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Anwendungsbereiche des automatisierten und vernetzten Fahrens im Güterfernverkehr

Erstellt am: 12.08.2019 | Stand des Wissens: 26.04.2022
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Zeitnah werden betriebliche Vorteile durch die Automatisierung und Vernetzung von Güterfahrzeugen im Bereich des Fernverkehrs erwartet. Insbesondere Autobahnen bieten einen Einsatzbereich des Güterverkehrs, der das automatisierte und vernetzte Fahren (AVF) durch Fahrerassistenzsysteme sowie Konzepte wie das Platooning in rechtlicher sowie in technischer Hinsicht schon bald ermöglichen könnte [Frae17]. So soll es im Jahr 2023 in Europa möglich sein, im grenzüberschreitenden Fernverkehr auf Autobahnen automatisiert und vernetzt in Platoons zu fahren [acea17]. Beim sogenannten Platooning handelt es sich um die elektronische Verkettung mehrerer Lkw zu einem Konvoi, wobei die Lkw mit dem Führungsfahrzeug und untereinander elektronisch gekoppelt sind, um in Echtzeit kommunizieren zu können. Das Führungsfahrzeug des Konvois ist so in der Lage, sein Fahrverhalten auf die nachfolgenden Lkw zu übertragen, sodass Beschleunigungs- oder Bremsmanöver synchron von allen Fahrzeugen ausgeführt werden können. Je nach Variante legen alle Lkw die gleiche Strecke zurück oder einzelne Fahrzeuge können sich flexibel dem Konvoi anschließen und ihn verlassen [Frae17; VDA16a]. Die bisherigen Platooning-Projekte beruhen auf erprobter Technik, wie beispielsweise den in Serien-Lkw verbauten Adaptive-Cruise-Control-Systemen, die der Abstandskontrolle dienen. Die drahtlose Datenübertragung zwischen Führungs- und Folgefahrzeug erfolgt beispielsweise mittels WLAN oder Infrarot [Flä15].

Der Fahrer des Lkw soll in der Platoon-Kolonne zum einen von stressbehafteten Fahrsituationen entlastet werden und zum anderen an freier Arbeitszeit dazugewinnen, die für weitere Tätigkeiten wie die Tourenplanung oder das Fuhrparkmanagement genutzt werden könnte. In anderen Szenarien ist nur noch das Führungsfahrzeug bemannt, während die anderen Fahrer ganz entfallen [Flä15]. Jedoch wird das Platooning auch kontrovers diskutiert und es lassen sich ebenso gewichtige Gründe gegen automatisierte Nutzfahrzeuge auf Autobahnen finden. So steht das Platooning in einer direkten Konkurrenz zum Schienengüterverkehr, wobei (wie zuvor bereits beim Lang-Lkw) eine Verlagerung von der Schiene auf die Straße befürchtet wird, die den politischen Zielen einer Verkehrsverlagerung auf die Schiene und einer damit einhergehenden CO2-Minderung, Unfallreduzierung und Stauverringerung entgegensteht. Darüber hinaus führt die Entwicklung hin zum AVF im Straßengüterverkehr zu einer Abnahme der benötigten Anzahl an Berufskraftfahrern, was trotz des Berufskraftfahrermangels in Deutschland das Entfallen von dringend benötigten Arbeitsplätzen (insbesondere in anderen Ländern) zur Folge hätte [Flä15].

Das AVF wird sich auch auf das Zusammenspiel verschiedener Verkehrsträger im Güterverkehr auswirken. Wenn auch multimodale Transportketten in einem automatisierten und vernetzten Verkehrssystem möglich sein sollen, müssen straßen- und schienengebundene Verkehrsträger mit intelligenter Verkehrsinfrastruktur und Verkehrsleitsystemen (Verkehrszeichen, Lichtsignalanlagen) auf Basis von Informations- und Kommunikationstechnologien vernetzt werden [AgVe17].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Verkehrs- und Umweltwirkungen des automatisierten und vernetzten Fahrens im Straßenverkehr (Stand des Wissens: 15.08.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?503150
Literatur
[acea17] ACEA (Hrsg.) What is Truck Platooning?, 2017
[AgVe17] Christian Hochfeld, Alexander Jung, Anne Klein-Hitpaß, Urs Maier, Kerstin Meyer, Fritz Vorholz Mit der Verkehrswende die Mobilität von morgen sichern: 12 Thesen zur Verkehrswende, 2017/03
[Flä15] Heike Flämig Autonome Fahrzeuge und autonomes Fahren im Bereich des Gütertransportes, veröffentlicht in Autonomes Fahren - Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte, 2015, ISBN/ISSN 978-3-662-45853-2
[Frae17] Eva Fraedrich, Lars Kröger, Francisco Bahamonde-Birke, Ina Frenzel, Gernot Liedtke, Stefan Trommer, Barbara Lenz, Dirk Heinrichs Automatisiertes Fahren im Personen- und Güterverkehr
Auswirkungen auf den Modal-Split, das Verkehrssystem und die Siedlungsstrukturen, Stuttgart, 2017
[VDA16a] Verband der Automobilindustrie e.V. (Hrsg.) Automatisiertes Fahren, 2016
Glossar
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
WLAN
Als Wireless Local Area Network (WLAN, deutsch: drahtloses lokales Netzwerk) wird ein lokales Funknetz und dessen verschiedene Techniken und Standards bezeichnet.
Platooning
Der Begriff Platooning beschreibt die Organisationform von mehreren fahrerlosen Fahrzeugen als Konvoi. Dabei befindet sich lediglich im führenden Vehikel ein Fahrer. Die Fahrzeuge sind mittels digitaler Datenverbindung miteinander verknüpft. Mit Hilfe verschiedenster Softwaresysteme wird versucht, das Betreten und Verlassen dieser Konvois so flexibel wie möglich zu gestalten.
Szenarien Ein Szenario ist ein Bild der Zukunft, das sich aus einer bestimmten Kombination von relevanten Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen entwickelt. Das grundsätzliche Anliegen von Szenarien besteht darin, verschiedene Handlungsoptionen zu verdeutlichen und ihre Folgewirkungen transparent zu machen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?502830

Gedruckt am Freitag, 27. Mai 2022 08:39:23