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Verkehrsmittelwahl bei Nutzung von Carsharing

Erstellt am: 25.03.2004 | Stand des Wissens: 11.10.2018
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Der Beitritt zu einer Carsharing-Organisation (CSO) beeinflusst die Verkehrsmittelwahl. Öffentliche Verkehrsmittel, das Fahrrad und das zu Fuß gehen werden häufiger als vom Rest der Bevölkerung genutzt [Krie03, S. 32; Pesc96, S. 159ff.; Pete95, S. 197ff.; ifmo16b].
Um den Effekt einer guten öffentlichen Verkehrsinfrastruktur beziehungsweise einer günstigen Wohnlage auf das vermehrt auftretende multimodale Verkehrsverhalten herauszurechnen, ist es zweckmäßig, das Verkehrsmittelwahlverhalten der Carsharing-Nutzer mit den Nicht-Nutzern aus einer Befragung (Stichprobe im Zentrum Berlins, nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung) gegenüber zu stellen (siehe Abbildung 1) [ifmo16b, S. 43].

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Abbildung 1: Verkehrsmittelwahl der beiden Carsharing-Systeme im Vergleich zu Nicht-Nutzern des Carsharings [ifmo16b, S. 47]
Auffallend sind die nahezu identischen Nutzungsanteile des Öffentlichen Verkehrs (ÖV) bei allen drei befragten Personengruppen, bei denen allerdings die Wohnlage eine Rolle für die ÖV-Nutzung spielt: Nichtnutzer im Zentrum Berlins und Free-Floating-Nutzer, wohnhaft fast ausschließlich in Metropolen, sind öfter als (Mit-)Fahrer im eigenen oder Carsharing-Auto unterwegs und legen damit trotz städtischer Wohnlage 33 Prozent der Wege mit dem Pkw zurück. Nutzer des stationsbasierten Carsharings kommen oftmals aus kleineren Städten mit schwächerem ÖV-Angebot und zeigen daher ein umweltbewussteres Verkehrsverhalten [ifmo16b, S. 43].
Die Wahrscheinlichkeit für die Nutzung von Carsharing (beide Typen) als Verkehrsmittel steigt [vgl. ifmo16b, S. 82 und 114]:
  • am Wochenende,
  • am Abend,
  • bei Einkaufsfahrten beziehungsweise bei Fahrten mit Gepäck,
  • bei Begleitwegen,
  • und auf Relationen, bei denen der Öffentliche Nahverkehr nicht attraktiv genug ist (niedrige Taktfrequenz, schwere Erreichbarkeit, komplizierte Umstiege).
Für regelmäßige Pendelwege zur Arbeit oder zur Ausbildung werden eher andere Verkehrsmittel als Carsharing genutzt. Bei 54 Prozent der stationsbasierten Carsharing Kunden und 58 Prozent der Free-Floating-Mitglieder sind ÖV-Zeitkarten zu verzeichnen [ifmo16b, S. 40].

Für viele Mitglieder ist Carsharing eine Mobilitätserweiterungsoption, die nach Bedarf im Alltag abgerufen wird [vgl. ifmo16b, S. 43]. Hierbei unterscheiden sich die Mitglieder des stationsbasierten- und Freefloating-Carsharings. Während für erstgenannte Gruppe die instrumentelle Bedeutung des Autos im Vordergrund steht, besitzt die letztgenannte Gruppe ein emotionaleres Verhältnis zum Auto und folglich eine geringere Bereitschaft zum Teilen allgemein [ifmo16b, S. 6].
Nach einer Gewöhnungsphase steigt die Nutzungshäufigkeit von Carsharing. Altkunden haben gegenüber Neukunden sowohl eine höhere Fahrtanzahl als auch eine höhere Fahrleistung [ifmo16b, S. 44].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Carsharing (Stand des Wissens: 12.11.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?56435
Literatur
[ifmo16b] Institut für Mobilitätsforschung (Hrsg.) Carsharing 2025 Nische oder Mainstream?, 2016
[Krie03] Krietemeyer, Hartmut, Dr. Effekte der Kooperation von Verbund und Car-Sharing-Organisation, veröffentlicht in Der Nahverkehr, Ausgabe/Auflage 9, alba-Verlag, Düsseldorf, 2003
[Pesc96] Pesch, Stephan Car-Sharing als Element einer Lean Mobility im Pkw-Verkehr - Entlastungspotentiale, gesamtwirtschaftliche Bewertung und Durchsetzungsstrategien, veröffentlicht in Buchreihe des Instituts für Verkehrswissenschaft an der Universität Köln, Verkehrs-Verlag J.Fischer, Düsseldorf, 1996, ISBN/ISSN 3-87841-086-7
[Pete95] Markus Petersen Ökonomische Analyse des Car-Sharing, Wiesbaden, 1995
Weiterführende Literatur
[Koss02] Koss, Reinhard Car-Sharing als Beitrag zur Lösung der verkehrs- und umweltpolitischen Krise?, Verlag für Wissenschaft und Forschung GmbH, Berlin, 2002
[Muhei98] & Partner, Muheim, Peter CarSharing - der Schlüssel zur kombinierten Mobilität, Bern, 1998
[Kell00] Keller, Thomas Entwicklung und Potential von organisiertem Car-Sharing in Deutschland, Österrreich und der Schweiz, veröffentlicht in IVS-Schriften, Ausgabe/Auflage 9, Österreichischer Kunst- und Kulturverlag, 2000, ISBN/ISSN 3-85437-198-5
[bcs07] bcs - Bundesverband CarSharing e.V. Stellungnahme des Bundesverbandes CarSharing e.V. zum Entwurf des Gesetztes zur Änderung des Straßenverkehrsgesetzes (StVG), Hannover, 2007/03
Glossar
ÖV
Der Öffentliche Verkehr (ÖV) ist sowohl im Personen-, Güter- sowie Nachrichtenverkehr für jeden Nutzer der Volkswirtschaft öffentlich zugänglich. Dazu zählen die öffentliche Personenbeförderung, der öffentliche Gütertransport als auch öffentliche Telekommunikations- und Postdienste. Der ÖV wird dabei von Verkehrsunternehmen, nach festgelegten Routen, Preisen und Zeiten durchgeführt. Der ÖV ist somit im Gegensatz zum Individualverkehr (IV) örtlich und zeitlich gebunden.
Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten "Multimodalität" wird der ÖV zunehmend breiter definiert, indem auch "Alternative Bedienformen", Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖV gesehen werden.
Pkw
Personenkraftwagen (Pkw): Pkw sind nach der Richtlinie 70/156/EWG Fahrzeuge mit mindestens vier Rädern und dienen der Beförderung von maximal 9 Personen (inklusive Fahrzeugführer). Pkw dürfen nur auf den dafür vorgesehenen Verkehrsflächen geführt werden.
Carsharing
Der Begriff CarSharing stammt aus dem Englischen (car= Auto, to share= teilen) und kann sinngemäß mit der Bedeutung "Auto teilen" übersetzt werden. Er beschreibt die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Kraftfahrzeugen, die meist von Unternehmen gegen Gebühr bereitgestellt werden.
Durch einen Rahmenvertrag oder eine Vereinsmitgliedschaft erhalten Kunden flexiblen Zugriff auf alle Kfz eines Anbieters. Die Fahrzeuge können über eine Webseite oder über eine Smartphone-App gebucht werden. Geöffnet werden sie in der Regel mit Hilfe von Chipkarten oder durch ein Zugangscode vermittelt über die Smartphone-App.
Bei dem System des stationsbasierten CarSharing stehen die Fahrzeuge auf reservierten Stellplätzen und werden nach der Nutzung auch wieder dorthin zurückgebracht. Ein anderes Modell ist das free-floating CarSharing. Hier stehen die Fahrzeuge in einem definierten Operationsgebiert verteilt. Sie können per Smartphone geortet werden und nach der Nutzung auf einem beliebigen Stellplatz innerhalb des Operationsgebiets zurückgegeben werden.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?79434

Gedruckt am Freitag, 19. Juli 2019 23:21:30