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Wartung und Instandhaltung von Schienenfahrzeugen am Beispiel der ICE-Zuggarnituren

Erstellt am: 28.11.2003 | Stand des Wissens: 24.02.2017
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch

Das seitens der Eisenbahnverkehrsunternehmen im Rahmen einer Fahrzeugneubeschaffung verfolgte Anforderungsprofil zielt mittlerweile maßgebliche auf die Senkung des Wartungsaufwands. Die Bahnindustrie versucht, dementsprechenden Wünsche der potentiellen Abnehmer mit Hilfe unterschiedlicher Maßnahmen nachzukommen. So verfolgt bspw. die Siemens AG als Systemhersteller im Falle des Fahrzeugtyps "Velaro" (Weiterentwicklung ICE3) eine langfristige Evolutionsstrategie, welche darauf abzielt, im Verlauf betreffender Ausschreibungsverfahren keine vollumfänglichen Neukonstruktionen anzubieten, sondern stattdessen auf Basis bestehender Modellreihen betriebskostensenkende Modifikationen durchzuführen. Hierbei werden etwa konstruktive Veränderungen realisiert, die zeiteffizientere Wartungs- und Instandhaltungsprozesse ermöglichen. [Steu09, S. 420 ff.]
Einen bedeutenden Einfluss auf Wartungsintervalle ergeben sich jedoch in erster Linie aus dem Bestreben zur Einführung elektronischer Diagnosesystemen, welche den Ist-Zustand einzelner Baugruppen kontinuierlich überwachen und sich anbahnende Schäden selbständig, frühzeitig und zuverlässig erkennen. Infolgedessen könnten aufwandsintensive präventive Instandhaltungsmaßnahmen mit starrer Zuordnung zu Laufleistungsgrenzen durch vorausschauende Instandhaltungsprozesse ersetzt werden. Kilometerbezogene Wartungszyklen würden dabei eine entsprechende Flexibilisierung erfahren. [Steu09, S. 420 ff.]
Wartung der ICE-Flotte
Für die Wartung und Instandhaltung der Hochgeschwindigkeitszüge vom Typ InterCityExpress (ICE) hat die Deutsche Bahn AG seit 1991 vier ICE-Werke errichtet. An den jeweiligen Standorten werden die über 260 ICE-Züge der verschiedenen Baureihen (BR) täglich gereinigt, überprüft, gewartet, repariert und für den folgenden Einsatz vorbereitet [Übbi13]. Jedes der vier ICE-Werke dient als Basis für eine spezielle Baureihe: In Hamburg werden die 59 Züge der ersten Generation gewartet, das Werk in Berlin-Rummelsburg ist auf die BR ICE 2 spezialisiert und in München bzw. Frankfurt-Griesheim erfolgt die Betreuung der neuesten BR ICE 3 und ICE T. Kleinere Wartungsarbeiten erfolgen zusätzlich in neu errichteten oder speziell für den ICE ertüchtigten Wartungs- bzw. Betriebswerken in Basel, Dortmund, Köln und Leipzig. [Fran06]
Im Normalbetrieb wird eine Zugeinheit innerhalb von einer Stunde nach Ankunft an der Endstation für die nächste Fahrt vorbereitet und bereitgestellt. Bereits vor der Ankunft des Zuges wird das zuständige ICE-Werk über die vom Bord-Computer während der Fahrt festgestellten Defekte informiert. Die tägliche Laufleistung eines ICE-Zuges beträgt bis zu 1.800 Kilometer. Den wartungsbedingten Werksaufenthalten liegen exakt festgelegte Zeitpläne zugrunde. Überschreitet ein Zug die zugelassenen Laufleistungen, darf er bis zum Abschluss der fälligen Inspektion jedoch nur ohne Fahrgäste fahren. [DBAG01c]
Für ICE-Züge gelten folgende Wartungsintervalle:
  • Alle 8.000 Kilometern findet eine Laufwerkskontrolle der Züge inklusive Mängelbeseitigung statt. Zusätzlich werden Dachbereich und Einstiegstüren geprüft, sowie WC-Behälter entleert und Frischwasserbehälter befüllt
  • Eine gründliche Nachschau wird alle 24.000 Kilometern durchgeführt - Dauer 2 bis 3 Stunden. Dabei werden auch die Bremsen, die Leit- und Sicherungstechnik im Zug überprüft
  • Alle 144.000 Kilometer erfolgt die erste Inspektionsstufe. Innerhalb von 8 Stunden erfolgt eine Revision der Bremsen. Zusätzlich erhalten Klimaanlage, Kücheneinrichtungen, Sitze und Fahrgastinformationssysteme eine Prüfung.
  • Nach 288.000 Kilometern erfolgt in der Inspektionsstufe 2 zusätzlich eine Überprüfung der Fahrmotoren, Lager, Batterien, Wellen und Kupplungen.
  • Nach 576.000 Kilometern wird in der Inspektionsstufe 3 die Überprüfung von Luftpresser, Trafo-Kühlung und Fahrgasträume hinzugefügt. [DBAG13d]
  • Alle zwei Jahre - nach ca. 1,2 Millionen Kilometern - wird jeder ICE einer so genannten "Revision" unterzogen, in der Arbeiten an allen Komponenten stattfinden. Nach ca. 2,4 Millionen Kilometer wird das Fahrzeug komplett in seine Bestandteile zerlegt. Diese "schwere Instandhaltung", die unter anderem den Austausch der Drehgestelle umfasst, findet nicht in den normalen ICE-Werken sondern im DB-Werk Krefeld und Nürnberg statt und dauert zwei mal 5 Tage [DBAG01c].
  • Zusätzlich erfolgen auch kleine Reparaturen während des Fahrtverlaufs. Hierfür sind ICE-Bordtechniker täglich im gesamten Netz unterwegs.
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Betriebssicherheit im Schienenverkehr (Stand des Wissens: 23.02.2017)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?60738
Literatur
[DBAG01c] o.A. ICE regelmäßig zum Boxenstopp, 2001/11/01
[DBAG11d] o. A. DB bezieht auch Achsen von ICE 1 und 2 in verkürzte Überprüfungsintervalle ein, Berlin, 2011/03/15
[DBAG13d] Deutsche Bahn AG Konzern Boxenstopp: Wie ICE gewartet werden, veröffentlicht in Lokster, 2013/06/25
[ERI08] o. A. Mehr Ultraschall-Kontrollen bei den ICE 3 und ICE-T, veröffentlicht in Eisenbahn-Revue International, Ausgabe/Auflage 12/2008, Minirex AG / Luzern (CH), 2008, ISBN/ISSN 1421-2811
[Fran06] Franke, Claudia ICE-Werke, 2006
[Steu09] Steuger, Martin Velaro kundenorientierte Weiterentwicklung eines Hochgeschwindigkeitszuges, veröffentlicht in ZEVrail, Georg Siemens Verlag / Berlin , 2009/10, ISBN/ISSN 1618-8330
[Übbi13] Übbing, Dirk Nach Städten beannte ICE der Deutschen Bahn AG, veröffentlicht in Lok Report - Europäisches Nachrichtenmagazin für Eisenbahnfreunde, 2013/05/15
Glossar
Luftpresser Als Luftpresser werden in der Eisenbahntechnik Kompressoren (Luftverdichter) bezeichnet, die in Triebfahrzeugen zur Erzeugung von Druckluft installiert sind. Der Hauptzweck der Luftpresser ist die Versorgung der Hauptluftleitung der Druckluftbremse. Druckluft wird ggf. auch für andere pneumatisch angetriebene Einrichtungen des Triebfahrzeugs bzw. der Wagen benötigt, wie Stromabnehmer, Sandungsanlage oder Türen.
Leit- und Sicherungstechnik
Unter dem Begriff der Leit- und Sicherungstechnik (LST) werden technische Maßnahmen zusammengefasst, die getroffen werden, um einen sicheren, meist signalgeführten Eisenbahnbetrieb durchzuführen. Sie regelt die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den Anlagen, den Signalen und den Fahrzeugen, die zur sicheren Durchführung von Zug- und anderen Fahrten notwendig sind. Wichtigster Bestandteil der LST ist die Stellwerkstechnik, mit Hilfe derer das Stellen von Weichen und Signalen sowie die Sicherung von Fahrstraßen erfolgt. Zur LST gehört auch die Zugbeeinflussung (z. B. PZB, LZB, ETCS).
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.
Instandhaltung Im Kontext des Erhaltungsmanagements bezeichnen die Begiffe "Instandhaltung" und "bauliche Unterhaltung" bauliche Maßnahmen kleineren Umfangs zur Substanzerhaltung von Verkehrsflächen, die mit geringem Aufwand in der Regel sofort nach Auftreten eines örtlich begrenzten Schadens ausgeführt werden.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?67254

Gedruckt am Donnerstag, 21. Januar 2021 16:19:00