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Radverkehrswegenetze von Kindern und Jugendlichen

Erstellt am: 29.06.2006 | Stand des Wissens: 30.04.2018
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

In keiner anderen Altersgruppe ist das Radfahren so attraktiv, wie für Kindern und Jugendlichen bis 17 Jahre. Neben dem Zufußgehen bietet das Radfahren eine gute Möglichkeit, sich selbstständig und unabhängig vom Pkw der Eltern im Verkehrsnetz zu bewegen. Es stellt eine kostengünstige Alternative zu Bus und Bahn dar: mit anteilig jeweils 14 Prozent liegen die Modi Rad und öffentlicher Personenverkehr gleich auf. Deutschlandweit (gesamte Woche) zählt das Fahrrad jedoch zu den im Vergleich am wenigsten genutzten Verkehrsmitteln [infas10, S. 77]. Hinsichtlich der verkehrlichen, aber auch gesundheitlichen Vorteile des Radfahrens ist es im allgemeinen Interesse, das Radfahren wieder attraktiver zu gestalten. Der Grundstein für die spätere Moduswahl wird dabei schon in jungen Jahren gelegt [Inno12, S. 14; BMVI14u]. Es ist somit äußerst wichtig, ein attraktives Radwegenetz für Kinder und Jugendliche bereitzustellen, welches deren spezifischen Anforderungen auch gerecht wird.

Die Mängel an der Fahrradinfrastruktur werden auch an den Unfallzahlen deutlich:
Häufigste Unfallursache bei den 6- bis 14-jährigen Radfahrern, die an Unfällen mit Personenschaden beteiligt sind, ist eine falsche Straßenbenutzung (21,4 Prozent), hier insbesondere die Nutzung der falschen Fahrbahn. [StaBu17c, S. 12].
Insgesamt verunglückten im Jahr 2016 28.547 Kinder im Alter unter 15 Jahren, was im Vergleich zum Jahr 2015 (28.235 Verunglückte unter 15 Jahren) ein Anstieg der Verunglücktenzahlen von 1,1 Prozent bedeutet. Rund 32 Prozent aller verunglückten Kinder im Jahr 2016 waren Fahrer oder Mitfahrer eines Fahrrads. Im Vergleich zum Vorjahr ist diese Anzahl um knapp 2 Prozent gestiegen. Tendenziell sinkt jedoch die Anzahl der beim Radfahren verunglückten Kinder unter 15 Jahren seit den letzten Jahren [StaBu17c, S. 20].

Das Radfahren und die damit zusammenhängende Radverkehrsleistung haben seit 2013 deutlich an Attraktivität gewonnen, trotzdem ist es wichtig auch in Zukunft für vor allem Kinder und Jugendliche ein gutes und leistungsfähiges Radwegenetz anzubieten [BMVI14u; BMVI17x].
Die Bewertung des Verkehrsmittels Fahrrad hängt von der vorhandenen Infrastruktur, aber auch von Faktoren wie beispielsweise der Ebenheit des Geländes ab. Generell ist die Bewertung in Landeshauptstädten, speziellen in fahrradfreundlichen Stadtteilen, etwas höher als in den restlichen Gebieten der Bundesländer, was sich auch in der Nutzung wiederspiegelt [BMVI14u, S. 10 f].

Planungsgrundlagen für den Radverkehr sind insbesondere die "Empfehlungen für Radverkehrsanlagen" [ERA10], die "Hinweise zum Radverkehr außerhalb städtischer Gebiete" [FGSV02d] und die "Hinweise zum Fahrradparken" [FGSV95a] der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV). In dem FGSV-Arbeitspapier "Hinweise zur Integration der Belange von Kindern in die Verkehrsplanung" von 2010 [FGSV10a] werden Planungsgrundlagen für Radverkehrsanlagen für Kinder und Jugendliche aufgeführt.

Bei der Planung von Radverkehrsanlagen muss sich mittlerweile auch an der Nachfrage der Radfahrer orientiert werden, um sicher zu stellen, dass die Infrastruktur einen Mehrwert bietet. Eine reine Angebotsplanung geht mittlerweile an der Radfahrrealität und den Ansprüchen der Verkehrsteilnehmer vorbei. Dabei sind die Anforderungen und Bedürfnisse der verschiedenen Nutzergruppen zu berücksichtigen.
Kindern und Jugendliche haben hierbei eine besondere Bedeutung: Die motorischen und geistigen Fähigkeiten von Kindern zum Fahrradfahren entwickeln sich erst mit der Fahrpraxis und mit dem Alter. Neben den damit verbundenen verkehrlichen Sicherheitsaspekten, hat auch die soziale Sicherheit bei Kindern und Jugendlichen einen hohen Stellenwert. Somit sollte beispielsweise auf eine ausreichende Beleuchtung und Einsehbarkeit von Radwegen geachtet werden, ähnlich wie bei der Anlage von Gehwegen [ERA10, S. 15].

"Kinder brauchen ein sicheres Wohnumfeld. Deshalb ist in der Netzplanung besonders auf die Sicherung des Radverkehrs zwischen Wohnorten und Schulstandorten sowie zu Spielorten und Freizeiteinrichtungen zu achten [ERA10, S. 9]. Da für Rad fahrende Kinder bis zum 8. Lebensjahr die Benutzungspflicht beziehungsweise bis zum 10. Lebensjahr das Benutzungsrecht von Gehwegen gilt, sind diese entsprechend in Radverkehrsnetze für Kinder einzubeziehen. Auf ausreichende Breiten der Gehwege ist zur Vermeidung von Konflikten zwischen Fußgängern und Rad fahrenden Kindern zu achten. Ebenfalls müssen an entsprechenden Stellen die Borde befahrbar sein und das generelle Angebot an breiten Radwegen, Radfahrstreifen oder Angebotsstreifen verbessert werden. Zur Erhöhung der Verkehrssicherheit sind neben der Gewährleistung guter Sichtbeziehungen (insbesondere zwischen den Radfahrern und dem Kraftfahrzeugverkehr) auch angepasste Geschwindigkeiten, die die Möglichkeit zur Reaktion auf unvorhergesehene Situationen bieten, wichtig [VCÖ95, S. 37; Limb00, S. 149].

Generell wird ein möglichst lückenloses Radverkehrsnetz angestrebt dies ist vor allem für Kinder und Jugendliche im Einzugsgebiet der Schule wichtig. Die Qualität der einzelnen Radwege und Verbindungen (zum Beispiel Reisezeit, Umwegfaktor, Steigung) wird mit der Verbindungsfunktionsstufe festgelegt [ERA10, S. 10]. Maßnahmen wie beispielsweise das Aufheben von Einbahnregelungen für Radfahrer, Durchfahrten bei Sackgassen und Absperrungen, Nutzung des Gehweges oder neue Verbindungen und Abkürzungen können die Erschließungs- aber auch die Verbindungsfunktion der jeweiligen Radverkehrsanlagen enorm erhöhen. Diese Maßnahmen sollten jedoch hinsichtlich der Verkehrssicherheit überprüft und im Einzelfall abgewogen werden für Kinder und Jugendliche könnten hierbei neue Konflikte entstehen [ERA10, S. 60 ff.].

Weitere Aspekte eines attraktiven Radverkehrsnetzes betreffen die Abstellanlagen. Mindestanforderungen an Abstellanlagen sind sicherer Halt und Diebstahlschutz. Darüber hinaus sollten Abstellanlagen an stark von Kindern und Jugendlichen frequentierten Orten (Schulen, Kinderbetreuungseinrichtungen, Freizeiteinrichtungen ) überdacht und beleuchtet sein. Vorteilhaft ist ein Standort in der Nähe des Ziels und eine gute Einsehbarkeit (beispielsweise vom Klassenzimmer aus) [VCÖ95, S. 49 f.].

Neben gestalterischen Maßnahmen und der Netzplanung, leistet die schulische Mobilitätserziehung einen Beitrag zum sicheren Radfahren: Verkehrssicherheitsprogramme wie "Radfahren in der Schule" (Deutsche Verkehrswacht e.V.) oder Fahrradtrainings des ADAC schulen die Fertigkeiten und den Umgang mit Fahrrädern.

Letztlich ist es eine interdisziplinäre Aufgabe von Politik, Planern, Lehrern und Eltern, die Radwegenetze für Kinder sicherer und attraktiver zu Gestalten und Kinder weiterhin zum Radfahren zu animieren.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Mobilität von Kindern und Jugendlichen (Stand des Wissens: 27.02.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?195757
Literatur
[BMVI14u] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur Radverkehr in Deutschland. Zahlen, Daten, Fakten., 2014/08, ISBN/ISSN 978-­3­88118­-533­-2
[BMVI17x] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, SINUS Markt- und Sozialforschung (Hrsg.) Fahrrad-Monitor Deutschland 2017, 2017/10/25
[ERA10] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA), FGSV Verlag 2010, 2010, ISBN/ISSN 978-3-941790-63-6
[FGSV02d] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. Hinweise zum Radverkehr außerhalb städtischer Gebiete, Köln, 2002
[FGSV10a] FGSV-Arbeitskreis 1.1.1 "Gender und Mobilität" , Annette Albers, Karin Arndt, Gabriele Feller, Ulrike Huwer, Claudia Jürgens, Silvia Körntgen, Angelika Klein, Ursula Lehner-Lierz, Jörg von Mörner, Marcus Steirwald, Gisela Stete, , Hinweise zur Integration der Belange von Kindern in die Verkehrsplanung , 2010, ISBN/ISSN 978-3-941790-26-1
[FGSV95a] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. Hinweise zum Fahrradparken, 1995
[infas10] DLR - Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Institut für Verkehrsforschung, infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft Mobilität in Deutschland 2008 (MiD 2008) , 2010/02
[Inno12] Bock, B., Deibel, I., Schönduwe, R. Alles wie immer, nur irgendwie anders? Trends und Thesen zu veränderten Mobilitätsmustern junger Menschen, 2012
[Limb00] Flade, A., Dr. Dipl. Psych., Limbourg, M., Prof. Dra., Schönharting, Jörg, Univ.-Prof. Dr. techn. Mobilität im Kindes- und Jugendalter, Leske + Budrich, 2000
[StaBu17c] Verkehrsunfälle - Kinderunfälle im Straßenverkehr 2016, 2017/08/16
[VCÖ95] Verkehrsclub Österreich (VCÖ) Straßen für Kinder, veröffentlicht in Reihe Wissenschaft und Verkehr, Ausgabe/Auflage 1/1995, Linz, 1995
Weiterführende Literatur
[Hack04a] Hacke, U. Die Internet-Lernsoftware "Mit dem Fahrrad durchs Netz", veröffentlicht in Verkehrszeichen, Ausgabe/Auflage 2004 (1), 2004
[Flad99] Flade, A., Dr. Dipl. Psych. Einstellungen zur Verkehrsmittelnutzung von Mädchen und Jungen, veröffentlicht in Erziehung zur Mobilität - Jugendliche in der automobilen Gesellschaft, Frankfurt, Campus, 1999
[ERA95] Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA 95), FGSV Verlag / Köln, 1996
[ILS06b] Evelin Unger-Azadi Fachtagung "Junge Menschen und Mobilität" - Mobilitätskompetenz und Sicherheit parterschaftlich fördern... und finanzieren!, Dortmund, 2006/04
[PLIS00] Brunsing, Jürgen, Haase, Michael, Plate, Elke, Steinberg, Gernot Förderung des Rad- und Fußverkehrs - Ein Leitfaden für die kommunale Praxis in kleineren und mittleren Kommunen, 2000/07
[Graz01] Kinderbüro Graz Kindergerechte Verkehrsplanung. Ein Handbuch für die Praxis, Graz, 2001
[Dest16g] Verkehrsunfälle - Kinderunfälle im Straßenverkehr, Ausgabe/Auflage 2016, Wiesbaden, 2016/08/16
[VwV-StVO] Verwaltungsvorschrift zur StVO
Glossar
Umwegfaktor Der Umwegfaktor einer Verkehrsverbindung drückt das Verhältnis des kürzesten bzw. des gewählten Laufwegs zwischen zwei Knoten im Verhältnis zur Luftlinienentfernung dieser Knoten aus.
ADAC = Allgemeine Deutsche Automobil Club e. V.. Der ADAC nimmt für sich in Anspruch, die Interessen deutscher Auto-, Motorrad- und Bootfahrer zu vertreten. Er bietet - direkt oder über Tochterfirmen - Dienstleistungen an und produziert Stadtpläne sowie Straßenkarten. Außerdem betreibt er mehrere Fahrsicherheitszentren. Die ursprüngliche und bekannteste Dienstleistung des Clubs ist die Pannenhilfe.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?197323

Gedruckt am Mittwoch, 8. Juli 2020 05:30:51