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Effizientere Formen der Autonutzung und Kollektivierung des MIV

Erstellt am: 29.09.2003 | Stand des Wissens: 12.12.2019
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Angesichts der sozialen und ökologischen Konsequenzen des steigenden Verkehrsaufkommens in den Innenstädten sowie den verstärkten Pendlerbewegungen müssen Wege gefunden werden, um einerseits die gewünschte individuelle Mobilität des Einzelnen zu sichern und andererseits Straßen und Umwelt zu entlasten.
Für eine effizientere Nutzung des privaten Pkw lassen sich Kosten reduzieren durch [HMHK04]:
  • privates Autoteilen,
  • eine energiesparende Fahrweise (durch eine entsprechende Fahrweise lässt sich der Kraftstoffverbrauch reduzieren, was auch eine Reduzierung der Emissionen mit sich bringt und somit umweltschonend ist) und
  • eine Reduzierung der Autonutzung.
Eine Möglichkeit, dem steigenden Verkehrsaufkommen entgegenzuwirken, ist ein verbessertes Nutzungsmanagement, um die Nutzung von Pkw effizienter zu gestalten und die Kollektivierung des Motorisierten Individualverkehrs (MIV) voranzutreiben. Dies gelingt beispielsweise, indem nicht jeder Pkw-Nutzer ein eigenes privates Fahrzeug besitzt. Ein funktionierendes Autoteilen reduziert den Parkdruck in den Städten ohne den Bau von mehr Stellplätzen.
Durch Kooperationen und Koordination können folgende positive Effekte erzielt werden [Beckm00]:
  • Effizienzerhöhung,
  • Verbesserung der Bedienungsqualität,
  • Verringerung von Umweltbelastungen sowie
  • Ressourcenschonung.
Ein Ansatz zur Effizienzsteigerung ist die Steigerung der Fahrleistungen von Pkw. Diese Ziele sind unter anderem durch informelles Autoteilen (Fahrgemeinschaften) und formelles Autoteilen (Carsharing) zu erreichen. Die wohl bekannteste Form der Kollektivierung des Individualverkehrs ist das Carsharing, eine professionell organisierte Form des Autoteilens. Sie ist besonders geeignet in Kombination mit dem Öffentlichen Verkehr (ÖV) und bei seltener oder unregelmäßiger Nutzung eines Pkw. Bei langen Standzeiten, zum Beispiel am Arbeitsplatz, ist Carsharing dagegen nicht geeignet [Harm04].
Eine Sonderform des Carsharing ist das private Autoteilen, bei dem die Autoteiler einen privaten Vertrag über die gemeinsame Nutzung eines oder mehrerer Fahrzeuge abschließen. Der Pkw-Besitzer kann hierzu einerseits sein Auto weiteren Personen, die sich an den Kosten beteiligen, zur Verfügung stellen (er bleibt alleiniger Eigentümer) oder er kann Anteile seines Kfz an die übrigen Mitglieder (dann Teileigentümer) verkaufen [FHGel04].
Auch durch privat organisierte Fahrgemeinschaften lässt sich eine effiziente Autonutzung erzielen. Fahrgemeinschaften begegnen der ineffizienten Fahrzeugbesetzung. Im Jahr 2017 waren Privat-Pkw im Durchschnitt mit knapp 1,5 Personen besetzt [infas18, Tabelle A15].
Gerade vor dem Hintergrund steigender Kraftstoffpreise und der Tatsache, dass der durchschnittliche Besetzungsgrad im Berufsverkehr am geringsten ist, bieten Fahrgemeinschaften im Berufsverkehr viele Chancen. Die erfolgreichen US-amerikanischen Ansätze des "Travel-Demand-Management" im Berufsverkehr können hier ein Vorbild für Deutschland sein [Schä02, DHHK98]. Außerhalb des Berufsverkehrs sind privat organisierte Fahrgemeinschaften in Form privater Mitnahmen im Einkaufs- und Freizeitverkehr, vermittelter Mitfahrten im Fernreiseverkehr oder unorganisiertem Mitfahren (Trampen) möglich [DHHK98].
Immer größerer Beliebtheit erfreuen sich internetbasierte Mitfahrzentralen. Sie sind vor allem für Lang- und Mittelstreckenfahrten geeignet. Die Vermittlung der Fahrten erfolgt selbstorganisiert [Stra06].
Im Projekt CARLOS wurde in der Schweiz eine Vermittlungsplattform für Mitfahrten in privaten Pkw entwickelt. An festgelegten Haltestellen können Personen, die gerne mitgenommen werden möchten ihren Zielort gegen einen Benutzungsbeitrag eingeben. Der Nutzer erhält eine Quittung, die er bei einer Mitnahme durch einen privaten Pkw an den Pkw-Fahrer übergibt, der diese Quittung schließlich beim Verkehrsbetreiber einlösen kann [ArHa05].
Die gewerbliche Autovermietung wird im Rahmen dieser Thematik nicht berücksichtigt, da sie zumeist nur dann genutzt wird, wenn ein Pkw für eine längere Strecke oder einen Tag oder länger benötigt wird (eine stundenweise Ausleihe ist kaum möglich). Hinweise hierzu finden sich in [Stutz01] und [rein97].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Effizientere Formen der Autonutzung und Kollektivierung des MIV (Stand des Wissens: 21.06.2017)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?303288
Literatur
[ArHa05] Artho, Jürg, Haefeli, Ueli, Matti, Daniel Evaluation Pilotprojekt CARLOS, 2005/10
[Beckm00] Beckmann, Klaus J. Verkehrsplanung und Verkehrsmanagement - Aufgaben für die Zukunft, veröffentlicht in Aus Politik und Zeitgeschichte, Ausgabe/Auflage B 45 - 46, 2000
[DHHK98] H. Dürholt , R. Hamacher , H. Hautzinger , B. Krämer , L. Neumann , Th. Pischner , B. Schaaf Strategien zur Erhöhung des Besetzungsgrades im Pkw-Verkehr, Heilbronn, 1998/06
[FHGel04] Schweig, Karl-Heinz, Keuchel, Stephan, Kleine-Wiskott, Roland, Hermes, Rolf, van Acken, Clemens Car-Sharing in kleinen und mittleren Gemeinden, Recklinghausen, 2004/01
[Harm04] Sylvia Harms Besitzen oder teilen - Sozialwissenschaftliche Analyse des CarSharings, Rüegger-Verlag/Zürich, 2003, ISBN/ISSN 3-7253-0753-9
[HMHK04] Hautzinger, H.,, Helms, M.,, Haag, G. et al. Analyse von Änderungen des Mobilitätsverhaltens - insbesondere der Pkw-Fahrleistung als Reaktion auf geänderte Kraftstoffpreise, 2004/06
[infas18] DLR - Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Institut für Verkehrsforschung, infas 360 GmbH, infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft , IVT Research GmbH Mobilität in Deutschland 2017 - Tabellenband, 2018/12
[rein97] Reindl, Stefan Betriebswirtschaftliche Bewertung von Car-Sharing, 1997
[Schä02] Schäfer, Marco Fahrgemeinschaften im Berufsverkehr - in Deutschland auch in Zukunft nur die Nische in der Nische?, veröffentlicht in Planungsrundschau, Ausgabe/Auflage Ausgabe 05, Cottbus , 2002
[Stra06] Stegmüller, Susanne, Strauß, Christoph Internetbasierte Mitfahrzentralen, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage 9, 2006
[Stutz01] Stutzbach , Raabe , Pfriem , Becker Machbarkeitsstudie zum Forschungsvorhaben "Carsharing in der Fläche", Oldenburg/Dresden, 2001
Weiterführende Literatur
[Kell00] Keller, Thomas Entwicklung und Potential von organisiertem Car-Sharing in Deutschland, Österrreich und der Schweiz, veröffentlicht in IVS-Schriften, Ausgabe/Auflage 9, Österreichischer Kunst- und Kulturverlag, 2000, ISBN/ISSN 3-85437-198-5
[StSt06] Strauß, Christoph, Stegmüller, Susanne Internetbasierte Mitfahrzentralen - Sozial-ökologischer Baustein eines modernen Verkehrssystems?, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage 09, 2006/09
[infas10] DLR - Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Institut für Verkehrsforschung, infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft Mobilität in Deutschland 2008 (MiD 2008) , 2010/02
[UBA20d] Heinitz, Prof. Dr. Florian Potenziale und Hemmnisse für Pkw-Fahrgemeinschaften in Deutschland, Ausgabe/Auflage Texte | 216/2020, 2020/11, ISBN/ISSN 1862-4804
[UBA20a] Umweltbundesamt (Hrsg.) Umweltfreundlich mobil!
Ein ökologischer Verkehrsartenvergleich für den Personen- und Güterverkehr in Deutschland, 2020/12, ISBN/ISSN 1862-4804
Glossar
ÖV
Der öffentliche Verkehr (ÖV) ist sowohl im Personen-, Güter- sowie Nachrichtenverkehr für jeden Nutzer in einer Volkswirtschaft öffentlich zugänglich. Dazu zählen sowohl die öffentliche Personenbeförderung, der öffentliche Gütertransport als auch die öffentlichen Telekommunikations- und Postdienste. Der ÖV wird dabei von Verkehrsunternehmen nach festgelegten Routen, Preisen und Zeiten durchgeführt. Der ÖV ist somit im Gegensatz zum Individualverkehr (IV) örtlich und zeitlich gebunden.
Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten Multimodalität wird der ÖV zunehmend breiter definiert, indem auch alternative Bedienformen, Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖV gesehen werden.
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
Carsharing
Der Begriff CarSharing stammt aus dem Englischen (car= Auto, to share= teilen) und kann sinngemäß mit der Bedeutung "Auto teilen" übersetzt werden. Er beschreibt die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Kraftfahrzeugen, die meist von Unternehmen gegen Gebühr bereitgestellt werden.
Durch einen Rahmenvertrag oder eine Vereinsmitgliedschaft erhalten Kunden flexiblen Zugriff auf alle Kfz eines Anbieters. Die Fahrzeuge können über eine Webseite oder über eine Smartphone-App gebucht werden. Geöffnet werden sie in der Regel mit Hilfe von Chipkarten oder durch ein Zugangscode vermittelt über die Smartphone-App.
Bei dem System des stationsbasierten CarSharing stehen die Fahrzeuge auf reservierten Stellplätzen und werden nach der Nutzung auch wieder dorthin zurückgebracht. Ein anderes Modell ist das free-floating CarSharing. Hier stehen die Fahrzeuge in einem definierten Operationsgebiert verteilt. Sie können per Smartphone geortet werden und nach der Nutzung auf einem beliebigen Stellplatz innerhalb des Operationsgebiets zurückgegeben werden.
Besetzungsgrad Unter Besetzungsgrad wird die Auslastung von Verkehrsmitteln verstanden. Im Öffentlichen Personennahverkehr entspricht das Platzangebot dabei i. d. R. der Summe aus den Sitzplätzen und 4 Plätzen je m² Stehfläche. Der Besetzungsgrad wird hierbei in % angegeben. Er liegt im Durchschnitt bei rd. 20 % und erreicht in der Spitze Werte zwischen 80 und 100 %. Vor allem bei besonderen Veranstaltungen kann der Besetzungsgrad im ÖPNV auch über 100 % betragen. In Analogie hierzu wird auch im Individualverkehr oft dieser Begriff verwendet; damit sind jedoch häufig die Anzahl der (durchschnittlich) im Auto befindlichen Personen gemeint (z. B. 1,2 Personen) und nicht die Platzauslastung. Zum Teil wird daher auch der Begriff "Besetzungszahl" verwendet. Der Quotient aus der Summe der Personenfahrten im Pkw und der Anzahl der Pkw-Fahrten wird auch als "ungewichteter Besetzungsgrad" bezeichnet. Daneben gibt es den seltener verwendeten "gewichteten Besetzungsgrad", der die Fahrtlängen berücksichtigt. Da mit zunehmender Fahrtlänge die Besetzung höher ist, liegt der gewichtete Besetzungsgrad um ca. 0,1 höher als der ungewichtete.
Verkehrsaufkommen Das Verkehrsaufkommen beschreibt die Anzahl der zurückgelegten Wege, beförderten Personen oder Güter pro Zeiteinheit. Im Unterschied dazu bezieht sich das spezifische Verkehrsaufkommen auf zurückgelegte Wege und beschreibt die mittlere Anzahl der Ortsveränderungen pro Person und Zeiteinheit.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?58378

Gedruckt am Mittwoch, 14. April 2021 19:16:52