanten Schulterblick zu gewährleisten. [Maetal] wiesen nach, dass eine eingeschränkte Beweglichkeit des Hals- und Nackenbereichs mit einem zweifach erhöhten Unfallrisiko bei älteren Autofahrern einhergeht. Zudem kann eine Gelenksteife sowie abnehmende Muskelkraft die Lenkrad- und Pedalbedienung erschweren. Motorische Fähigkeiten, welche zum Führen eines Fahrzeuges notwendig sind, erfordern überdies Präzision und Koordination, welche nach einem Schlaganfall oder durch Medikamenteneinnahme beeinträchtigt sein können [Bur05].
Kompensationsstrategien

Aus der Altersforschung, entsprechend dem Modell der Selektiven Optimierung mit Kompensation (SOK Modell) [BalBal90] ist bekannt, dass ältere Menschen in der Lage sind, altersbedingte Einschränkungen zu kompensieren. Das Modell postuliert, dass trotz zunehmender Einschränkungen eine positive Entwicklung im Alter durch eine effiziente Nutzung der verbleibenden Ressourcen möglich ist. [Sch94] untersuchte die Leistungsfähigkeit älterer Autofahrer und wies nach, dass ältere Menschen schlechtere Leistungen in psychophysischen Tests erreichen, aber Fahraufgaben im Realverkehr gleich gut, wie Fahrer aus jüngeren Altersgruppen, ausführen. Im Rahmen einer Mobilitätsberatung sollten diese Selektions-, Optimierungs- und Kompensationsstrategien vordergründig behandelt und Kompensationsmöglichkeiten aufgezeigt werden.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Mobilität älterer Menschen (Stand des Wissens: 01.03.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?399136
Literatur
[Anetal05] Anstey, K. J., Wood, J., Lord, S., Walker, J. G. Cognitive, sensory and physical factors enabling driving safety in older adults, veröffentlicht in Clinical Psychology Review, Ausgabe/Auflage 25, 2005
[BalBal90] Baltes, P. B., Baltes, M. M. Psychological perspectives on successful aging: The model of selective optimization with compensation, veröffentlicht in Successful aging: Perspectives from the behavioral sciences, Cambridge University Press, New York, 1990, ISBN/ISSN 9780521374545
[Bur05] Burgard, E. Fahrkompetenz im Alter- Die Aussagekraft diagnostischer Instrumente bei Senioren und neurologischen Patienten, 2005
[Co08] Cohen, A. S. Wahrnehmung als Grundlage der Verkehrsorientierung bei nachlassender Sensorik während der Alterung, veröffentlicht in Leistungsfähigkeit und Mobilität im Alter, TÜV Media & Eugen-Otto-Butz Stiftung / Köln, 2008
[DoCa11] Dommes, A., Cavallo, V. The role of perceptual, cognitive, and motor abilities in street-crossing decisions of young and older pedestrians, veröffentlicht in Ophthalmic and Physiological Optics, Ausgabe/Auflage 31, 2011
[Eletal90] Ellinghaus, D., Schlag, B., Steinbrecher, J. Leistungsfähigkeit und Fahrverhalten älterer Kraftfahrer [Capability and driving behaviour of the older], veröffentlicht in Unfall- und Sicherheitsforschung Straßenverkehr, Ausgabe/Auflage Heft 80, Bremerhaven: Wirtschaftsverlag NW, 1990
[Maetal] Marottoli, R. A., Richardson, E. D., Stowe, M. H., Miller, E. G., Brass, L. M., Cooney, L. M., et al. Development of a test battery to identify older drivers at risk for self-reported adverse driving events, veröffentlicht in Journal of the American Geriatrics Society, Ausgabe/Auflage 46(5), 1998
[Ri08] Rinkenauer, G. Motorische Leistungsfähigkeit im Alter, TÜV Media & Eugen-Otto-Butz Stiftung / Köln, 2008
[Sch08] Schlag, B. Älter werden und Auto fahren, veröffentlicht in Report Psychologie, 2008
[Sch94] Schlag, B. Fahrverhalten älterer Autofahrer/innen, veröffentlicht in Autofahren im Alter , Köln: Verlag TÜV Rheinland, 1994
[Seetal11] Selander, H., Lee, H. C., Johansson, K., Falkmer, T. Older drivers: On-road and off-road test results, veröffentlicht in Accident Analysis & Prevention, Ausgabe/Auflage 43(4), 2011
[Us02] Us DOT Synthesis of Human Factors Research on Older Drivers and Highway Safety, Virginia, 2002
[Van03] Van Elslande, P. Les erreurs des conducteurs âgés - Elderly drivers errors, veröffentlicht in Recherche - Transports - Sécurité, Ausgabe/Auflage 81, 2003
[Zoetal09] Zook, N. A., Bennett, T. L., Lane, M. Identifying At-Risk Older Adult Community-Dwelling Drivers Through Neuropsychological Evaluation, veröffentlicht in Applied Neuropsychology, Ausgabe/Auflage 16(4), 2009
Weiterführende Literatur
[BASt13] Hoffmann, H, Wipking, C, Blanke, L., Falkenstein, M. Experimentelle Untersuchung zur Unterstützung der Entwicklung von Fahrerassistenzsystemen für ältere Kraftfahrer , veröffentlicht in Berichte der Bundesantsalt für Straßenwesen, Unterreihe F - Fahrzeugsicherheit, Ausgabe/Auflage Heft F 86, Carl Schünemann Verlag, Bergisch Gladbach, 2013/01
Glossar
geteilte Aufmerksamkeit
Fähigkeit, den Fokus zwischen mehr als einer Quelle von Informationen zu teilen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?396386

Gedruckt am Mittwoch, 11. Dezember 2019 04:47:22