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Einzelwagenverkehr im Schienengüterverkehr

Erstellt am: 13.09.2002 | Stand des Wissens: 23.07.2018
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg-Harburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Beim Einzelwagenverkehr (EWV) werden vom Kunden, zumeist in Gleisanschlüssen beladene einzelne Wagen oder Wagengruppen, zu den entsprechenden Zielbahnhöfen transportiert. Das Einzelwagensystem beinhaltet mehr Schnittstellen und damit komplexere Prozesse als der Ganzzugverkehr, bei dem der geschlossene Wagenverband zwischen Quelle und Ziel verkehrt. In Europa beträgt der Anteil des EWV am Schienengüterverkehrsaufkommen etwa 50 Prozent (Ganzzug 35 Prozent und Kombinierter Verkehr 15 Prozent) [UIC10; Brig13]. In Deutschland liegt er nach Zahlen der Deutschen Bahn AG mit 30 Prozent unter dem europäischen Anteil (Ganzzug 50 Prozent und Kombinierter Verkehr 20 Prozent) [NiPa09]. Für eine effektive Zugbildung ist es erforderlich, die Wagen mehrerer Kunden zu sammeln und aus den für die gleiche Richtung bestimmten Wagen größere Produktionseinheiten (Züge) zu bilden [Bern01, S. 42; SiHe12, S. 502].

Im Knotenpunktsystem existiert eine feste Hierarchie von Zugbildungsbahnhöfen (Zbf). In den Gleisanschlüssen oder Werksbahnen werden die Wagen be- oder entladen und von dort aus zum ersten regionalen Bündelungspunkt gefahren. Derzeit existieren circa 2400 Gleisanschlüsse im Schienennetz der DB Netz AG [DBAG14c, S. 24]. In den Bündelungspunkten, sogenannten Satellitenbahnhöfe, werden diese mit Wagen anderer Gleisanschlüsse zusammengestellt und zur nächsten Hierarchieebene, den Knotenpunktbahnhöfen, transportiert. Nach einer dort erfolgten weiteren Bündelung werden die Wagen letztendlich in den Zugbildungsanlagen (ZBA) eines Rangierbahnhofs (Rbf) zu überregionalen Zügen zusammengestellt. Diese werden an der Ziel-ZBA wieder aufgelöst und die Verteilung läuft analog in umgekehrter Reihenfolge über die verschiedenen Hierarchiestufen ab. Im System existiert in der Regel eine direkte Zuordnung zwischen Satelliten- und Knotenbahnhof sowie zwischen Knotenbahnhof und ZBA [BMWI09b, S. 131 f.; NiPa09].

Durch den hohen infrastrukturelle Aufwand in den ZBA in Verbindung mit einem hohen Spitzenaufkommen, resultieren hohe Stückkosten im EWV. Zudem ist die Zugbildung zeitintensiv und stellt ein Risiko für die Zuverlässigkeit des Transportvorgangs dar. Die Transportdauer und Standzeit ist im Vergleich zum Lkw allgemein sehr hoch.
Beim Sammeln und Verteilen der Einzelwagen in der Fläche entsteht ein hoher betrieblicher Aufwand. Diese Tätigkeit wird verstärkt von Nichtbundeseigenen Bahnen (NE-Bahnen) übernommen. Der überwiegende Teil der Umsätze (85 Prozent) wurde mit Großkunden erzielt. Dagegen verursachen Gelegenheitsverlader einen durchschnittlichen Verlust von 85,90 EUR pro Wagen. Dementsprechend prüfte das Unternehmen im Rahmen des Programms MORA C die Schließung unrentabler Güterverkehrsstellen und setzte diese bis 2002 vielerorts auch um [Scha11a, S. 10; Reh04, S. 41].

Aufgrund der hohen Eintrittsbarrieren in den Markt des Einzelwagenverkehrs (EWV) und der geringen Renditeerwartungen, welche aus dem hohen infrastrukturellen und organisatorischen Aufwand resultieren, existiert bislang kaum intramodaler Wettbewerb [HaKo13, S. 118]. Im europäischen Kontext war ein kontinuierlicher Abwärtstrend des Schienengüterverkehrs (SGV), vor allem des Einzelwagenladungsverkehrs, zu Gunsten des Lkws zu beobachten.
Der EWV wird im europäischen Markt derzeit nicht kostendeckend abgewickelt. Dies fand bereits eine EU-Studie aus dem Jahr 2001 heraus, wobei der Kostendeckungsgrad auf durchschnittlich 63 Prozent geschätzt wurde [Symo01, S. 90]. Neuere Daten einzelner Anbieter beziehungsweise Länder zeigen jedoch einen höheren Kostendeckungsgrad auf. So gibt der österreichische Marktführer Rail Cargo Austria AG bei konventionellen EWV-Angeboten einen Kostendeckungsgrad von über 80 Prozent (Bezugsjahr: 2012) an [Helm13b, S. 69]. Gründe für die geringe Profitabilität im europäischen EWV sind unter anderem der hohe Fixkostenanteil und das relativ niedrige Transportvolumen [Symo01, S. 198 ff.].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg-Harburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Der Markt des Schienengüterverkehrs (Stand des Wissens: 13.08.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?307323
Marktsegmente und Produktkategorien im Schienengüterverkehr (Stand des Wissens: 05.06.2015)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?449755
Technische und organisatorische Rahmenbedingungen des Schienengüterverkehrs (Stand des Wissens: 19.09.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?337416
Literatur
[Bern01] Berndt, Thomas, Prof. Dr.-Ing. Eisenbahngüterverkehr, Ausgabe/Auflage 1, Verlag B.G. Teubner / Stuttgart, 2001, ISBN/ISSN 3-519-06387-5
[BMWI09b] o. A. FlexCargoRail - Definitionsphase, Berlin, 2009/06/26
[Brig13] Briginshaw, David European railfreight needs to maximise its potential, veröffentlicht in International Railway Journal, 2013/05/01
[DBAG14c] o. A. Deutsche Bahn DB Mobility Logistics - Daten & Fakten 2013, Berlin, 2014
[HaKo13] Haucap, Justus, Kollmann, Dagmar, Nöcker, Thomas, Westerwelle, Angelika Bahn 2013: Reform zügig umsetzen! - Sondergutachten 64, Bonn, 2013/06
[Helm13b] Helmenstein, Christian Schienengüterverkehr - Markt und Wettbewerbssituation, Wien, 2013
[NiPa09] Nikutta, Sigrid, Pahl, Mirko Das Produktionssystem im Schienengüterverkehr - Schlanke Produktionsstrukturen in vernetzten Systemen, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 02/09, Bahn Fachverlag / Berlin, 2009/02, ISBN/ISSN 0948-7263
[Reh04] Reh, Franz Gleisanschlüsse im Schienenverkehr - Ökonomische Analyse von Gleisanschlussverkehren und Beurteilung alternativer Fördermaßnahmen, Kölner Wissenschaftsverlag, Köln , 2004, ISBN/ISSN 3-937404-08-2
[Scha11a] Schaumann, Henning Neuausrichtung des Einzelwagenverkehrs, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau (ETR), Ausgabe/Auflage 04/2011, DVV Media Group GmbH , 2011, ISBN/ISSN 0013-2845
[SiHe12] Siegmann, Jürgen, Heidmeier, Sven, Schönemann, René, Schienengüterverkehr, veröffentlicht in Gabler Lexikon Logistik: Management logistischer Netzwerke und Flüsse, Ausgabe/Auflage 5. Auflage, Springer Gabler, Wiesbaden, 2012, ISBN/ISSN 3834933716
[Symo01] Symonds Group Ltd A Study of Single Wagonload Rail Traffic. Final Report, 2001/07
[UIC10] o. A. Xrail - The European Wagonload Alliance, Zürich, 2010/02/18
Weiterführende Literatur
[ClKo06] Kochsiek, Joachim, Dipl.-Ing., Dipl.-Wirt.-Ing., Kuchenbecker, Michael, Dipl.-Ing., Clausen, Uwe, Prof. Dr.-Ing. Bedeutung von Gleisanschlüssen und Einzelwagenverkehr, Logistikfähigkeit und SCM-Integration des Schienengüterverkehrs, veröffentlicht in Logistik Management, Ausgabe/Auflage 8. Jahrgang, Ausgabe 3, 2006, aspecta Verlagsgesellschaft, Nürnberg, 2006, ISBN/ISSN 1436-6231
[Bruc06] Bruckmann, Dipl.-Ing. Dirk Bietet die Containerisierung neue Chancen für den Einzelwagenverkehr, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau - ETR, Ausgabe/Auflage 55, Eurailpress Tetzlaff-Hestra GmbH & Co. KG, Hamburg, 2006/04, ISBN/ISSN 0013-2845
[FrPe06] Fricke, E., Penner, H., Der Takt der Zukunft. Das neue Produktionssystem 200X im Einzelwagenverkehr von Railion, veröffentlicht in ETR - Eisenbahntechnische Rundschau, Ausgabe/Auflage Dezember 2006, Nr. 12, Deutscher Verkehrs-Verlag GmbH, 2006/12, ISBN/ISSN 0013-2845
[Fric05] Fricke, Eckart, Dipl.-Ing. Hat das Einzelwagensystem Zukunft?, veröffentlicht in Güterbahnen, Alba Fachverlag GmbH & Co. KG, 2005/03, ISBN/ISSN 1610-5273
[Penn06] Penner, Hendrik Produktionssystem 200X geht an den Start, veröffentlicht in FreightNews, Ausgabe/Auflage 6/06, Mainz, 2006/06
[SiHe06] Heidmeier, Sven, Dipl.-Ing., Siegmann, Jürgen, Prof. Dr.-Ing. habil. Verbesserte Marktchancen für den Schienengüterverkehr durch neue Zugkonzepte, veröffentlicht in Logistik Management, Ausgabe/Auflage 8. Jahrgang, Ausgabe 3, 2006, aspecta Verlagsgesellschaft, Nürnberg, 2006, ISBN/ISSN 1436-6231
Glossar
Rangierbahnhof Der Rangierbahnhof (Rbf) ist ein wichtiges (Infrastruktur-)Element im Produktionssystem des Schienengüterverkehrs und gehört, wie auch der Knotenpunktbahnhof, als Betriebsbahnhof zur Gruppe der Zugbildungsbahnhöfe. Zentraler Bestandteil eines Rbf sind die sog. Zugbildungsanlagen (ZBA), die - vornehmlich im Einzelwagenverkehr - der Auflösung und Neuzusammenstellung von Güterzügen und Wagen(-Gruppen) dienen.
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
Einzelwagenverkehr Der Einzelwagenverkehr (EWV; auch Wagenladungsverkehr, WLV) ist der Transport einzelner Güterwagen(-Gruppen) in speziell für deren jeweiligen Transportweg zusammengestellten Güterzügen. Die Güterwagen mit verschiedenen Versendern und Empfängern werden dabei in sog. Zugbildungsbahnhöfen (Zbf) zu einzelnen Güterzügen zusammengefasst.
Güterverkehrsstelle Bei einer Güterverkehrsstelle handelt es sich um eine von Dritten direkt zugängliche Bahnanlage (z. B. Güterbahnhof) oder Gleisanschlüsse , an der Güter direkt umgeschlagen werden können.
Zugbildungsbahnhof
Zugbildungsbahnhöfe (Zbf) gehören - im Gegensatz zu den Personen- und Güterbahnhöfen - zu den sog. Betriebsbahnhöfen. Es handelt sich dabei um systeminterne, nicht öffentlich zugängliche Bahnhöfe des Produktionssystems des Schienengüterverkehrs. Dazu zählen Rangierbahnhöfe (Rbf) und Knotenpunktbahnhöfe.
Marktorientiertes Angebot - Cargo
MORA-C ist ein bereits abgeschlossenes Strategieprogramm der DB Cargo AG aus dem Jahr 2000. Ziel des Programmes war es, den Einzelwagenverkehr wirtschaftlicher zu gestalten. Innerhalb von zwei Jahren wurden mehr als 2100 Güterverkehrsstellen auf ihre Rentabilität überprüft. 637 Gleisanschlüsse wurden daraufhin aufgegeben. Siehe auch Projekt-Information "Marktorientiertes Angebot Cargo".
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
nichtbundeseigene Eisenbahnen Als nichtbundeseigene Eisenbahnen (NE-Bahnen ) werden alle Eisenbahnunternehmen bezeichnet, die nicht mehrheitlich dem Besitz der Bundesrepublik Deutschland zuzuordnen sind.
Ganzzug Ein Ganzzug ist ein Güterzug, dessen Ladung ohne Zwischenbehandlung vom Versand- zum Empfangsbahnhof befördert wird. Dabei erfolgen beim sog. Ganzzugverkehr (GZV) sowohl die Übergabe durch den Versender als auch die empfängerseitige Übernahme des gesamten Zuges in geschlossener, unveränderter Wagenzusammenstellung.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?9249

Gedruckt am Mittwoch, 19. Dezember 2018 15:07:53