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Vergleich der US-amerikanischen und europäischen Flugsicherung

Erstellt am: 15.09.2004 | Stand des Wissens: 17.09.2018
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TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Aufgrund einer ähnlichen Gesamtgröße des Luftraums bzw. des Verkehrsaufkommens können die Flugsicherungsdienste in Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika verglichen werden. Dazu hat EUROCONTROL (Europäische Organisation zur Sicherung der Luftfahrt, European Organisation for the Safety of Air Navigation) eine Untersuchung der amerikanischen und europäischen Kontrollzentren vorgenommen. Teile der Untersuchungen belegten eine effizientere Arbeitsweise amerikanischer Kontrollzentren. Es wurde festgestellt, dass die Kosten pro kontrollierter Flugstunde im europäischen Luftraum um 60 Prozent höher lagen [ECTR03n].

Im Durchschnitt wickelt der US-amerikanische Flugverkehrskontrolllotse (Air Traffic Controller - ATCO) in einer Arbeitsstunde 29 Prozent mehr Flugverkehrsstunden ab, als sein europäischer Kollege. Zudem haben amerikanische Lotsen rund 32 Prozent mehr Arbeitsstunden, was im Gesamtjahresvergleich zu einem Unterschied von 1200 Arbeitsstunden (1700 gegenüber 2900 Arbeitsstunden) führt. Beide Faktoren führen zu einem Produktivitätsverhältnis von 1,7 zwischen den amerikanischen und europäischen ATCOs [ECTR03n].
Abbildung 1: Vergleich der US-/Europäischen - Kosteneffektivität auf Systemebene [ECTR03n]

Hauptgründe dabei waren mehr abgewickelte Flüge durch US-amerikanische Flugsicherungslotsen und die geringeren Betriebskosten der Flugverkehrskontrollstellen (Personalkosten der ATCO ausgenommen). Die Möglichkeiten das Personal flexibler, angepasst an die Verkehrsschwankungen, einzusetzen, ermöglicht einen effizienteren Betrieb. Ebenso trägt die zivil-militärische Koordination innerhalb des ATFM (Air Traffic Flow Management) zu einer höheren Produktivität in den USA bei.

Die höheren Betriebskosten der europäischen Zentren (mit Ausnahme Controller-Personalkosten) sind durch eine größere Angestelltenzahl in Europa und deren vergleichsweise höheren Lohnkosten bedingt. Die Betriebskosten liegen im Schnitt 34 Prozent höher als beim amerikanischen Flugsicherungsdienstleister. Die höheren Lohnkosten für den Flugsicherungslotsen von rund 41 Prozent werden durch die höhere Arbeitsstundenzahl und die geringeren Betriebsgesamtkosten aufgefangen, so dass bei einem Faktor von 0,94 nahezu eine Ausgeglichenheit besteht. Die Studie zeigt die Unterschiede und Optimierungspotentiale. Berücksichtigt sind unterschiedliche rechtliche, wirtschaftliche und sozio-ökonomische Randbedingungen sowie ein anderes betriebliches Umfeld.

Unberücksichtigt bleibt hingegen das gewährleistete Sicherheitsniveau beider Systeme, sodass ein Unterschied aus den verfügbaren Daten nicht ersichtlich ist. Gleiches gilt für die Service-Qualität, die sich in erster Linie durch die Pünktlichkeit der Flüge niederschlägt. Ein Vorteil im US-amerikanischen Flugsicherungssystem ist darin zu sehen, dass die Schnittstellen zwischen den meisten Kontrollzentren in den USA auf rein nationaler Ebene sind und den Übergabeprozess des Flugverkehrs vereinfachen, während im europäischen Luftverkehrsgebiet oftmals internationale Schnittstellen bestehen.

Die insgesamt höheren Flugsicherungskosten, im Schnitt 70 Prozent bei einer Gate-to-Gate-Betrachtung, gehen letztendlich zu Lasten der Luftverkehrsgesellschaften und damit zu Lasten der Passagiere. Als wichtigste Einflussfaktoren wurden in der Studie folgende Bereiche identifiziert:
  • Soziale und kulturelle Unterschiede: Hierzu ist die grundsätzliche geringere Arbeitszeit in Europa zu zählen, deren Umstellung nicht problemlos zu realisieren ist.
  • Verkehrskomplexität und -variabilität: Der Faktor Komplexität steht für den Leistungsunterschied, jedoch konnte kein gravierender Unterschied festgestellt werden.
  • Flexibilität der Ressourcennutzung: Zentralelement der erreichten höheren Effizienz ist die bessere Anpassung der Personalsituation an die Verkehrsverhältnisse. In Europa sind die Personalbelegungen seit Jahren unverändert und es gibt Anzeichen, dass Praktiken einiger Flugsicherungsdienstleister Verbesserungen bringen können.
  • Gesamtbetriebskosten: Mit Ausnahme der Lotsengehälter sind die Kosten der Flugsicherungsdienstleister in Europa sehr viel größer und der Gesamtpersonalbestand ist höher.
  • Luftverkehrsmanagement: Die Verkehrsflusssteuerung wird in Europa einen Tag im Voraus geplant, während sie in den USA innerhalb weniger Stunden vor dem Flugereignis erfolgt. Eine größere Zahl von Verfahrensweisen steht zur Verfügung und die in Europa praktizierte Verzögerung der Flüge am Boden, findet nur als allerletzte Lösung Anwendung. Entscheidungs- und Optimierungsprozesse werden in Absprache mit allen Luftverkehrsteilnehmern fortgesetzt und erhalten abgestimmte Lösungen [BDF18].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Sicherheitsaspekte der Flugsicherung (Stand des Wissens: 19.09.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?87935
Literatur
[BDF18] Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften e.V. (Hrsg.) Der Vergleich mit den USA zeigt: Europa leistet sich eine hoch fragmentierte und ineffiziente Flugsicherung, 2017
[ECTR03n] k.A. A comparison of performance in selected US and European En-route Centres, Eurocontrol, Brüssel, Belgien, 2003/05
Weiterführende Literatur
[JAA03] o.A. PRR6 - Performance Review Report, Joint Aviation authorities, Hoofddorp, Niederlande, 2003/02/26

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?107509

Gedruckt am Mittwoch, 19. Dezember 2018 14:24:26