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Rahmenbedingungen für Shared Space

Erstellt am: 27.06.2011 | Stand des Wissens: 07.11.2017
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Die Shared Space-Idee unterscheidet klar zwischen "Verbleib" und "Verkehr". Orte des Verbleibs beziehungsweise des Verweilens sind Bereiche des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens [ADFC08]. Für die erfolgreiche Umsetzung des Shared Space-Gedankens sind einige wichtige Voraussetzung für die Vermeidung unerwünschter Verhaltensweisen (Verkehrs- oder Sozialverhalten) notwendig, sodass missverständliche Planungen vermieden werden.
Dazu zählt zum einen die vorherige konzeptionelle Planung über die beabsichtigte prioritäre Nutzung des Straßen- beziehungsweise Stadtraumes innerhalb des konkreten Entwurfs. Zum anderen ist für die Einrichtung von Shared Space-Bereichen ein übergeordnetes ("gebündeltes schnelles") Verkehrsnetz notwendig, welches der zielgerichteten Verbindung dient. Dies soll einen Missbrauch des langsamen ("menschengerechten") Netzes verhindern und so dessen Qualität sichern [ADFC08].
Um innerhalb des Bereichs von einer aktiven und eigenständigen Inanspruchnahme des zu gestaltenden Raumes ausgehen zu können, sollte ein genügend großes Aufkommen nicht-motorisierter Verkehrsteilnehmer (Fuß- und Fahrradverkehr) mit entsprechend linearem beziehungsweise flächigem Querungsbedarf vorhanden sein. In Frage kommen Abschnitte von [Or11]
  • Hauptgeschäftsstraßen,
  • örtlichen Geschäftsstraßen oder
  • dörflichen Geschäftsstraßen.
Aus den örtlichen Gegebenheiten kann  ein besonderer Querungsbedarf der Fußgänger dort abgeleitet werden, wo [FGSV14]:
  • starke Fußgängerverbindungen Hauptverkehrsstraßen kreuzen ("flächiger Querungsbedarf")
  • aus der (beidseitigen) städtebaulichen Umfeldnutzung starke Querbeziehungen induziert werden ("linearer-" oder "besonderer linearer Querungsbedarf")
Zur Identifizierung von Straßenräumen mit besonderem linearen oder flächigem Querungsbedarf ist deshalb die Untersuchung der städtebaulichen Nutzungsstruktur im angrenzenden Umfeld des Straßennetzes sowie der vorherrschenden Fußgängerbeziehungen erforderlich. Neben dem besonderen Querungsbedarf sollten sich die zu gestaltenden Straßenraumbereiche auch durch ihre räumliche Erscheinung besonders vom übrigen Stadtstraßennetz unterscheiden und so Identifikation schaffen. Insbesondere sind ausgeprägte Übergangs-/Eingangsbereiche, die die Straßenräume mit hohem Aufenthalts- und Querungsbedarf von den umliegenden Straßenabschnitten abgrenzen, vorauszusetzen (Materialwechsel, Markierungen, Gestaltung mit Torwirkung, entsprechende Beschilderung) [FGSV14].
Neben geringen Fahrgeschwindigkeiten (Sicherung durch entsprechende straßenverkehrsrechtliche Anordnung) und freien Sichtbeziehungen unter den Verkehrsteilnehmern (Verlagerung des ruhenden Verkehrs) sowie dem bereits genannten hohen Aufkommen nicht-motorisierter Verkehrsteilnehmer bestehen weitere verkehrliche Voraussetzungen [FGSV14; Or11; DVR08]:
  • Verkehrsstärken des motorisierten Individualverkehrs sollten ein bestimmtes Verhältnis zum querenden Fußgänger- und Radfahrerverkehr nicht überschreiten,
  • niedriges Schwerverkehrsaufkommen und
  • geringe Komplexitätsstufe des betrachteten Abschnitts.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Straßenräume mit hohem Aufenthalts- und Querungsbedarf (Stand des Wissens: 07.11.2017)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?375535
Literatur
[ADFC08] Koerdt, A., et al. ADFC-Position: Neun Fragen zum Thema Shared Space, veröffentlicht in Radwelt , Ausgabe/Auflage 4/2008, Bremen, 2008
[DVR08] Deutscher Verkehrssicherheitsrat e.V. Shared Space. Beschluss des DVR-Gesamtverbands vom 21.10.2008 auf Basis der Empfehlungen des Ausschusses für Verkehrstechnik, Bonn, 2008
[FGSV14] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. , Baier, Reinhold, Eilrich, Wolfgang, Gerlach, Jürgen, et al. Hinweise zu Straßenräumen mit besonderem Querungsbedarf - Anwendungsmöglichkeiten des "Shared Space"-Gedankens, veröffentlicht in Wissensdokumente (W 1), Ausgabe/Auflage FGSV 200/1, FGSV Verlag / Köln, 2014/06, ISBN/ISSN 978-3-86446-081-4
[GER08] Gerlach, J.,, et al. Sinn und Unsinn von Shared Space - Zur Versachlichung einer populären Gestaltungsphilosophie., veröffentlicht in Straßenverkehrstechnik, Ausgabe/Auflage Heft 02, Kirschbaum Verlag/Bonn, 2008/03
[Or11] Ortlepp, Jörg, Erfahrungen mit "Shared Space" und "Gemeinschaftsstraßen" in Deutschland, Berlin, 2011/10/06
Weiterführende Literatur
[BSV14] BSV Büro für Stadt- und Verkehrsplanung Dr.-Ing. Reinhold Baier GmbH, Baier, R.,, Engelen, K.,, Klemps-Kohnen, A.,, Reinartz, A. Einsatzbereich und Einsatzgrenzen von Straßenumgestaltungen nach dem "Shared Space"-Gedanken, 2014/08
[KEU05] Keuning Instituut, Senza Communicatie Shared Space - Raum für alle. Neue Perspektiven zur Raumentwicklung, Groningen (Niederlande), 2005
Glossar
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
Verkehrsstärke
Die Verkehrsstärke ist eine Kennzahl für die Stärke eines Verkehrsstroms an einem Querschnitt, gemessen in der Anzahl der Verkehrseinheiten, die diese Stelle pro Zeiteinheit passieren. Man spricht in diesem Zusammenhang von Streckenbelastung, wenn sich die Quantifizierung des Verkehrsstroms alternativ auf einen betrachteten Streckenabschnitt und nicht auf einen Querschnitt bezieht.
Verkehrsstärke = Verkehrseinheiten am Querschnitt / Bezugsperiode
Gebräuchliche Einheiten für die Verkehrsstärke sind z. B. Fahrzeuge [Fzg] pro Tag [24h] oder Stunde [h] (z. B. durchschnittliche tägliche Verkehrsstärke, kurz DTV [Fzg/24h])

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?354998

Gedruckt am Dienstag, 20. Oktober 2020 18:31:52