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Ausgestaltungsmöglichkeiten einer Bepreisung zur Finanzierung von Straßeninfrastruktur

Erstellt am: 13.04.2012 | Stand des Wissens: 11.05.2020
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch

Die mit der Einführung einer Straßennutzungsgebühr verbundene Ausgestaltung hängt stark von den verfolgten Zielen ab. So kann sich eine Maut lediglich auf ein bestimmtes Bauwerk beziehen, aber auch auf ein urbanes Gebiet oder auf ein überregionales Straßennetz. Grundsätzlich sind zwei Formen der Straßenbepreisung möglich:
  • Fahrleistungsabhängige Bepreisung
  • Flächenabhängige Bepreisung
Das Ziel einer optimalen Infrastrukturnutzung wird mit der fahrleistungsabhängigen Gebühr am ehesten erreicht. Die Gebühr ist dabei proportional zu den zurückgelegten Kilometern zu entrichten. Bei einer sogenannten Vignette zahlt der Fahrzeughalter eine einmalige Gebühr. Das Ziel, den Verkehr zu reduzieren, kann mit einer Vignette nur bedingt erreicht werden, da die Strecke nach Zahlung beliebig oft befahren werden kann. Verursachergerecht ist eine Vignette ebenfalls nicht, da Vielfahrer und Wenigfahrer finanziell gleich stark belastet werden.

Die flächenabhängige Bepreisung wird in der Regel in Ballungsräumen (Städten) angewandt. Die gängigsten Modelle sind dabei das sogenannte Cordon Pricing und Area Licensing. Beim Cordon Pricing wird ein bestimmtes Gebiet ringförmig abgesteckt. Beim Einfahren in dieses Gebiet wird eine Mautgebühr erhoben. Fahrten, die innerhalb des Gebietes erfolgen, sind in der Regel kostenfrei. Im Fall eines Area-Licensing wird eine Maut dafür erhoben, dass man sich in einer bestimmte Zone aufhält [ErHo10; Samme12].

Für eine optimale Verkehrslenkung ist die variable Bepreisung, vor allem hinsichtlich der Tageszeiten, ein geeignetes Instrument. Bei einer variablen Bepreisung erfolgt eine Differenzierung der Maut nach Tageszeiten, um bei Spitzenlastzeiten, in denen die Verkehrsstärke besonders hoch ist (Peak Perioden), höhere Preise - und in den sogenannten Off-Peak Perioden niedrigere Preise festzulegen [BuKoSwe04].

Eine weitere Differenzierung der Maut ist nach Fahrzeugeigenschaften und individuellem Nutzerverhalten möglich. Sollen die externen Effekte wie Lärm oder Schadstoffemissionen bei der Nutzung der Straße miteinbezogen werden, können umweltfreundliche Antriebe oder spritsparende Fahrzeuge ebenfalls begünstigt werden. Beispielsweise sind Fahrzeuge mit alternativen Antrieben in London von der Gebühr befreit. Häufiges Beschleunigen und Bremsen belastet die Umwelt stärker als ein gleichmäßiger Fahrstil, weshalb eine höhere Mautgebühr für einen umweltbelastenden Fahrstil sinnvoll sein kann. In der Praxis ist eine solche Differenzierung nach Nutzerverhalten jedoch nicht umsetzbar. Grundsätzlich gilt, dass eine Einführung einer Straßenbenutzungsgebühr einen Anreiz bietet, die Personenanzahl im Auto zu erhöhen, so dass pro Person weniger Gebühren pro Kilometer anfallen. Zusätzliche Anreize für eine stärkere Auslastung der Fahrzeuge könnten durch eine geringere Bemautung für Fahrzeuge mit einer höheren Auslastung gesetzt werden. [Samme12; ErHo10].
Die Lkw-Maut, die streckenbezogen erhoben wird, beruht auf der Wegekostenrechnung, die wiederum auf dem Vollkostenansatz aufbaut. Die Berechnung der Lkw-Maut unterteilt sich in die Schritte Kostenermittlung, Kostenaufteilung auf die verschiedenen Fahrzeugkategorien und die Fahrleistungsschätzung. Die ermittelten Kosten werden nach Verursachungs- und Veranlassungsgrundsätzen anhand eines Aufteilungsschlüssels Nutzergruppen zugeordnet. Der ermittelte Mautsatz fällt pro zurückgelegten Kilometer auf der mautpflichtigen Straße an.
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Erhebung von Staugebühren zum Management knapper Kapazitäten (Stand des Wissens: 28.05.2020)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?388207
Formen der Bepreisung zur Finanzierung von Verkehrsinfrastruktur (Stand des Wissens: 12.05.2020)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?335946
Literatur
[BuKoSwe04] Burris, M.; Konduru, K. ; Swenson, C. (o.J.). Long-Run Changes in Driver Behavior Due to Variable Tolls, veröffentlicht in Journal of the Transportation Research Board, Ausgabe/Auflage 1864, TRB, National Research Council, Washington, D.C., 2004
[Doren09] Dorenkamp, C. Umsetzungs- und Akzeptanzprobleme von Road-Pricing in Ballungsräumen. Eine Analyse bisheriger Erfahrungen, 2009
[ErHo10] Erdmenger, Christoph , Hoffmann, Dr. Caroline , Frey, Kilian , Lambrecht, Martin , Wlodarski, Wojciech Pkw-Maut in Deutschland? Eine umwelt- und verkehrspolitische Bewertung, 2010/04
[Samme12] Sammer, G. Wirkungen und Risiken einer City-Maut als zentrale Säule eines städtischen Mobilitätskonzepts., 2012
Glossar
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
Verkehrsstärke
Die Verkehrsstärke ist eine Kennzahl für die Stärke eines Verkehrsstroms an einem Querschnitt, gemessen in der Anzahl der Verkehrseinheiten, die diese Stelle pro Zeiteinheit passieren. Man spricht in diesem Zusammenhang von Streckenbelastung, wenn sich die Quantifizierung des Verkehrsstroms alternativ auf einen betrachteten Streckenabschnitt und nicht auf einen Querschnitt bezieht.
Verkehrsstärke = Verkehrseinheiten am Querschnitt / Bezugsperiode
Gebräuchliche Einheiten für die Verkehrsstärke sind z. B. Fahrzeuge [Fzg] pro Tag [24h] oder Stunde [h] (z. B. durchschnittliche tägliche Verkehrsstärke, kurz DTV [Fzg/24h])

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?387228

Gedruckt am Sonntag, 19. September 2021 06:18:05