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Anwendungsbereiche des automatisierten und vernetzten Fahrens in der urbanen Logistik

Erstellt am: 12.08.2019 | Stand des Wissens: 26.04.2022
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Ein Einsatzbereich automatisierter und vernetzter Fahrzeuge ist der städtische Verkehr. Für Güterverkehr und Logistik sind urbane Gebiete meist besonders herausfordernd, da einerseits erwartet wird, dass ansteigende, immer kleinteiligere Warenmengen individuell und effizient auf der letzten Meile (im letzten Transportsegment bis zur Haustür) ausgeliefert werden [McKi16]. Die weltweite Nachfrage nach letzte Meile Dienste soll Prognosen nach bis 2030 um 78 Prozent steigen [Lehm20a]. Andererseits liegt aber eine hochbelastete Verkehrsinfrastruktur vor, in der auch die Lärm- und Umweltbelastung bereits sehr ausgeprägt ist. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie eine sichere und möglichst umweltverträgliche Ver- und Entsorgung der Innenstädte stattfinden und welche Rolle das automatisierte und vernetzte Fahren (AVF) hierbei spielen kann [Fraun14]. Insbesondere Kurier-, Express- und Paketdienste erhoffen sich durch das AVF zeitliche Entlastungen bei ihren Zustellungen im urbanen Raum.

Speziell der Zeitaufwand des Transports soll mithilfe des AVF deutlich reduziert werden, indem das Fahrzeug Parkvorgänge sowie kürzere Wegstrecken selbstständig bewältigt. Auch Wege zur Beladung im Distributionszentrum und zur Entladung in der Stadt können automatisiert zurückgelegt werden [Kück14]. Zudem könnten durch effizientes Routing verkehrsaufkommensstarke Stadtbereiche und Zeiten gemieden werden, sodass es zu einer zeitlichen Verlagerung der Personen- und Güterverkehrsfahrten kommt [Fraun14; Flä15, S.396]. Zusätzlich kann das Monitoring der Waren erleichtert werden [Fraun14].

Herausforderungen bei der Automatisierung der letzten Meile ergeben sich aus der komplexen und dynamischen Umgebung, die durch die Vielzahl der Verkehrsteilnehmer und deren jeweils individuellen Bewegungsmuster im städtischen Straßenverkehr entsteht [Frae17]. Die zentrale Frage für die urbane Logistik ist, ob die automatisierten und vernetzten Systeme in der Lage sein werden, die komplexe Umgebung zu erfassen und angemessen auf diese zu reagieren beziehungsweise mit dieser zu interagieren [Kück14].

Neben der Automatisierung und Vernetzung im urbanen Güterverkehr werden auch gänzlich neue Zustellkonzepte entwickelt, die eine anderweitig automatisierte Zustellung sowie weitere Service-Innovationen ermöglichen sollen. Der Vision Van von Mercedes stellt beispielsweise ein Projekt dar, das versucht, verschiedene Konzepte für eine optimierte Zustellung im urbanen Raum zu bündeln. So verfügt der Van über einen vollautomatisierten Laderaum, integrierte Drohnen zur autonomen Luftzustellung und neuartige Kommunikations-Features. Das Konzept des Vision Vans geht somit über einen reinen Transporter hinaus und integriert zusätzlich die Kompetenzen eines intelligenten Logistiklagers [Daim18b]. Ein weiteres, denkbares Szenario ist, dass Empfänger den Lieferort und die Lieferzeit eines fahrerlosen Pakettransporters per App vollständig frei bestimmen können [DPD16]. Der Paketdienst Hermes hat im Herbst 2016 einen sechsmonatigen Pilottest mit einer solchen Zustellung durch einen Roboter durchgeführt, wobei der Roboter Pakete von einem Hermes-Shop in einem Umkreis von drei bis vier Kilometern zustellt. Navigiert wird der Roboter hierbei über Satellitenortung. Nach Aussage des Unternehmens habe der Pilottest in Hamburg ergeben, dass der Nutzen für den Endkunden noch zu gering sei, um den Service als dominante Zustellform zu nutzen [Bert17]. Eigentlich sollten die Roboter schon lange im alltäglichen Betrieb unterwegs sein, regelmäßig durch die Städte fahren und Pakete zustellen. Dies ist jedoch noch nicht der Fall [Kapa21]. Zurzeit werden Transportroboter von der Asklepios-Klinik in Hamburg genutzt, um Blutproben, Covid 19-Tests und wichtige Medikamente zwischen den Standorten Heidberg und Ochsenzoll zu transportieren. Außerdem werden diese für Auslieferungen von Covid 19-Tests in den Hamburger Stadtteilen Eimsbüttel und Altona genutzt [AKH21].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Verkehrs- und Umweltwirkungen des automatisierten und vernetzten Fahrens im Straßenverkehr (Stand des Wissens: 15.08.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?503150
Literatur
[AKH21] Asklepios Kliniken Hamburg GmbH (Hrsg.) Innovation: Asklepios Klinik Nord und Medilys setzen autonome Lieferroboter zwischen den Standorten Heidberg und Ochsenzoll ein, 2021/02/23
[Bert17] Ingo Bertram Wie Innenstädte künftig beliefert werden können, 2017/12/27
[Daim18b] Daimler AG (Hrsg.) Mercedes-Benz Vision Van: Ein elektrisch betriebener, automatisierter und vollvernetzter Transporter von Mercedes-Benz Vans revolutioniert die Zustellung auf der letzten Meile , 2018
[DPD16] DPD Dynamic Parcel Distribution GmbH & Co. KG (Hrsg.) Autonomes Fahren in der Paketzustellung, 2016/10
[Flä15] Heike Flämig Autonome Fahrzeuge und autonomes Fahren im Bereich des Gütertransportes, veröffentlicht in Autonomes Fahren - Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte, 2015, ISBN/ISSN 978-3-662-45853-2
[Frae17] Eva Fraedrich, Lars Kröger, Francisco Bahamonde-Birke, Ina Frenzel, Gernot Liedtke, Stefan Trommer, Barbara Lenz, Dirk Heinrichs Automatisiertes Fahren im Personen- und Güterverkehr
Auswirkungen auf den Modal-Split, das Verkehrssystem und die Siedlungsstrukturen, Stuttgart, 2017
[Fraun14] Alex Vastag Urbane Logistik - neue Lösungsansätze für die Stadt der Zukunft, Kassel, 2014/06/25
[Kapa21] Kapalschinski, Christoph Warum die Lieferroboter immer noch nicht durch die Städte rollen, 2021/05/25
[Kück14] Markus Kückelhaus Self-Driving Vehicles in Logistics, 2014
[Lehm20a] Lehmann, Sandra Studie: Anteil der Letzte-Meile-Dienste steigt bis 2030 um 78 Prozent, 2020/01/14
[McKi16] McKinsey & Company (Hrsg.) Delivering change: The transformation of commercial transport by 2025, 2016/09
Glossar
App
Ist eine Abkürzung für den Fachbegriff Applikation (App) und bezeichnet eine Anwendungssoftware, die für mobile Endgeräte, wie Smartphone oder Tablet-PC entwickelt wurde. Apps können als Zusatzsoftware auf mobilen Endgeräten installiert werden und erweitern dadurch deren Funktionsumfang. Je nach Betriebssystem kann der Nutzer auf eine Vielzahl von mobilen Applikationen auf dem vom Betriebssystem bereitgestellten Marktplatz kostenpflichtig oder kostenlos zugreifen.
Letzte Meile
Im Bereich der Telekommunikation bezeichnet die "letzte Meile", auch Teilnehmeranschlussleitung genannt, die Netzstrecke zwischen dem lokalen Verteilerkasten des entsprechenden Kommunikations-Unternehmens und dem Hausanschluss des Endkunden.
In der Logistik steht der Begriff für die Belieferung des Endkunden im Liefer- und Abholverkehr, also dem letzten notwendigen Transportvorgang.
Szenarien Ein Szenario ist ein Bild der Zukunft, das sich aus einer bestimmten Kombination von relevanten Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen entwickelt. Das grundsätzliche Anliegen von Szenarien besteht darin, verschiedene Handlungsoptionen zu verdeutlichen und ihre Folgewirkungen transparent zu machen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?502818

Gedruckt am Dienstag, 4. Oktober 2022 19:46:24