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Einsatz von spurgeführten Doppelgelenkbussen im Linienverkehr in Eindhoven

Erstellt am: 10.06.2008 | Stand des Wissens: 06.12.2022
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Bahnverkehr, öffentlicher Stadt- und Regionalverkehr, Prof. Dr.-Ing. R. König

In der niederländischen Stadt Eindhoven und der Nachbargemeinde Veldhoven, die zusammen 247.000 Einwohner haben, wurden zwei Trassen für hochwertigen öffentlichen Verkehr (Hoogwaardig Openbaar Vervoer;) mit einer Gesamtlänge von 15 km entwickelt. Es handelt sich dabei um größtenteils bereits vorhandene Bustrassen, die aufgewertet worden sind. Im System sind ausschließlich Fahrzeuge mit einem auffälligen Individualdesign unterwegs.

Für den Betrieb auf diesen Trassen hat man die technologische Lösung "Phileas" gewählt. Phileas ist ein LPG/Batterie-elektrisch angetriebenes Hybridfahrzeug, das als Einzel- und Doppelgelenkbus zum Einsatz kommt und durch ein Magnet-Leitsystem geführt wird.

Der Aufbau des Busses stellt eine Besonderheit im Busbau dar. Der selbsttragende Aufbau besteht aus geklebten Segmenten (Alu-Sandwich-Boden und -Dach, GfK-Seitenwände, Fahrzeugenden, eingeklebte Fenster). Die am stärksten belasteten Kunststoffelemente sind mit Kohlefasern verstärkt. Die einzelnen Segmente werden nach der aus dem Flugzeugbau bekannten Methode des Warmverklebens zusammengesetzt. Alle Achsen weisen Single-Bereifung auf, was breite Durchgänge im Fahrzeuginnern zulässt. [Hond06b] Abb. 1 zeigt einen Phileas als Doppelgelenkbus; Abb. 2 den Netzplan der Phileas-Strecken in Eindhoven.
Phileas.jpgAbb. 1:Doppelgelenkbus Phileas
Eindhoven.jpgAbb. 2: Netzplan der Phileas-Strecken in Eindhoven


Innovativ am Phileas ist die elektronische Lenkung durch das Frog (Free Ranging On Grid) Navigation System. Die Wegstrecke, die Phileas zurücklegen soll, ist im Bordrechner hinterlegt. Frog misst mittels Radsensoren die Anzahl der Radumdrehungen sowie die Lenkausschläge und somit die zurückgelegte Distanz und lenkt so die Räder der Achsmodule, die damit der vorgegebenen Strecke exakt folgen sollen. Alle 4 m sind Permanentmagnete auf der Strecke aufgebracht, die als Referenzsystem dienen. Mittels der Magnete wird die Fahrzeugposition im Rechner korrigiert. Der Frog-Rechner soll Phileas entlang der programmierten Strecke und an die Haltestellen führen, so dass nur ein geringer Spalt zwischen Fahrzeug und Haltestellenkante bleibt. Der Betrieb des Phileas erfolgt in drei Stufen [Hond06b]:
  • Phileas wird von Hand gelenkt,
  • Der Fahrer beschleunigt und bremst, Frog lenkt das Fahrzeug automatisch,
  • Phileas fährt vollautomatisch nach einem eingestellten Programm, der Fahrer bedient die Türen.
Automatisches Fahren ist allerdings nicht vorgesehen und würde von der Straßenaufsichtsbehörde wohl auch nicht genehmigt werden. Es gelang bislang allerdings noch nicht, die Fahrzeuge mittels Frog im Fahrgastbetrieb zu betreiben. Darüber hinaus gibt es erhebliche Probleme mit dem Batteriesystem der Hybridfahrzeuge. Phileasfahrzeuge werden nur vereinzelt eingesetzt. [Hond07a]

In der nordfranzösischen Stadt Douai sind 2008 ebenfalls Phileas (2. Generation) in Betrieb genommen worden. Auch diese Busse sollen mit Frog betrieben werden. In Frankreich werden spurgeführte Busse gesetzlich wie ein Schienenverkehrsmittel behandelt. Dies hat zur Folge, dass auf der speziellen Phileas-Trasse keine handgelenkten Busse eingesetzt werden dürfen. [Hond07a]
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Bahnverkehr, öffentlicher Stadt- und Regionalverkehr, Prof. Dr.-Ing. R. König
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Größere Fahrzeuge im ÖPNV (Stand des Wissens: 22.06.2023)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?266847
Literatur
[Hond06b] Hondius, Harry, Dipl.-Ing. ETHZ Perspektiven der Großraumbusse, veröffentlicht in Der Nahverkehr, Ausgabe/Auflage 3/2006, 2006
[Hond07a] Hondius, Harry, Dipl.-Ing. ETHZ Phileas II, veröffentlicht in stadtverkehr, Ausgabe/Auflage 5/07, 2007
Weiterführende Literatur
[Deel06] Deelen, Kees, Dipl.-Ing. Phileas: Straßenbahn-Technologie auf Gummireifen, veröffentlicht in stadtverkehr, Ausgabe/Auflage 2/06, 2006
Glossar
LPG = Liquified Petroleum Gas. Flüssiggas (Propan, Butan und deren Gemische) ist ein Kohlenwasserstoff, der unter relativ geringem Druck verflüssigt und dann nur etwa 1/260 seines gasförmigen Volumens einnimmt.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?266820

Gedruckt am Samstag, 13. April 2024 20:33:19