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Nachfrageeffekte im Personenverkehr

Erstellt am: 13.08.2019 | Stand des Wissens: 06.09.2019
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch

Die generellen Effekte der zunehmenden Automatisierung und Vernetzung im Verkehrssektor auf die Mobilität im Personenverkehr sind nur schwer abzuschätzen, vor allem aufgrund der hohen Anzahl von potenziell beteiligten Akteuren.
Je nach Zukunftsszenario, beispielsweise hinsichtlich einer Marktdurchsetzung von Car-Sharing-Angeboten, können autonomem und vernetztem Fahren unterschiedlich schwerwiegende Effekte zugeordnet werden, unter anderem hinsichtlich Verkehrsaufkommen und Umweltauswirkungen. Die Politik und die potenziellen Akteure versuchen mit einer großen Anzahl von Studien unterschiedlicher Schwerpunkte (DLR, e-mobil BW, BMW, TÜV) die Auswirkungen abzuschätzen [DLR18f, Frae17, Sued18, TÜVR18b]. Auch erste Testfelder und Projekte wurden bereits aufgebaut, beispielsweise im Raum Karlsruhe/Bruchsal/Heilbronn und in Niedersachsen [VMBW18, DLR18g].
Die Studie MEGAFON der Universität Stuttgart [UnSt16a] modelliert für die Region Stuttgart neun unterschiedliche Szenarien mit Variation der Anteile von privaten autonomen Fahrzeugen, autonomen Fahrzeugen in verschiedenen Carsharing-Angeboten und der Verfügbarkeit von Bahnverkehr. Dabei wird herausgearbeitet, dass die Automatisierung des Pkw positive Wirkungen für Umwelt (Energieverbrauch, Klimaschutz), Flächenverbrauch und Verkehrskapazität vor allem dann entfalten kann, wenn hohe Verkehrsanteile von Ridesharing/Rideselling-Konzepten erreicht werden und gleichzeitig ein hochleistungsfähiger öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) vorhanden ist. Ungewünschten Effekten sollte frühzeitig mit politischen Instrumenten entgegengelenkt werden.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch die Studie "Automatisiertes Fahren im Personen- und Güterverkehr" des DLR [Frae17]. Daraus gehen in einer Umfrage ein besserer Verkehrsfluss und ein geringerer Verbrauch als größte erwartete Vorteile autonomer Fahrzeuge hervor. Positive Effekte hinsichtlich der Umweltauswirkungen sind durch die Steigerung der Effizienz im autonomen und vernetzen Verkehr möglich, im Wesentlichen durch effiziente Kolonnenfahrten, der Homogenisierung des Verkehrs und dem optimaleren Betrieb. Aus der Verbrauchersicht steigen mit autonomen Automobilen der Komfort und die Sicherheit erheblich an. Auch die Reisezeitbewertung wird sich wandeln, da während der Reisezeit andere Tätigkeiten erledigt werden könnten. Ebenso können neue Nutzergruppen wie körperlich behinderte oder altersbedingt fahruntaugliche Menschen und Minderjährige an Mobilität gewinnen. Diese Attraktivität autonomer Automobile könnte dazu führen, dass die gewonnene Effizienzsteigerung mit einem deutlich wachsenden Verkehrsaufkommen und einer Überlastung der Infrastruktur einhergeht und somit kein positiver Effekt für die Umwelt erzielt wird. Die Vor- und Nachteile von vollautomatisierten Fahrzeugen werden in Abbildung 1 für den Privatbereich und in neuen Mobilitätskonzepten gegenübergestellt (grau dargestellte Auswirkungen führen zu einem Anstieg der Fahrleistung und damit verbundenen negativen Umwelteffekten, gelb dargestellte Auswirkungen führen zu einer Umweltentlastung, unsichere Auswirkungen sind grau gestrichelt dargestellt und in den hier vorliegenden Szenarienrechnungen nicht berücksichtigte Effekte sind mit ** markiert).
Schematische Darstellung der Auswirkungen auf die Fahrleistung im Straßenverkehr Abb. 1: Schematische Darstellung der Auswirkungen auf die Fahrleistung im Straßenverkehr und der daraus resultierenden Umwelteffekte durch die Einführung vollautomatisierter Fahrzeuge in die Privatflotte und in die Flotte neuer Mobilitätskonzepte [Frae17, S. 32] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Wie bereits erwähnt, kann ein Ausbau des ÖPNV mit zusätzlichen Angeboten wie Carsharing-Konzepten oder autonomen Minibussen negativen Umweltauswirkungen entgegenwirken. Die zukünftige Ausrichtung des ÖPNV [AcKr16a], die Entwicklung beziehungsweise Einbindung neuer Technologien [DBAG18l, Trap18a, Jode18] und insbesondere die Marktdurchdringung von Mobilitätskonzepten (Carsharing, Carpooling, Rideselling und weitere) wird einen starken Einfluss darauf haben, ob und in welchem Ausmaß positive Umwelteffekte durch autonomes und vernetztes Fahren erzielt werden können. Das Potenzial dazu ist vorhanden, jedoch sind die richtigen Weichenstellungen durch die Politik nötig.
Spekulative Vorhersagen zu allen beteiligten Bereichen und Branchen gibt der Sozial- und Umweltpsychologe Marco Lalli in seinem Buch "Autonomes Fahren und die Zukunft der Mobilität" [Lall16a].
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Verkehrs- und Umweltwirkungen des automatisierten und vernetzten Fahrens im Straßenverkehr (Stand des Wissens: 15.08.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?503150
Literatur
[AcKr16a] Till Ackermann, Sebastian Krieg Auswirkungen des Autonomen Fahrens auf den Öffentlichen Verkehr, 2016/05/25
[DBAG18l] Deutsche Bahn AG Konzern (Hrsg.) Autonome Elektrobusse, 2018
[DLR18f] DLR - Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Institut für Verkehrsforschung (Hrsg.) Aktuelle Projekte, 2018
[DLR18g] DLR - Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Institut für Verkehrsforschung (Hrsg.) Testfeld Niedersachsen für automatisierte und vernetzte Mobilität, 2018
[Frae17] Eva Fraedrich, Lars Kröger, Francisco Bahamonde-Birke, Ina Frenzel, Gernot Liedtke, Stefan Trommer, Barbara Lenz, Dirk Heinrichs Automatisiertes Fahren im Personen- und Güterverkehr
Auswirkungen auf den Modal-Split, das Verkehrssystem und die Siedlungsstrukturen, Stuttgart, 2017
[Jode18] Nicole Y. Jodeleit CUbE: Autonomes Fahren im Personenverkehr, 2018
[Lall16a] Marco Lalli Autonomes Fahren und die Zukunft der Mobilität, sociotrend GmbH, Leimen, 2016
[Sued18] Pia Ratzesberger BMW eröffnet Forschungszentrum für autonomes Fahren, 2018/04/12
[Trap18a] Trapeze (Hrsg.) Autonome Fahrzeuge revolutionieren den öffentlichen Verkehr, 2018
[TÜVR18b] TÜV Rheinland Group (Hrsg.) In Zukunft mit Autopilot: Für die meisten durchaus denkbar, 2018
[UnSt16a] Universität Stuttgart (Hrsg.) MEGAFON: Modellergebnisse geteilter autonomer Fahrzeugflotten des öffentlichen Nahverkehrs, 2016/12/12
[VMBW18] Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg (VM) (Hrsg.) Autonomes Fahren, 2018
Glossar
Verkehrsfluss
Unter Verkehrsfluss versteht man die Anzahl der Fahrzeuge, die eine vordefinierte Verkehrs(quer)fläche pro Zeiteinheit durchfährt.
Carsharing
Der Begriff CarSharing stammt aus dem Englischen (car= Auto, to share= teilen) und kann sinngemäß mit der Bedeutung "Auto teilen" übersetzt werden. Er beschreibt die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Kraftfahrzeugen, die meist von Unternehmen gegen Gebühr bereitgestellt werden.
Durch einen Rahmenvertrag oder eine Vereinsmitgliedschaft erhalten Kunden flexiblen Zugriff auf alle Kfz eines Anbieters. Die Fahrzeuge können über eine Webseite oder über eine Smartphone-App gebucht werden. Geöffnet werden sie in der Regel mit Hilfe von Chipkarten oder durch einen über die Smartphone-App vermittelten Zugangscode .
Bei dem System des stationsbasierten CarSharing stehen die Fahrzeuge auf reservierten Stellplätzen und werden nach der Nutzung auch wieder dorthin zurückgebracht. Ein anderes Modell ist das free-floating CarSharing. Hier stehen die Fahrzeuge in einem definierten Operationsgebiert verteilt. Sie können per Smartphone geortet werden und nach der Nutzung auf einem beliebigen Stellplatz innerhalb des Operationsgebiets zurückgegeben werden.
Öffentlicher Personennahverkehr
Der öffentliche Personennahverkehr ist juristisch im Personenbeförderungsgesetz (PBefG) definiert. Laut Paragraf 8, Absatz 1 und 2 umfasst der ÖPNV "die allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Straßenbahnen, Obussen und Kraftfahrzeugen im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen". Taxen oder Mietwagen können dieses Angebot ersetzten, ergänzen oder verdichten.
Der Begriff ÖPNV bezieht sich in der Regel auf Strecken mit einer gesamten Reiseweite von weniger als 50 Kilometern oder einer gesamten Reisezeit von weniger als einer Stunde. Das in einer Stadt oder Region erforderliche Nahverkehrsangebot und dessen Eignung hinsichtlich Nachhaltigkeit und Klimaschutz wird in einem Nahverkehrsplan definiert und festgehalten.
Verkehrsaufkommen Das Verkehrsaufkommen beschreibt die Anzahl der zurückgelegten Wege, beförderten Personen oder Güter pro Zeiteinheit. Im Unterschied dazu bezieht sich das spezifische Verkehrsaufkommen auf zurückgelegte Wege und beschreibt die mittlere Anzahl der Ortsveränderungen pro Person und Zeiteinheit.
Szenarien Ein Szenario ist ein Bild der Zukunft, das sich aus einer bestimmten Kombination von relevanten Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen entwickelt. Das grundsätzliche Anliegen von Szenarien besteht darin, verschiedene Handlungsoptionen zu verdeutlichen und ihre Folgewirkungen transparent zu machen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?503065

Gedruckt am Mittwoch, 5. Oktober 2022 08:38:05