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Fußgängerquerungsanlagen

Erstellt am: 26.09.2003 | Stand des Wissens: 13.03.2021
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Im Jahr 2019 verunglückten innerhalb von Ortschaften 28.868 Fußgänger (davon 308 Getötete), außerorts 1.279 Fußgänger (davon 90 Getötete) und auf Autobahnen 96 Fußgänger (davon 19 Getötete). Die Anzahl der getöteten Fußgänger ging im Jahr 2019 um 9 Prozent gegenüber dem Jahr 2018 zurück [Dest21d, Tabelle 46241-0007].
Unter den insgesamt 13.069 erfassten Fehlverhalten von Fußgängern betrafen 76 Prozent falsches Verhalten beim Überschreiten der Fahrbahn [Dest21d, Tabelle 46241-0009]. Daran wird deutlich, welch enormes Konfliktpotenzial beim Queren der Fahrbahn sowohl für Fußgänger als auch andere Verkehrsteilnehmer gegeben ist. Darüber hinaus zeigt sich, dass Unfälle unter Beteiligung von Fußgängern in ihren Unfallfolgen besonders schwer sind [Maie11]. Diese Unfälle mit geeigneten Maßnahmen zu verhindern, ist somit für die gesamte Gesellschaft von großem Interesse.
Für Fußgänger entsteht die größte Gefahr in Städten beim Überqueren von verkehrsreichen Hauptstraßen. Im Gegensatz zu Wohngebieten, in denen Kinderunfälle meist aufgrund unangemessener Geschwindigkeiten auftreten, sind auf Hauptverkehrsstraßen alle Altersgruppen von Fußgängern betroffen. Die Ursachen dafür liegen häufig in der fehlerhaften Einschätzung des Autoverkehrs durch die Fußgänger, in der schlechten Erkennbarkeit von Fußgängern durch Autofahrer oder im Fehlverhalten von Fußgängern, vor allem bei Querungs- und Haltestellen [Maie11].
Da sich Fahrbahnquerungen im Rahmen einer Wegekette nicht ausschließen lassen, werden zur Entschärfung möglicher Gefährdungen und Konflikte Querungsanlagen für Fußgänger eingerichtet [FGSV02c, RASt06]. Hinsichtlich ihrer Funktion und Gestaltung lassen sich Fußgängerquerungsanlagen unterscheiden in Anlagen [FGSV02c]:
  • ohne Vorrang, mit baulicher Unterstützung (Teilaufplasterung, Plateauaufpflasterung, Mittelinsel/ -streifen, Einengung, vorgezogene Seitenräume),
  • mit Vorrang, mit baulicher Unterstützung (Gehwegüberfahrten, Fußgängerüberweg, sowie Teilaufplasterung, Mittelinsel/ -streifen),
  • mit zeitlicher Trennung (konfliktfreie Lichtsignalanlage) sowie
  • mit räumlicher Trennung (Unter-/Überführung) (nicht mehr zu empfehlen, da großer Umweg für Zu-Fuß-Gehende im Vergleich zur Direktquerung entsteht, Barrierefreiheit bei Stufen nicht gegeben ist, objektives und subjektives Sicherheitsempfinden besonders bei Unterführungen in Abend- und Nachtstunden beeinträchtigt ist und Bau- und Instandhaltungskosten bei räumlicher Trennung im Vergleich zu anderen Maßnahmen verhältnismäßig hoch sind).
Fußgängerquerungsanlagen können sowohl an Knotenpunkten und Einmündungen als auch zwischen diesen Elementen angelegt werden. Dabei ist die Dichte der Querungsmöglichkeiten von größerer Bedeutung als die Art einer Fußgängerquerungsanlage. Dies hängt mit der ausgeprägten Umwegeempfindlichkeit der Fußgänger zusammen. Sie führt dazu, dass der Wunsch nach einer Straßenquerung linienhaft längs der Straßenachse auftritt, wodurch sich auch die Unfälle linienhaft verteilen. Deshalb sollten Maßnahmen zum Schutz der Fußgänger linienhaft an wichtigen Straßenzügen vorgesehen werden [Maie11]. Unfälle mit Fußgängern treten immer seltener an ausgesprochenen Unfallhäufungsstellen auf.

Die Auswahl einer geeigneten Fußgängerquerungsanlage ist von folgenden Faktoren abhängig [FGSV02c]:
  1. Bedeutung der Querungsstelle für den Fußgängerverkehr
  2. Kfz-Verkehrsstärke und -Geschwindigkeit
  3. Städtebaulichen Randbedingungen
Notwendig sind Fußgängerquerungsanlagen immer dann, wenn ein ausgeprägter Fußgängerquerungsbedarf vorliegt sowie die Kfz-Verkehrsstärke im Querschnitt größer als 1000 Kfz pro Spitzenstunde ist. Außerdem sind Querungsanlagen erforderlich, wenn die zulässige Höchstgeschwindigkeit 50 Kilometer pro Stunde beträgt oder die Kfz-Verkehrsstärke mehr als 500 Kfz pro Spitzenstunde im Querschnitt beträgt, sowie wenn die zulässige Höchstgeschwindigkeit über 50 KIlometer pro Stunde liegt [FGSV02c].
Die Sicherheit von Fußgängerquerungsanlagen ist eng mit deren Akzeptanz und Komfort verbunden. Bei der Wahl der Querungsanlage und deren Gestaltung sollten die Ansprüche und spezifischen Eigenschaften verschiedener Fußgängergruppen (beispielsweise Kinder, Senioren, mobilitätsbehinderte Personen) sowie die Lage zu fußgängersensiblen Einrichtungen berücksichtigt werden. Bei Gehwegverbindungen und -achsen mit besonders hoher Bedeutung sollten Fußgängerquerungsanlagen gewählt werden, deren Leistungsfähigkeit der Anzahl der Fußgängerquerungen Rechnung trägt und die den Fußgängerverkehr bevorrechtigen [FGSV02c]. Bei der Gestaltung sollte grundsätzlich auf eine umwegfreie Führung (direkte Gehlinie) und auf eine niveaugleiche Führung des Fußgängers geachtet werden [FGSV02c].
Mit der Berücksichtigung der Belange von Fußgängern bei der Planung und dem Entwurf von Querungsanlagen können schwere Unfälle verhindert werden. Dazu ist es erforderlich, Kenntnis und Verständnis für das Verkehrsverhalten von Fußgängern zu entwickeln und gleichzeitig die gegenseitige Akzeptanz aller Verkehrsteilnehmer zu steigern. Die angemessene Einbindung der Belange des Fußverkehrs in das Verkehrsnetz ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die in enger Zusammenarbeit von Stadt- und Verkehrsplanern sowie Politikern und Bildungsinstitutionen am besten bewältigt werden kann.
Die verkehrlichen Belange des Fußverkehrs lassen sich neben Fußgängerquerungsanlagen auch durch beschränkende Maßnahmen beim Autoverkehr weiter berücksichtigen, zum Beispiel durch Umverteilung des zur Verfügung stehenden Platzes im Straßenquerschnitt zugunsten von Zu-Fuß-Gehenden, der Einführung von flächendeckendem Tempo 30 km/h innerorts, einer erhöhten Kontrolldichte bei der Parkraumüberwachung, et cetera).
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Fußgängerverkehrsanlagen (Stand des Wissens: 07.06.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?300815
Literatur
[Dest21d] Statistisches Bundesamt (Hrsg.) Statistik der Straßenverkehrsunfälle, 2021
[FGSV02c] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. , Arbeitskreis 2.5.2 (Fußgängerverkehr) Empfehlungen für Fußgängerverkehrsanlagen (EFA), FGSV-Verlag, Köln, 2002
[Maie11] Maier, R. Dimensionierung und Sicherheit von Wegen für Fussgänger, 2011
[STBU17c] Statistisches Bundesamt Verkehr - Verkehrsunfälle, 2017/07/06
[STBU17d] Statistisches Bundesamt Unfallursachen, Ursachen von Unfällen mit Personenschaden, 2017
Weiterführende Literatur
[FGSV02c] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. , Arbeitskreis 2.5.2 (Fußgängerverkehr) Empfehlungen für Fußgängerverkehrsanlagen (EFA), FGSV-Verlag, Köln, 2002
[NRW02] Ortlepp, Jörg , Ziegler, Udo Empfehlungen zum Einsatz und zur Gestaltung von Fußgängerüberwegen, Erfahrungen aus dem Modellversuch in Nordrhein-Westfalen, veröffentlicht in mobil:nrw, Düsseldorf, 2002
[FGSV96c] Schmitz, Dipl.-Ing. , et al. Fußgängerquerungsanlagen innerhalb bebauter Gebiete, veröffentlicht in FGSV-Arbeitspapier Nr.39, Ausgabe/Auflage Nr.39, 1996
[Knof95] Knoflacher, Hermann Fußgeher- und Fahrradverkehr, Planungsprinzipien, Böhlau Verlag Ges. m. b. H und Co. KG, 1995, ISBN/ISSN 3-205-98308-4
[Fitz06] Fitzpatrick, K., Turner, S., Brewer, M., et al. Improving Pedestrian Safety at unsignalized crossings, veröffentlicht in Transportation Research Board, Ausgabe/Auflage Report 112, Washington, D.C., 2006, ISBN/ISSN 0-309-09859-9
[RASt06] Baier, Reinhold, et al. Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen - RASt 06, Ausgabe/Auflage 2006, Köln, 2007, ISBN/ISSN 978-3-939715-21-4
[Menni99a] Mennicken, Carola, Dr.-Ing. Sicherheits- und Einsatzkriterien für Fußgängerüberwege, Ausgabe/Auflage 8/99, 1999/08
[Menni99] Mennicken, Carola, Dr.-Ing. Sicherheits- und Einsatzkriterien für Fußgängerüberwege, veröffentlicht in Veröffentlichungen des Instituts für Verkehrswirtschaft, Straßenwesen und Städtebau, Hannover, 1999/01/01, ISBN/ISSN 3-922344-24-0
Glossar
Barrierefreiheit
Barrierefreiheit bedeutet, dass bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche für Menschen mit Behinderung in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.
Querungsanlage
Querungsananlagen beinhalten alle Maßnahmen an Fahrbahnen, die es insbesondere Fußgänger*innen ermöglichen, die Fahrbahn sicherer, schneller und komfortabler zu überqueren. Darunter fallen:
Bauliche Maßnahmen: Verschmälerung von Fahrstreifen, Rücknahme der Fahrstreifenanzahl, Verkehrsinseln, Teilaufpflasterungen, Vorziehen der Seitenräume, Gehwegnasen, Bordsteinabsenkungen, räumliche Trennung von nichtmotorisiertem und motorisiertem Verkehr, et cetera
Betriebliche Maßnahmen: Fußgängerüberwege (Zebrastreifen), Fußgängerfurten, Lichtsignalanlagen
Zusätzliche Maßnahmen: Tempolimits, Geschwindigkeitsüberwachung, Verkehrszeichen, Markierungen, gelbe Blinklichter, et cetera
Verkehrsstärke
Die Verkehrsstärke ist eine Kennzahl für die Stärke eines Verkehrsstroms an einem Querschnitt, gemessen in der Anzahl der Verkehrseinheiten, die diese Stelle pro Zeiteinheit passieren. Man spricht in diesem Zusammenhang von Streckenbelastung, wenn sich die Quantifizierung des Verkehrsstroms alternativ auf einen betrachteten Streckenabschnitt und nicht auf einen Querschnitt bezieht.
Verkehrsstärke = Verkehrseinheiten am Querschnitt / Bezugsperiode
Gebräuchliche Einheiten für die Verkehrsstärke sind z. B. Fahrzeuge [Fzg] pro Tag [24h] oder Stunde [h] (z. B. durchschnittliche tägliche Verkehrsstärke, kurz DTV [Fzg/24h])

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?58091

Gedruckt am Samstag, 20. August 2022 05:32:34