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Kombinierter Verkehr mit Beteiligung der Schiene

Erstellt am: 13.09.2002 | Stand des Wissens: 05.07.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Unter dem Begriff Kombinierter Verkehr (KV) versteht man einen verkehrsträgerübergreifenden Gütertransport, bei dem die Güter während des gesamten Transports in einer Ladungseinheit, wie beispielsweise dem Container oder der Wechselbrücke, zusammenbleiben. Der KV entlastet die Straßen und senkt gleichzeitig die Emissionen im Güterverkehr [Beck14, S. 39 f.].
Beim Transportvorgang werden mindestens zwei verschiedene Verkehrsträger (Lastkraftwagen, Schiene, Binnen- oder Seeschiff) genutzt. Der Vor- und Nachlauf wird über die Straße abgewickelt. Dadurch können alle Versender und Empfänger flächendeckend erreicht werden [Beck14, S. 39 f.]. Beim Hauptlauf werden vornehmlich Verkehrsträger der Schiene und der Wasserstraße verwendet (vergleiche Abbildung 1). Durch die Kombination verschiedener Verkehrsträger können die jeweiligen Systemvorteile miteinander verknüpft werden [DBAG12d]. Mit dem Vor- und Nachlauf über die Straße wird eine möglichst kurze Strecke abgedeckt und ist insbesondere für Sammel- und Verteilverkehre geeignet. Beim Hauptlauf hingegen wird der größte Teil der Strecke mithilfe des Schienengüterverkehrs oder von Binnenschiffen ausgeführt, um große Mengen möglichst kosten- und energieeffizient zu transportieren. Am häufigsten werden im Kombinierten Verkehr die Verkehrsträger Straße und Schiene miteinander verknüpft [ArIs08, S. 734]. Ein entscheidender Vorteil des Kombinierten Verkehrs ist, dass auch Versender und Empfänger ohne einen eigenen Gleisanschluss beim Transport von Gütern die Systemvorteile des Schienenverkehrs nutzen können.
kv-schema3.jpg Abbildung 1: Transportkette im Kombinierten Verkehr (eigene Darstellung) (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Der Kombinierte Verkehr kann in zwei Formen unterteilt werden. Zum einen gibt es den begleiteten Kombinierten Verkehr, bei dem der komplette Lkw als Ladungsträger auf die Bahn umgeschlagen wird (horizontaler Umschlag). Diese Form des Transports wird daher auch als ,,Rollende Landstraße" bezeichnet [Beck14, S. 40]. Dabei befördert der Fahrer den Lkw einschließlich des Anhängers über eine Rampe auf den Niederflurwaggon eines Zuges und begleitet den Transport in einem Liegewaggon. Das hat den Vorteil, dass die Zeiten, die der Fahrer auf dem Zug mitfährt, als Ruhezeiten anerkannt werden [Haas08, S. 118]. Der Transport des kompletten Lastzuges führt jedoch zu einem ungünstigen Verhältnis von Nutz- zu Totlast [SiGr02, S. C 3-21].
Zum anderen gibt es den unbegleiteten Kombinierten Verkehr, bei dem nur das Transportgefäß auf die Bahn ohne die personelle Begleitung der Güter umgeschlagen wird (vertikaler Umschlag) [Schi08a], [Beck14, S. 40]. Damit ein reibungsloser Wechsel zwischen den verschiedenen Verkehrsträgern stattfinden kann, werden standardisierte Ladungseinheiten (Standard Loading Unit), wie beispielsweise Container, Wechselbrücken oder Sattelauflieger eingesetzt [Beck14, S. 39]. Der Umschlag erfolgt an sogenannten Umschlagterminals.

Im Kombinierten Verkehr kann außerdem zwischen dem speditionsdominierten Kombinierten Verkehr und dem ISO-Container-Transporten im originären Bahnverkehr unterschieden werden. Für Letztere haben Kombiverkehrsgesellschaften zusammen mit den europäischen Bahnen ein Bedienungsnetz zwischen den großen Umschlaganlagen aufgebaut. Dabei übernehmen die Kombiverkehrsgesellschaften weitgehend das Auslastungsrisiko der Züge [ClGe13, S. 261]. KV-Züge fahren durchschnittlich über 50 Kilometer pro Stunde (zwischen Ladeschluss und Abladebeginn) und verbinden damit die wichtigsten europäischen Umschlagbahnhöfe bis zu einer Entfernung von 700 Kilometern über Nacht. Größere Transportweiten werden innerhalb von 36 Stunden bedient. Die schnellen Verkehrsnetze konzentrieren sich bislang auf nur wenige Verbindungen, auf denen der Kombinierte Verkehr hohe Marktanteile verzeichnen kann. Beispiele sind Seehafen-Hinterlandverkehre, welche mit qualitativ hochwertigen Direktzügen abgewickelt werden. Destinationen mit geringerem Ladungsaufkommen werden über sogenannte Drehscheiben geführt, in denen Wagengruppen zwischen mehreren KV-Zügen getauscht werden [Sieg01, S. 94; SiGr02, S. C 3-21].
Der klassische Kombinierte Verkehr mit Großcontainern, Wechselbehältern und Sattelanhängern ist nur in Ballungsräume sowie auf großen Entfernungen profitabel [Brem15, S. 19]. Um die Nutzung des Kombinierten Verkehrs zu steigern, muss eine attraktive Angebotsgestaltung erfolgen. Gleichzeitig müssen die Investitions- und Betriebskosten, insbesondere von kleinen Umschlagplätzen, gering gehalten werden. Dies kann durch die Verwendung von mobilen Umschlaggeräten, selbstumschlagenden Lkw oder Abrollcontainerfahrzeugen erfolgen. Diese Form des Kombinierten Verkehrs wird als Sekundärer Kombinierter Verkehr bezeichnet.
In Deutschland wurde 2016 eine Beförderungsleistung von 116,1 Milliarden Tonnenkilometer im Schienengüterverkehr erbracht. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Wert um 0,4 Prozent gesunken. Im Binnenverkehr wurden 1,8 Prozent weniger Güter transportiert, als noch im Vorjahr [StaBu17, S. 10,24]. Im Kombinierten Verkehr erhöhte sich 2013 die Menge der transportierten Güter, welche überwiegend in Containern und Wechselbehältern transportiert werden, um 9,04 Prozent auf 85,0 Millionen Tonnen [StaBu15a, S. 8].
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Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Der Markt des Schienengüterverkehrs (Stand des Wissens: 13.08.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?307323
Technische und organisatorische Rahmenbedingungen des Schienengüterverkehrs (Stand des Wissens: 12.06.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?337416
Literatur
[ArIs08] Arnold, D., Isermann, H., Kuhn, A., Furmans, K., Tempelmeier, H. Handbuch Logistik, Ausgabe/Auflage 3., neu bearbeitete Auflage, Springer-Verlag / Berlin Heidelberg, 2008, ISBN/ISSN 3540729283
[Beck14] Becker, Klaus G. (Hrsg.) Handbuch Schienengüterverkehr, Ausgabe/Auflage 1. Auflage, DVV Media Group GmbH / Eurailpress, Hamburg, 2014, ISBN/ISSN 978-3-7771-0458-4
[Brem15] bremenports GmbH & Co. KG (Hrsg.) Logistics Pilot (April 2015), DVV Kundenmagazine GmbH, 2015/04, ISBN/ISSN 2195-8548
[ClGe13] Uwe Clausen, Christiane Geiger Verkehrs- und Transportlogistik (2. Auflage), Springer Vieweg Verlag, 2013/10/07, ISBN/ISSN 978-3-540-34298-4
[DBAG12d] Was ist eigentlich Kombinierter Verkehr?, 2012/03/21
[Haas08] Haasis, Hans-Dietrich Produktions- und Logistikmanagement - Planung und Gestaltung von Wertschöpfungsprozessen, Ausgabe/Auflage 1, Betriebswirtschaftlicher Verlag Gabler / Wiesbaden, 2008, ISBN/ISSN 978-3-8349-0361-7
[Schi08a] Schieck, A. Internationale Logistik, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2008, ISBN/ISSN 3486583255
[Sieg01] Siegmann, Jürgen, Prof. Dr.-Ing. habil. Angebotsstrategien und Produktionsplanungen einer zukunftsfähigen Bahn, veröffentlicht in 50 Jahr ETR - Impulsgeber für das System Bahn, Hestra-Verlag Darmstadt, 2001, ISBN/ISSN 3-7771-0299-7
[SiGr02] Große, Christine, Dr.-Ing., Siegmann, Jürgen, Prof. Dr.-Ing. habil. Technische Logistiksysteme - Außerbetriebliche Logistik - Eisenbahngüterverkehr, veröffentlicht in Handbuch Logistik, Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, New York, 2002, ISBN/ISSN 3-540-41996-9
[StaBu15a] o.A. Kombinierter Verkehr 2014: Fachserie 8 Reihe 1.3, Ausgabe/Auflage Fachserie 8 Reihe 1.3, 2015/12/10
[StaBu17] Statistisches Bundesamt (Hrsg.) Verkehr aktuell: Fachserie 8 Reihe 1.1 (08/2017), Ausgabe/Auflage Fachserie 8 Reihe 1.1, 2017/08/30
Glossar
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
tkm tkm = Tonnenkilometer Die Einheit Tonnenkilometer [tkm] beschreibt die im Rahmen einer Güterbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Gütermenge (Summe der beförderten Güter in Tonnen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km. Verkehrsarbeit [tkm] = Gütermenge [t] * Wegstrecke [km]
Hauptlauf Unter dem Hauptlauf ist im Kombinierten Verkehr der gebündelte Transport von Ladeeinheiten zwischen zwei Umschlagpunkten zu verstehen. Am Umschlagpunkt wechselt die Ladeeinheit das Transportmittel. Transporte vom Versender zum Umschlagpunkt oder von dort zum Empfänger werden als Vor- bzw. Nachlauf bezeichnet.
Horizontalumschlag Beim Horizontalumschlag werden zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln Ladeeinheiten entlang der Waagerechten umgeladen, das heißt ohne sie in nennenswertem Umfang anzuheben.
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Umschlagbahnhof Umschlagbahnhöfe (Ubf) dienen dem Übergang von Gütern auf oder von Schienenfahrzeugen bzw. dem Wechsel von diesen zu Transportmitteln anderer Verkehrsträger. Im letzteren Fall spricht man auch von Terminals des kombinierten Verkehrs (KV-Terminal). Diese stellen typischerweise Umschlagpunkte von Ladeeinheiten wie Container, Wechselbehälter, Wechselbrücken oder Sattelauflieger dar. Bei Ubf in Häfen und Flughäfen spricht man von "Seehafenterminals" oder "Flughafenterminals".
Vor- und Nachlauf Unter Vor- und Nachlauf sind im Kombinierten Verkehr Transporte der Ladeeinheit vom Versender zum Umschlagpunkt oder von dort zum Empfänger zu verstehen. Am Umschlagpunkt wechselt die Ladeeinheit das Verkehrsmittel. Der Transport zwischen zwei Umschlagpunkten wird als Hauptlauf bezeichnet.
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
Versender Versender (auch Verlader genannt) sind Unternehmen, die Transportleistungen und verwandte logistische Dienstleistungen für ihre Sendungen nachfragen.
Sattelauflieger Ein motorloses Fahrzeug für den Güterverkehr, das dazu bestimmt ist, so an eine Zugmaschine angekuppelt zu werden, dass ein wesentlicher Teil seines Gewichts und seiner Ladung von diesem Kraftfahrzeug getragen wird. Eine Anpassung der Sattelanhäger für die Verwendung im Kombinierten Verkehr kann erforderlich sein. Der Begriff Sattelanhänger wird im FIS synonym verwendet.
Betriebskosten Betriebskosten sind laufende Aufwendungen, die im Zusammenhang mit der Erbringung von Verkehrsleistungen entstehen. Hierzu zählen bspw. Aufwendungen für Energie, Personal, Trassen- oder Mautgebühren.
Rollende Landstraße
Die Rollende Landstraße (RoLa) ist ein Produkt im Bereich des Schienengüterverkehrs. Sie stellt eine spezifische Form des begleiteten Kombinierten Verkehrs dar. Dabei werden Lastkraftwagen bzw. Sattelzüge mit Hilfe der Roll-On/Roll-Off-Technik auf einen Güterzug aus durchgehenden Niederflurwagen verladen und über eine bestimmte Strecke transportiert. Die Fahrer begleiten ihre Fahrzeuge i. d. R. in einem mitgeführten Reisezugwagen. In Europa wird die RoLa z. B. für alpenquerende Verkehre angeboten. Sie kann eine betriebswirtschaftliche und/oder ökologische Alternative zum Straßengütertransport sein.
Wechselbrücke Ein für den Gütertransport bestimmter Behälter, der im Hinblick auf die Abmessungen von Straßenfahrzeugen optimiert wurde und mit Greifkanten für den Umschlag zwischen den Verkehrsmitteln - in der Regel Straße-Schiene - ausgestattet ist. Gebräuchlich sind Behälter mit Längen von 7 m (Klasse C) und 13 m (Klasse A).
ISO-Container Nach ISO-Norm 668 international genormter Großraumbehälter
Transportkette
Nach DIN 30781 eine Folge von technisch und organisatorisch miteinander verknüpften Vorgängen, bei denen Personen oder Güter von einer Quelle zu einem Ziel bewegt werden, im weiteren Sinne alle Transferprozesse zwischen Quelle und Senke.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?9257

Gedruckt am Dienstag, 11. August 2020 21:08:35