Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Gestaltungsansätze für Straßenräume mit hohem Aufenthalts- und Querungsbedarf

Erstellt am: 08.02.2012 | Stand des Wissens: 07.11.2017
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Aktuelle Ansätze zur Gestaltung von zentralen Straßenräumen mit hohem Aufenthalts- und Querungsbedarf verfolgen die Verbesserung der Aufenthaltsqualität und die Gewährleistung der Sicherheit besonders für die nicht-motorisierten Verkehrsteilnehmer. Zur Verbesserung der Situation für Fußgänger bei der Querung von Fahrbahnbereichen, vor allem auch bei höher belasteten städtischen Straßen, ist das straßenräumliche Erscheinungsbild von besonderer Bedeutung. Entsprechend sollten die spezifischen Gestaltungsmöglichkeiten dieser zentralen und fußläufig attraktiven Bereiche beachtet werden.
Das Verkehrsverhalten von Kraftfahrzeugführern soll stadtverträglicher werden und derartig beeinflusst werden, dass die gefahrenen Geschwindigkeiten reduziert werden und auf den Vorrang gegenüber Fußgängern verzichtet wird. Dabei können die folgenden Gestaltungsansätze zielführend sein [FGSV14]:
  • Verzicht auf stark separierende Elemente (Hochborde, funktional gliedernde Elemente),
  • räumlich abgestimmte Oberflächengestaltung (Seiten- und Fahrbahnbereiche),
  • Verzicht auf Markierungen sowie Beschilderungen, entsprechend den gesetzlichen Möglichkeiten und
  • freie Sichtbeziehungen zwischen den motorisierten und nicht-motorisierten Verkehrsteilnehmern (Neuordnung des ruhenden Verkehrs).
Bei dem Entwurf von Straßenräumen mit hohem Aufenthalts- und Querungsbedarf wird im Sinne des Prinzips "Weniger ist mehr" eine minimale verkehrstechnische Gestaltung verfolgt [TOPP11]. Gemäß dem Gestaltungsprinzip der "selbsterklärenden Straßenräume" soll den Nutzern des öffentlichen Raums durch städtebauliche und ortsspezifische Gestaltung ein angemessenes Verhalten verdeutlicht werden.
Zur Bereitstellung ausreichender Geh- und Verweilflächen in den Seitenbereichen und um darüber hinaus eine "leichte" (im Sinne einer möglichst komfortablen) Querbarkeit der Fahrbahnbereiche zu ermöglichen, sollten räumlich und gestalterisch gut integrierbare Gliederungselemente zur Abgrenzung von der Fahrbahn genutzt werden. Hierbei kann prinzipiell zwischen punktuellen und linearen Gliederungselementen unterschieden werden. Die "Hinweise zu Straßenräumen mit besonderem Querungsbedarf - Anwendungsmöglichkeiten des "Shared Space"-Gedankens" empfehlen bei hohen Verkehrsstärken einen zusätzlichen, mittigen Schutzraum [FGSV14].
Die funktionale Flächenzuweisung einzelner Raumbereiche sollte prinzipiell über eine räumlich abgestimmte Oberflächengestaltung erfolgen. Durch zurückhaltende und vor allem sinnvolle Variation der eingesetzten Materialien in Form, Farbgebung und Oberflächenbeschaffenheit können, neben der qualitativen Verbesserung der Querbarkeit, auch "[...] großzügige Seitenräume für Fußgängerlängsverkehr und Aufenthalt [...]" [FGSV14] in Straßenräumen mit hohem Aufenthalts- und Querungsbedarf geschaffen werden [FGSV14]. Für die Oberflächengestaltung gelten ebenso die allgemeinen Regeln der "Empfehlungen zur Straßenraumgestaltung innerhalb bebauter Gebiete" [FGSV11].
In Straßenräumen mit hohem Aufenthalts- und Querungsbedarf, das heißt vor allem in zentralen und attraktiven Bereichen, ist das Bedürfnis nach uneingeschränkter Teilhabe am gesellschaftlichen Leben besonders groß. Zur Befriedigung der Daseinsgrundbedürfnisse (Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeitaktivitäten) ist jedoch die Teilnahme am Verkehr unabdingbar. Besonders für mobilitätseingeschränkte Personen ist dies zuweilen aber recht schwierig.
So sind fehlende Höhenunterschiede einerseits für gehbehinderte Menschen oder für bestimmte mobilitätseingeschränkte Personengruppen (zum Beispiel Personen mit Gepäck, Kinderwagen) von Vorteil, stellen aber für sehbehinderte Menschen ein deutliches Orientierungsproblem (Bordstein als äußere Leitlinie zur Orientierung) dar. Dementsprechend sollten Straßenräume mit hohem Aufenthalts- und Querungsbedarf Elemente zur Querung der Fahrbahn und zur Orientierung in Längsrichtung aufweisen [FGSV14]. Hierbei sollte das Prinzip von Funktionalität für Sehbehinderte und Ästhetik für Sehende verfolgt werden und integraler Bestandteil der Entwurfsplanung sein [FGSV14].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Straßenräume mit hohem Aufenthalts- und Querungsbedarf (Stand des Wissens: 07.11.2017)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?375535
Literatur
[FGSV11] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. Empfehlungen zur Straßenraumgestaltung innerhalb bebauter Gebiete (ESG), FGSV Verlag / Köln, 2011, ISBN/ISSN 978-3-941790-76-6
[FGSV14] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. , Baier, Reinhold, Eilrich, Wolfgang, Gerlach, Jürgen, et al. Hinweise zu Straßenräumen mit besonderem Querungsbedarf - Anwendungsmöglichkeiten des "Shared Space"-Gedankens, veröffentlicht in Wissensdokumente (W 1), Ausgabe/Auflage FGSV 200/1, FGSV Verlag / Köln, 2014/06, ISBN/ISSN 978-3-86446-081-4
[TOPP11] Topp, H. H. Shared Space - Die Verkehrsberuhigung geht weiter!, veröffentlicht in Straßenverkehrstechnik, 2011/05
Weiterführende Literatur
[GFUV09] Schmidt-Block, W., Behling, K., Böhringer D., Klingler, M. Anforderungsprofil zu blinden- und sehbehindertengerechten Ausgestaltung von Mischverkehrsflächen nach dem Konzept "Shared Space", Berlin, 2009
[BSV14] BSV Büro für Stadt- und Verkehrsplanung Dr.-Ing. Reinhold Baier GmbH, Baier, R.,, Engelen, K.,, Klemps-Kohnen, A.,, Reinartz, A. Einsatzbereich und Einsatzgrenzen von Straßenumgestaltungen nach dem "Shared Space"-Gedanken, 2014/08
[GDV11] Ortlepp, Jörg, Bogner, Jennifer, Eberling, Patrick Gemeinschaftsstraßen. Attraktiv und sicher, Berlin, 2011/10, ISBN/ISSN 978-3-939163-41-1
[BeBü10] Becker, Hans-Joachim, Bühn, Maximilian, Döge, Norman Shared Space: Revolution auf Kosten der Schwachen?, veröffentlicht in Shared Space. Beispiele und Argumente für lebendige öffentliche Räume, Bielefeld, 2010, ISBN/ISSN 978-3-9803641-7-1
Glossar
Verkehrsstärke
Die Verkehrsstärke ist eine Kennzahl für die Stärke eines Verkehrsstroms an einem Querschnitt, gemessen in der Anzahl der Verkehrseinheiten, die diese Stelle pro Zeiteinheit passieren. Man spricht in diesem Zusammenhang von Streckenbelastung, wenn sich die Quantifizierung des Verkehrsstroms alternativ auf einen betrachteten Streckenabschnitt und nicht auf einen Querschnitt bezieht.
Verkehrsstärke = Verkehrseinheiten am Querschnitt / Bezugsperiode
Gebräuchliche Einheiten für die Verkehrsstärke sind z. B. Fahrzeuge [Fzg] pro Tag [24h] oder Stunde [h] (z. B. durchschnittliche tägliche Verkehrsstärke, kurz DTV [Fzg/24h])

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?379000

Gedruckt am Donnerstag, 22. Oktober 2020 05:48:04