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Das Marktsegment des grenzüberschreitenden Schienenpersonen(fern)verkehrs in Europa

Erstellt am: 16.09.2002 | Stand des Wissens: 29.06.2018
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TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Marktvolumen

Im Verhältnis zum nationalen Eisenbahnverkehr der EU-Mitgliedsstaaten erweisen sich die Zugzahlen des grenzüberschreitenden Schienenpersonenverkehrs als verhältnismäßig gering. Im Jahr 2016 verzeichneten die EU-28-Mitgliedsstaaten im internationalen Schienenpersonenverkehr eine Verkehrsleistung in Höhe von etwa 24 Milliarden Personenkilometern. Dies entspricht einem Anteil von lediglich 5,5 Prozent der erbrachten Verkehrsleistung des Schienenpersonenverkehrs (circa 442 Milliarden Personenkilometer). 2008 bis 2016 stieg jedoch das Verkehrsaufkommen im grenzüberschreitenden Verkehr von und nach Deutschland von 10,7 Millionen auf 13,9 Millionen Passagiere. Dies entspricht einem Anteil von 10,1 Prozent am gesamten Aufkommen des Schienenpersonenfernverkehrs in Deutschland im Jahr 2016 (circa 138,5 Millionen Passagiere). [StaBu17a; Stat648; EUKOM17] Abbildung 1 gibt die länderspezifische Relevanz von grenzüberschreitendem Schienenpersonenverkehr wieder.
anteil_grenzueberschreitend.pngAbb. 1: Anteil grenzüberschreitender Schienenpersonenverkehre ausgewählter EU-Länder (eigene Darstellung nach [Stat648], Angaben 2016 oder neueste verfügbare Werte, nur Intra-EU-28-Verkehre)
Die zurückgelegte Distanz der circa 100 Millionen grenzüberschreitenden Fahrten (Stand 2007) innerhalb der EU27 liegt bei mehr als 90 Prozent der Fahrten unter 300 Kilometern. Zudem finden 85 Prozent dieser Fahrten innerhalb der alten EU15-Staaten statt. Hinzu kommen noch 20 Millionen Fahrten von und nach Norwegen und in die Schweiz sowie 6 Millionen Fahrten von den Balkanstaaten oder anderen Nicht-EU-Ländern. [AfET10]
Der Umsatz europäischer Bahnen aus internationalen Beförderungsangeboten belief sich vor etwa zehn Jahren je nach Schätzung auf 2,4 bis 4,0 Milliarden Euro pro Jahr, was einem Anteil von mindestens 10 Prozent am Gesamtumsatz der Eisenbahnverkehrsunternehmen der Union Internationale des Chemins de fer (UIC) entsprach [OGM02, S. 13]. In Staaten mit geringer geografischer Ausdehnung ist dieser Anteil jedoch wesentlich höher anzusetzen. So betrug er in Luxemburg 70 Prozent, in Belgien 33 Prozent und in Österreich 17 Prozent [EUKOM04a, S. 9]. Da entsprechende betriebswirtschaftliche Daten keinen Bestandteil regelmäßig erhobener, öffentlich zugänglicher Statistiken darstellen, lässt sich eine Veränderung betreffender Umsatzproportionen gegenwärtig nicht anhand aktueller Publikationen dokumentieren.
Bedeutende Relationen

Eine andere Sicht auf den grenzüberschreitenden europäischen Schienenpersonenverkehr eröffnet die Betrachtung von sogenannten Länderpaaren. Auf die häufigsten 20 Verbindungen entfiel 2009 ungefähr 75 Prozent des gesamten Intra-EU-Schienenpersonenverkehrs. Allein 40 Prozent des grenzüberschreitenden Personenverkehrs in der EU fand zwischen Frankreich und dem Vereinigten Königreich sowie zwischen Schweden und Dänemark statt. Dies wird auf die besonderen Angebote des Eurostar und der Öresund-Verbindung zurückgeführt [Pasi07]. Tabelle 1 zeigt die fünf im grenzüberschreitenden Bahnverkehr aufkommensstärksten Länderpaare, basierend auf Daten von 2009. Das Verkehrsaufkommen im grenzüberschreitenden Verkehr zwischen Deutschland und der Schweiz kann mit 4,1 Millionen Fahrgästen im Jahr 2009 als Vergleichswert herangezogen werden [Stat647].

laenderpaare_neu.JPGTab. 1: Top fünf der wichtigsten Intra-EU-Verbindungen (EU-27) im grenzüberschreitenden Schienenpersonenverkehr, 2009 (eigene Darstellung nach [Stat647])
Insgesamt können bei der grenzüberschreitenden Personenbeförderung fünf Marktsegmente mit jeweils unterschiedlichen Merkmalen und Zielgruppen identifiziert werden.
  • Das erste Segment bezieht sich auf die grenzüberschreitenden, regionalen Verbindungen für Pendler und Touristen, bei denen die Reiseweite 80-90 Kilometer nicht übersteigt. Dieses Angebot ist hauptsächlich auf die Bewohner der Grenzregionen ausgerichtet, die ihren Wohnsitz und Arbeitsplatz in unterschiedlichen Staaten haben.
  • Städtefernverbindungen fallen in das zweite Segment, welches neben den Hochgeschwindigkeitsrelationen am bekanntesten ist und vorwiegend von Urlaubern und Geschäftsreisenden benutzt wird.
  • Das Hochgeschwindigkeitssegment gibt es erst seit dem Bau spezieller Hochgeschwindigkeitsstrecken. Dieses Segment erwies sich bezüglich der Verlagerung von Transportleistungen auf die Schiene als sehr erfolgreich. Das beste Beispiel hierfür ist die Strecke Brüssel-Paris, auf der eine auffallende Verlagerung des Verkehrs vom Flugzeug und der Straße auf die Schiene stattgefunden hat.
  • Das vierte Segment betrifft die so genannten Nischen mit regelmäßigem Angebot: Nachtzüge und über Nacht verkehrende Autoreisezüge, die für den Tourismus- und Freizeitverkehr von Bedeutung sind.
  • Schließlich gibt es noch den Markt des Gelegenheitsverkehrs, der je nach Jahreszeit Sonderbeförderungsleistungen in Wintersportgebiete oder an die See umfasst.
[EUKOM01, S. 37 f.]
Frühe Studien über die Kundenzufriedenheit bezüglich des Angebots des internationalen Schienenpersonenverkehrs ermittelten in der Vergangenheit Qualitätsdefizite insbesondere im Bereich der Kundeninformation und des Ticketerwerbs. Abgesehen von einigen Relationen mit beispielhaftem Service in der ersten Klasse (zum Beispiel Platzservice) ist die normale Servicequalität nicht mit der beim Konkurrenten Flugzeug vergleichbar. In der Addition haben die angetroffenen Qualitätsstandards zur Folge, dass internationale Züge in der öffentlichen Wahrnehmung schlecht abschneiden [OGM02, S. 8 ff.]. Eine Studie des Verkehrs-Club Deutschland brachte allerdings bei der Ermittlung von Preisen und Verbindungen ins benachbarte Ausland ebenfalls schlechte Ergebnisse. 35 Prozent der verkauften Tickets enthielten nicht die bestmöglichste Reiseempfehlung. 23,3 Prozent waren zu teuer, 3,9 Prozent zu lang, 2,8 Prozent enthielten zu viele Umstiege und bei 5 Prozent konnte der endgültige Fahrpreis nicht genannt werden [VCD06, S. 6].
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TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Der Markt des Schienenpersonenfernverkehrs (Stand des Wissens: 12.07.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?308244
Literatur
[AfET10] Hedi Maurer, Arnaud Burgess, Pieter Hilferink, Eric Kroes, Tony Whiteing EFFECTS OF THE EU RAIL LIBERALISATION ON INTERNATIONAL RAIL PASSENGER TRANSPORT, 2010
[EUKOM01] k.A. Weissbuch - Die europäische Verkehrspolitik bis 2010: Weichenstellung für die Zukunft, Brüssel, 2001, ISBN/ISSN 92-894-0339-X
[EUKOM04a] o.A. Mitteilung der Kommission - Fortsetzung der Integration des europäischen Eisenbahnsystems - drittes Eisenbahnpaket, Brüssel, 2004/03/03
[EUKOM17] Europäische Kommission (Hrsg.) EU Transport in Figures - Statistical Pocketbook 2017, Publications Office of the European Union / Luxembourg, 2017, ISBN/ISSN ISBN 978-92-79-62311-0
[OGM02] Mathieu, Yves Developing EU (International) Rail Passenger Transport, Brüssel, 2002/02
[Pasi07] Pasi, Simon Eisenbahnpersonenverkehr 2004-2005, veröffentlicht in Statistik kurz gefasst, 2007
[StaBu17a] Statistisches Bundesamt Statistisches Bundesamt: Fachserie 8 Reihe 2, Eisenbahnverkehr - Jahresergebnisse 2016, 2017/09/04
[VCD06] o.A. VCD Bahntest 2006: Unterwegs durch Europa, 2006/04
Weiterführende Literatur
[DBAG07w] o.A. Deutsche Bahn plant starkes Wachstum im internationalen Fernverkehr, Berlin, 2007/11/19
[EuKom06b] o. A. Halbzeitbilanz zum Verkehrsweißbuch der Europäischen Kommission von 2001, 2006
[Stat646] Statistisches Bundesamt SPFV: Anzahl der Fahrgäste und Beförderungsleistung (2011), 2012/06/18
[Stat647] Europäische Kommission International railway passenger transport from the reporting country to the country of disembarkation (Germany), 2012/09/14
[Stat648] Europäische Kommission Railway transport - Passenger transport by type of transport, 2012/09
[Stat649] Europäische Kommission International railway passenger transport from the reporting country to the country of disembarkation (EU-27), 2012/09/14
Glossar
Personenkilometer
Die Einheit Personenkilometer [Pkm] beschreibt die im Rahmen einer Personenbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Verkehrsmenge (Summe der beförderten Personen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km.
Verkehrsarbeit [Pkm] = Verkehrsmenge [P] * Wegstrecke [km]
Verkehrsaufkommen Das Verkehrsaufkommen beschreibt die Anzahl der zurückgelegten Wege, beförderten Personen oder Güter pro Zeiteinheit. Im Unterschied dazu bezieht sich das spezifische Verkehrsaufkommen auf zurückgelegte Wege und beschreibt die mittlere Anzahl der Ortsveränderungen pro Person und Zeiteinheit.
Verkehrsleistung Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter, Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] bzw. Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.
Schienenpersonenfernverkehr
Der Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) ist die Beförderung von Reisenden mit Eisenbahnzügen über längere Strecken mit mehr als einer Stunde Fahrzeit oder 50 km Entfernung. Im Gegenzug zum Schienenpersonennahverkehr (SPNV) bzw. dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) wird der SPFV eigenwirtschaftlich betrieben und muss sich betriebsökonomisch selbst tragen.
EU-28
Bis Ende 2006 hatte Europäische Union (EU) 25 Mitgliedsstaaten (EU-25). Mit dem Beitritt Bulgariens und Rumäniens wurde sie ab dem 1. Januar 2007 zur EU-27 erweitert. Seit dem 1. Juli 2013 ist Kroatien der 28. Mitgliedsstaat der EU. Seitdem werden die Mitglieder der Union in ihrer Gesamtheit auch als "EU-28-Staaten" oder "EU-28" bezeichnet.
  1. Belgien (BE)
  2. Bulgarien (BG, seit 01.01.2007, EU-27)
  3. Dänemark (DK)
  4. Deutschland (DE)
  5. Estland (EE)
  6. Finnland (FI)
  7. Frankreich (FR)
  8. Griechenland (GR)
  9. Irland (IE)
  10. Italien (IT)
  11. Kroatien (HR, seit 01.07.2013, EU-28)
  12. Lettland (LV)
  13. Litauen (LT)
  14. Luxemburg (LU)
  15. Malta (MT)
  16. Niederlande (NL)
  17. Österreich (AT)
  18. Polen (PL)
  19. Portugal (PT)
  20. Rumänien (RO, seit 01.01.2007, EU-27)
  21. Schweden (SE)
  22. Slowakei (SK)
  23. Slowenien (SI)
  24. Spanien (ES)
  25. Tschechien (CZ)
  26. Ungarn (HU)
  27. Vereinigtes Königreich (GB)
  28. Zypern (CY)
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?9627

Gedruckt am Donnerstag, 17. Oktober 2019 17:39:27